Etwa jeder dritte Deutsche1 ist psychisch krank. Aber wann beginnen psychische Erkrankungen; Woran erkennt man sie; Wie grenzt sie sich ab vom „Normal-Sein“?

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Um diese Fragen zu beantworten, sollte vorerst geklärt werden, was denn genau die Psyche ist, die da krank werden kann. Der Duden spricht von „der Gesamtheit des menschlichen Fühlens“, aus psychologischer Sicht gehört das „Denken“ noch mit dazu. Eine Störung der Psyche bedeutet somit eine Störung im Denken und/oder im Gefühlsleben eines Menschen. Und nichts macht uns mehr aus als gerade dies! Unser ganz eigenes Fühlen und unser so eigenes Denken machen uns zu dem, wer wir sind, formen unsere Persönlichkeit.

Und wer entscheidet, ob noch normal oder nicht mehr so ganz?

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat zur Definition krankheitsbezogener Diagnosen – und es gibt über 500 - eine Übersicht zusammengestellt, die ICD (International Classification of Diseases), aktuell sind wir bei der 10. Auflage, die 11. wird im Januar 2022 erwartet. Der deutsche Herausgeber ist das Deutsche Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit. Die ICD-10 ist in 22 Kapitel unterteilt, Kapitel V (5) beschreibt „Psychische und Verhaltensstörungen“.

Die Codierung der neun Unterkapitel im Kapitel V beginnt jeweils mit einem F, von F 00 bis F 99, gegebenenfalls befinden sich hinter der „doppelten Zahl“ weitere Zahlen, die die Diagnose noch weiter spezifizieren. So steht „F 32“ zum Beispiel für die Depression, „F 32.11“ weist auf eine „mittelgradige depressive Episode mit somatischem Syndrom“ hin.

Das Autorenteam hat die Inhalte basierend auf der aktuellen, weltweiten Datenlage abgestimmt. So gibt es zu jeder Störung eine Beschreibung und Clusterung aller möglichen Symptome mit einem Verweis darauf, wie viele Symptome zusammenkommen müssen, um die Diagnose sicher stellen zu können.

Welche psychischen Störungen sind denn im Angebot?

Die ICD-10, Kapitel V, unterteilt sich in nachfolgende neun Unterkapitel:

F 0 Organische, einschließlich symptomatischer psychischer Störungen -> z.B. Demenz

F 1 Psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen -> z.B. Alkohol, Tabak, Cannabis, Kokain

F 2 Schizophrenie, schizotype und wahnhafte Störungen 

F 3 Affektive Störungen -> z.B. Depression, Manie, Bipolare Störung („manisch-depressiv“)

F 4 Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen -> z.B. Phobien, Ängste, Zwänge, Posttraumatische Belastungsstörung

F 5 Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen Störungen und Faktoren -> z.B. Essstörungen, nichtorganische Schlafstörungen, nichtorganische Sexualstörungen

F 6 Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen -> z.B. Persönlichkeitsstörung (zwanghaft, abhängig, impulsiv,…), Störungen der Impulskontrolle (Stehlen, Brandverursachung, Spielsucht…) 

F 7 Intelligenzstörung 

F 8 Entwicklungsstörungen -> z.B. Legasthenie, Autismus

F 9 Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend -> z.B. AD(H)S, Tic-Störungen

Welches sind die häufigsten psychischen Erkrankungen und woran erkenne ich sie?

Gemäß des Deutschen Gesundheitssurvey (DEGS), einer über Jahre andauernden Studie des Robert-Koch-Instituts, gibt es drei Top-Störungen: Angst, Alkoholabhängigkeit, Depression.

Ebenfalls häufig sind aber auch: Zwänge, Somatoforme Störungen, Bipolare Störungen, Psychotische Störungen oder Belastungsstörungen. Je nach Erkrankungen sind eher Frauen (z.B. Depressionen) oder eher Männer (z.B. Alkoholismus), eher Jüngere (z.B. Magersucht) oder eher Ältere (z.B. Demenz), betroffen. Die Ursachen sind oft nicht geklärt, meist spielen Vererbung und/oder belastende Lebensereignisse eine große Rolle. Nachfolgend und beispielhaft die Top 3.

Was macht die Angst zur Angst?

Angst ist nicht gleich Angst! Grundsätzlich ist Angst ein Schutzmechanismus vor Gefahren, also eine gesunde Einstellung. Angst wird erst zum Thema, wenn sie die Lebensqualität einschränkt. Und dann zeigt sie sich mit vielen Gesichtern.

Zum einen sind da die Phobien, d.h. Angst vor konkreten Dingen, Lebewesen oder Situationen. Das kann die Angst vor Knöpfen sein oder auch die Angst vor Spinnen, die Angst vor Menschenmassen oder die Angst, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten. Es gibt nichts, was nicht angstauslösend sein kann. Diese phobische Angst fühlt sich lebensbedrohlich an, man weiß meist ob ihrer Irrationalität, aber die Emotion ist stärker.

Oft geht diese Angst in Panikattacken über. Der Betroffene zeigt also auch deutliche, körperliche Reaktionen. Die Ursachen können sehr unterschiedlich sein. Eine Hundephobie kann z.B. durch ein angstauslösendes Erlebnis entstanden sein, man wurde gebissen. Die Angst vor Menschenmassen kann entstanden sein, da man als kleines Kind z.B. auf einem Weihnachtsmarkt seine Eltern verloren hat und lange völlig auf sich gestellt in tiefster Verzweiflung nach ihnen gesucht hat. Diese Situation kann dann sogar in Vergessenheit geraten, aber die Verknüpfung Menschenmassen = Panik bleibt.

Eine Phobie kann aber auch entstehen, wenn man in einer vollkommen harmlosen Situation ist, dabei aber etwas Schlimmes erlebt oder erfährt und dies wiederum mit der harmlosen Situation verknüpft. Z.B. beobachtet man gerade eine Spinne, während die Mutter vom Tod der Oma erzählt. Ab diesem Zeitpunkt könnten Spinnen ein Synonym für den Tod werden. Manchmal übernimmt man auch Phobien von anderen, meist den Eltern. Haben diese bestimmte Ängste, wie z.B. Höhenangst, wird man sicher oft vor der Höhengefahr gewarnt. Man erlernt die panische Reaktion als eine normale Reaktion. Tun kann man, je nach Ursache der Phobie, einiges. Insbesondere die Verhaltenstherapie ist hier oft eine große Hilfe.   

Zum anderen gibt es noch die unkonkreten Ängste wie z.B. die Panikstörung oder die generalisierte Angststörung. Panikattacken treten paroxysmal auf, d.h. unerwartet, plötzlich. Der Auslöser ist – wenn nicht gekoppelt an eine (konkrete) Phobie – immer ein anderer. Und gerade das macht es für die Betroffenen so schwer. Hinter jeder Ecke kann sie lauern, die plötzliche Attacke, die sich wie ein Herzinfarkt anfühlt. Und so wird die Angst dann zur Angst vor der Angst! Bei der generalisierten Angststörung hingegen ist die Angst ein ständiger Begleiter. Die Betroffenen haben Angst vor vielem, vor möglichen Autounfällen, vor einer Präsentation, vor dem Leben, vor dem Tod. Die Angst ist immer da und allmächtig. Auch gegen diese beiden Formen von Ängsten kann mit entsprechender fachlicher Hilfe viel getan werden. Neben körperlichen Entspannungsmethoden geht man auf die Suche nach den Auslösern. Was will einem die Angst sagen? Auch hier gibt es zahlreiche Gründe wie ein zu hoher Anspruch an sich selbst, zu hohe Anforderungen von außen, fehlendes Selbstbewusstsein, frühkindliche traumatische Erfahrungen.  

Alkohol ist kein Retter in der Not!

alkoholiker betrunken

 Leider ist Alkohol eine durchaus akzeptierte Droge. Positiv gesehen hat Alkohol eine entspannende und angstlösende Wirkung, das typische „Abschalten“ ist möglich. Gerät man zu tief in den Strudel des regelmäßig „Abschalten-Müssens“ entwickelt sich eine furchtbare Erkrankung, die für den Betroffenen lebensbedrohlich ist, für sein Umfeld psychisch kaum zu ertragen und Kosten in Millionenhöhe verursacht. Als akzeptabel wird aktuell eine tägliche Alkoholmenge bei Frauen von 10 g und bei Männern von 20 g angesehen. Was heißt das?

  • Bier, 330 ml, 4,8 Vol.-%  -> 12,7 g Alkohol
  • Wein, 100 ml, 1 Vol.-%  -> 8,8 g Alkohol
  • Tequila, 20 ml, 38 Vol.-% -> 6,1 g Alkohol

Unterschieden werden muss dann zwischen Alkoholmissbrauch und Alkohol-Abhängigkeit. Bereits der Missbrauch, das heißt der regelmäßige übermäßige Verzehr, führt zu körperlichen (z.B. erhöhte Leberwerte) und/oder psychischen Schäden (z.B. Depression). Eine Alkohol-Abhängigkeit ist klar definiert, denn es müssen von den nachfolgend genannten sechs Symptomen mindestens drei vorliegen:

  • Starker Wunsch (Zwang) nach Alkohol, der sich nicht unterdrücken lässt
  • Toleranzentwicklung, d.h. man benötigt immer mehr für das gleiche „Abschalten“-Erlebnis
  • Interessensverlust, da alles dem Alkohol untergeordnet wird
  • Weitertrinken trotz körperlicher und/oder seelischer Schäden
  • Entzugserscheinungen wie Zittern oder Schlafstörungen, wenn man auf Alkohol verzichtet
  • Kontrollverlust, d.h. es kann nicht mehr frei bestimmt werden, wann man mit dem Trinken anfängt bzw. aufhört

Schuld an der Misere ist neben der Genetik auch das zwischenmenschliche Umfeld, also Familie, Freunde, Kollegen bzw. Mitschüler. Der Weg raus aus der Abhängigkeit ist schwer und oft nur in einer Klinik möglich.

Wenn alles nichts ist

 Gemäß ICD-10 wird eine depressive Episode so beschrieben: „Bei den typischen leichten, mittelgradigen oder schweren Episoden leidet der betroffene Patient unter einer gedrückten Stimmung und einer Verminderung von Antrieb und Aktivität. Die Fähigkeit zu Freude, das Interesse und die Konzentration sind vermindert. Ausgeprägte Müdigkeit kann nach jeder kleinsten Anstrengung auftreten. Der Schlaf ist meist gestört, der Appetit vermindert. Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen sind fast immer beeinträchtigt. Sogar bei der leichten Form kommen Schuldgefühle oder Gedanken über eigene Wertlosigkeit vor. Die gedrückte Stimmung verändert sich von Tag zu Tag wenig, reagiert nicht auf Lebensumstände und kann von so genannten "somatischen" Symptomen begleitet werden, wie Interessenverlust oder Verlust der Freude, Früherwachen, Morgentief, deutliche psychomotorische Hemmung, Agitiertheit, Appetitverlust, Gewichtsverlust und Libidoverlust. Abhängig von Anzahl und Schwere der Symptome ist eine depressive Episode als leicht, mittelgradig oder schwer zu bezeichnen.“

Eine Depression ist also deutlich mehr als „einfach mal nicht gut drauf“ sein. Eine Depression ist eine ernste Erkrankung, die mit viel Leiden einhergeht. Ihre Ursachen sind vielfältig. Neben einem hohen Vererbungsfaktor kommen häufig belastende Lebenssituationen oder traumatische Erlebnisse hinzu. Aber z.B. auch Hormone, Neurotransmitter, Licht, Infektionen, erlernte Verhaltensmuster, individuelle Verarbeitungstechniken können einen Einfluss haben. Zum Glück gibt es viele Wege zurück ins Licht, verschiedene Therapieformen und im Extremfall auch medikamentöse Unterstützung.

Fazit

 Normal ist also, wenn es uns mal gut und mal schlecht geht, wenn wir mal Angst haben und mal mutig durch unser Leben schreiten. Normal ist die große, breite Mitte. Eine psychische Störung hingegen verursacht immer Leiden – meist beim Betroffenen, sicher beim Umfeld. Eine psychische Erkrankung kann von Fachleuten nach klaren Kriterien diagnostiziert werden. Das Risiko in seinem Leben einmal betroffen zu sein, ist hoch. Man weiß nicht, ob oder wann, aber wenn es soweit ist, dann wird das ganze Leben auf den Kopf gestellt. Dann sollte man auch nicht lange zögern, sich Hilfe zu holen. Es gibt zahlreiche Wege aus dem Dilemma. Und, ganz offen, das Leben ist doch viel zu schade, um es nicht jeden Tag zu genießen!  

1www.aerzteblatt.de/archiv/134430/Psychische-Erkrankungen-Hohes-Aufkommen-niedrige-Behandlungsrate

Autor: Bettina Köste
Thema: Was sind psychische Erkrankungen
Webseite: http://www.itake.care

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