Das tibetische Heilyoga Lu Jong – die älteste bekannte Bewegungslehre

Lu Jong bedeutet wörtlich übersetzt Körpertraining (Lu = Körper, Jong = Training oder Transformation) und ist ein kostbarer Schatz der Tibeter.

tibet-yoga

Diese besondere Praxis entstand vor etwa 8.000 Jahren und wurde von Mönchen entwickelt, die als Eremiten in den Bergen Tibets abgeschieden von jeder ärztlichen Versorgung lebten. Aufgrund seiner besonderen Entstehungsgeschichte in der Tradition des tibetischen Buddhismus unterscheidet sich das tibetische Heilyoga Lu Jong vom Yoga, dessen Anfänge vor ungefähr 4.000 Jahren in Indien begonnen haben. Auch Qi Gong, das vor etwa 5.000 Jahren in China entstand und aus dem später Taichi und andere Übungen hervorgingen, liegt eine andere Tradition zugrunde.

Die besonderen Körperübungen des Lu Jong haben ihren Ursprung in der Bön-Tradition, der ältesten Religion Tibets, die ursprünglich im Gebiet des heutigen Iran entstand und sich mit der Natur, dem Leben und dem Geist befasst. Sie wurden bis heute nur mündlich von Meister zu Schüler weitergegeben, da es sich um „verborgene Lehren“ des Buddhismus handelt. Obwohl Lu Jong seinen Ursprung in vor-buddhistischen Traditionen hat und vor vielen tausend Jahren von tibetischen Eremiten für die Gesunderhaltung ihres Körpers entwickelt wurde, hat diese Praxis nichts mit Glauben oder Religion zu tun. In den tibetischen Klöstern wurden immer nur einige wenige Mönche ausgewählt, die dieses Wissen bei einem Meister erlernen durften. Dennoch werden einige Übungen nun auch der Öffentlichkeit bekannt gemacht, weil sie in direkter Verbindung mit der tibetischen Medizin stehen.

Der Weg des Lu Jong in den Westen

Der bekannte buddhistische Meister und Arzt für tibetische Medizin, Tulku Lobsang, begann mit 13 Jahren Lu Jong zu praktizieren. Neben seinem Onkel und Lehrer, der ihn in die Lehren des Lu Jong einführte, suchte er viele Meister verschiedener buddhistischen Schulen auf, um dort seine Kenntnisse immer weiter zu ergänzen. So konnte er Übungen aus unterschiedlichen Schulen und Traditionen zusammentragen. Tulku Lobsang musste später, wie so viele andere lehrende Buddhisten, aus Tibet in den Westen fliehen und begann auf Einladung seiner westlichen Schüler dort über tibetische Medizin, Astrologie, Meditation und Buddhismus zu sprechen. Beim Zusammentreffen mit vielen westlichen Menschen konnte er beobachten, dass diese den Bezug zur Natur verloren haben und das westliche Denksystem und die Arbeitsweise sie dazu zwingen, unnatürlich zu leben. Die Sensibilität für den eigenen Körper und schädliche Einflüsse für Körper und Geist werden von vielen kaum noch wahrgenommen. Emotionales Ungleichgewicht, Herzprobleme oder Probleme mit der Wirbelsäule sind die Folge davon. Mit den Übungen des Lu Jong können wir diesen Folgen entgegenwirken. Tulku Lobsang sieht sich als tibetischer Arzt dazu verpflichtet, mit seinem Wissen den Menschen zu helfen. Er hat daher seit einigen Jahren begonnen, diese Praxis im Westen zu unterrichten und Lehrer für Lu Jong auszubilden. Dafür modifizierte er die ursprünglichen Übungen so, dass sie für Menschen jeden Alters und unabhängig von der eigenen körperlichen Beweglichkeit praktiziert werden können.

Wirkungsweise des Lu Jong

Im Lu Jong fließen die bei den Meistern vorhandenen Kenntnisse über Natur, Tiere, Geist und Körper in die Übungen ein sowie die Erkenntnis, dass die fünf Elemente (Raum, Erde, Wind, Feuer und Wasser) einen großen Einfluss auf die Menschen haben. Die Meister hatten erkannt, dass Geist und Atem in einer engen Verbindung zueinander stehen und welche Auswirkungen der feinstoffliche Wind, tibet. „lung“, auf unsere Lebensenergie und somit auf unsere Gesundheit hat. Sie beobachteten die Tiere und ihre Verhaltensweise in bestimmten Situationen und entdeckten dadurch die heilenden Kräfte der Natur. Deshalb tragen viele Lu Jong-Übungen auch Namen von Tieren und sind deren Bewegungen nachempfunden.

Lu Jong als allumfassende Bewegungslehre stärkt nicht nur unseren Körper, sondern auch den Geist. Der Fokus der Übungen liegt auf einer sanften Arbeit mit der Wirbelsäule. Denn ist diese gesund und kräftig, kann sie – ähnlich wie dies ein Baumstamm für seine Äste, Blätter und Blüten tut – allen Nerven und Organen die notwendigen Nährstoffe zuführen.

Auf körperlicher Ebene wirkt Lu Jong daher kräftigend auf die Muskulatur, fördert die Beweglichkeit und ein besseres Körperbewusstsein. Mental helfen uns die Übungen dabei, negative Emotionen zu überwinden, ein emotionales Gleichgewicht zu erreichen und unsere Energie zu steigern. Durch Lu Jong können sich Blockaden in den feinstofflichen Körperkanälen lösen, sodass der richtige Fluss der Energien wieder hergestellt wird. Dies wirkt sich wiederum positiv auf die Gesundheit von Körper und Geist aus.

Durch regelmäßiges Üben wird unser Wohlbefinden, unsere Körperwahrnehmung und unsere innere Sensibilität, sowie die Konzentrationsfähigkeit und Vitalität gestärkt.

Hintergründe zur tibetischen Medizin

Wie bereits erwähnt, stehen die uns bekannten Lu Jong-Übungen in enger Verbindung mit der tibetischen Medizin. Sie basiert auf der Auffassung, dass die harmonische Wirkung der Elemente sehr wichtig für die Gesundheit ist und Krankheiten entstehen, wenn das Gleichgewicht der Elemente im Menschen gestört ist. Unser Körper besteht aus den fünf genannten Elementen, deren Grundlage gemäß tibetischer Medizin der Wind ist. Wenn dieser harmonisiert wird, können auch alle anderen Elemente ausgeglichen im Körper fließen. Gesundheit oder Krankheit hängen laut tibetisch-medizinischer Auffassung mit den Meridianen (Körperkanälen) zusammen, von denen mehr als 72.000 unseren Körper durchlaufen und die sich in drei Hauptkanälen sammeln. Daher ist es wichtig, diese durch bestimmte Übungen weich und durchlässig zu erhalten. Somit ist die Balance der fünf Elemente und offene Körperkanäle maßgeblich für die Gesundheit des Menschen.

Jede Lu Jong-Übung hat einen spezifischen Nutzen gegen bestimmte Krankheitsgruppen und negative emotionale Geisteszustände, bei denen wir unter Umständen Handlungen durchführen, die anderen und uns selbst schaden. Durch die regelmäßige Lu Jong Praxis beeinflussen wir unseren Geist und das Erkennen und lenken dadurch den Fokus unserer Gedanken auf das Positive und Schöne.

Wie führe ich Lu Jong am besten durch?

Die beste Tageszeit, um Lu Jong zu praktizieren, sind die frühen Morgenstunden nach Sonnenaufgang, noch bevor die Sonnenstrahlen den Boden berühren. Denn hier herrscht nach tibetischer Lehre das Raumelement vor, was bedeutet, dass beim Einatmen der Wind als unsere Lebensenergie tief in alle Kanäle des Körpers eindringen und durch sie hindurchfließen kann. Die Bewegungen haben dann die größte Wirkung auf den Körper. Die Zeit abends zwischen Sonnenuntergang und dem Erscheinen der Sterne am Himmel stellt ebenfalls eine sehr gute Zeit zum Praktizieren von Lu Jong dar. Hier dominiert das WasserElement, das den Geist entspannt und klar macht. Dadurch kann der Wind ungehindert durch den Körper fließen.

Bei Lu Jong wird jede einzelne Übung mindestens siebenmal wiederholt, damit sich die positiven Auswirkungen auf unseren Körper auch richtig entfalten können. Alles wird in fließenden und sehr achtsamen Bewegungen mit moderater Geschwindigkeit durchgeführt.

Es ist wichtig, immer auf die eigene körperliche Beweglichkeit, vorhandene Problembereiche und Kondition zu achten und niemals über die eigenen körperlichen Grenzen hinauszugehen oder gewaltsam zu arbeiten. Der Körper wird nur so weit gedehnt, gebeugt oder gebogen wie es jedem Einzelnen ganz persönlich gut tut. Dabei ist immer ein bestimmtes Atemmuster zu beachten, das zu einer Vertiefung der Wirkung des Lu Jong führt.

Nach jeder Übung wird der hierbei im Zentralkanal angesammelte „Wind der Abfallstoffe“ mit Hilfe einer sog. Abfallbeseitungsatmung, tibetisch „Lung Ro Sel“ genannt, dreimal ausgeatmet. Wir atmen dabei tief durch die Nase ein und durch den Mund mit einem tonlosen „HAA“ wieder aus. Dies ist wichtig, damit alle Störungen, Stauungen und Verunreinigungen und damit auch negative Emotionen beseitigt werden. Mit dem tiefen Ausatmen, das durch das Mantra „HAA“ unterstützt wird, leiten wir bewusst alles Negative aus dem Körper.

Die Übungen des Lu Jong

Lu Jong kann entweder im Stehen oder Sitzen ausgeübt werden, wobei verschiedene Sitzpositionen möglich sind. Man kann die sitzenden Übungen im Lotossitz, dem halben Lotossitz oder im offenen Lotossitz praktizieren. Es ist auch möglich, auf einem Stuhl zu sitzen, wenn das Sitzen auf dem Boden schwerfällt.

Die im Westen bekannten und hier gelehrten Übungen werden in mehrere Gruppen eingeteilt. Die Basis der täglichen Lu Jong Praxis stellen die fünf Grundübungen für die Öffnung der fünf Elemente dar, die grundsätzlich immer am Anfang einer Übungssequenz gemacht werden.

Dann gibt es weitere Gruppen für die Beweglichkeit der fünf Körperteile (z. B.  Kopf und Nacken oder Rücken), für eine gesunde Aufrechterhaltung der Vitalorgane (wie beispielsweise Herz und Lunge) und gegen bestimmte Problembereiche (wie z. B. Depressionen oder Erkältungen). Nach dem Üben von Lu Jong bietet es sich hervorragend an, zu meditieren, da unser Geist dann ruhig und klar und unsere Emotionen ausgeglichen sind.

Wo kann ich Lu Jong erlernen?

Weil bei dieser viele tausend Jahre alten Bewegungslehre der Bezug zur tibetischen Medizin und die Wahrung der buddhistischen Traditionen gewahrt und geachtet werden sollte, ist es ratsam, Lu Jong bei einem der ausgebildeten und bei der Organisation von Tulku Lobsang zertifizierten Lehrer zu erlernen und zu praktizieren. Das Einnehmen der korrekten Position und die exakte Durchführung der Bewegungen unter Berücksichtigung des Atemschemas und der Geschwindigkeit, mit der wir üben, sind bei Lu Jong sehr wichtig, damit die Übungen positiv und zum Wohle des Praktizierenden wirken. Ein Lehrer kann auch Ernährungstipps oder weiterführende Hinweise und Ratschläge geben, falls einmal Schwindel oder Schmerzen während der Übungen auftreten sollten. Dies kann passieren, wenn zu intensiv, zu verkrampft oder mit zu schneller Geschwindigkeit geübt wurde. Auch wird ein entsprechend ausgebildeter Lehrer eine Übungssequenz mit einleitenden Aufwärmübungen und Atemtraining beginnen und abschließende Entspannungsübungen oder Meditationen anbieten. Nachdem Lu Jong über einen längeren Zeitraum unter Anleitung geübt wurde und man sicher sein kann, alle Übungen korrekt durchzuführen, kann man diese Praxis selbständig üben und sollte dies auch täglich tun.

Abschließend möchte ich sagen, dass das tägliche Praktizieren von Lu Jong mir selbst sehr dabei geholfen hat, Rücken- oder Gelenkbeschwerden loszuwerden, eine noch bessere Sensibilität für die Signale des Körpers und mehr Beweglichkeit zu entwickeln. Negative Emotionen rücken nicht mehr so stark in den Vordergrund und es gelingt mir immer mehr, diese in positive umzuwandeln.

Diese speziellen Körperübungen können natürlich am besten in individuellen Einzelstunden oder Gruppenkursen erlernt werden. Jedoch bietet es sich in Zeiten eingeschränkter Kontaktmöglichkeiten auch an, eines der Online-Angebote eines ausgebildeten Lehrers anzunehmen und an wöchentlichen Kursen für dieses ganz besondere tibetische Heilyoga teilzunehmen.                                                 

Die Übungen des Lu Jong erscheinen einfach, sie können jedoch unser Leben verändern!

„Mögen die Übungen des Lu Jong die Leiden der Menschen lindern.“ Tulku Lobsang

Autor: Karin Savignano, Zertifizierte Lehrerin für tibetisches Heilyoga Lu Jong
Thema: Das tibetische Heilyoga Lu Jong
Webseite: https://www.soundsandsilence.de

Autorenprofil Karin Savignano:

Karin Savignano, DPS-zertifizierte Entspannungstrainerin, zertifizierte Lehrerin für Lu Jong in der Tradition von Tulku Lobsang, 2 Jahre Grundausbildung in tibetischer Medizin und Massagen.

#Entspannung, #Naturheilkunde, #Zufriedenheit

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