Wie kann ich feststellen, ob ich von einer posttraumatische Belastungsstörung betroffen bin?

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Wie kann eine PTBS entstehen?

Es sind Ereignisse mit “kürzerer oder längerer Dauer unter außergewöhnlicher Bedrohung oder mit katastrophenartigem Ausmaß, die bei fast jedem Menschen eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würden“, so der Wortlaut im ICD-10-WHO. Interessant ist, dass nicht nur selbsterlebte Gewalttaten oder schwere Unfälle eine PTBS hervorrufen können, auch das Beobachten oder Begleiten solch schwerer Situationen bei anderen Menschen kann in eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) münden.

Welche Grundsymptome zeigt die PTBS (gemäß ICD-10)?

1. ) Wiederholte Erinnerungen an das traumatische Erlebnis in Form von Nachhallerinnerungen (Flashbacks - Wiedererleben früherer Gefühlszustände), Träumen oder Alpträumen

2.) Situationen, die an das traumatische Ereignis erinnern, werden vermieden

3.) Erinnerungen an das traumatische Geschehen sind nicht oder nur unvollständig vorhanden

4.) Symptome von Übererregung und höchster Empfindsamkeit, wie z B. erhöhte Schreckhaftigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten, Überwachsamkeit (Hypervigilanz), Wutausbrüche und Reizbarkeit, Ein- und Durchschlafstörungen

Voraussetzung zur Diagnose PTBS (gemäß ICD-10)?

Mindestens eines der Kriterien aus 1 oder 2 und zusätzlich mindestens 2 der Merkmale aus Punkt 4 müssen erfüllt sein. Die Symptome treten innerhalb von 6 Monaten nach dem belastenden Erlebnis oder der Belastungszeit auf. Von einer PTBS mit verzögertem Beginn spricht man, wenn die Symptome zu einem späteren Zeitpunkt auftreten, dies kann auch erst nach Jahren sein.

Beobachtbar sind zudem Gefühle von Betäubtsein und emotionaler Stumpfheit (Numbing) – Freude oder Kummer werden ähnlich erlebt, erlebbar ist eine Art von Gleichgültigkeit gegenüber Familie, Freunde, Arbeitskollegen etc.

Soweit die Theorie, aber…

Woran kann ich erkennen, dass ich eine posttraumatische Belastungsstörung entwickeln könnte?

Seit einem schrecklichen Erlebnis spüre ich..

…meine Sicht auf die Welt hat sich total verändert:

Mein Vertrauen ins Leben und die Menschen ist erschüttert. Ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit spüre ich nicht mehr. Ich bin viel misstrauischer anderen Menschen gegenüber. Überall sehe ich nur noch Gefahren.

…viele körperliche Symptome:

Plötzlich treten Schmerzen in Kopf, Nacken und Rücken auf, Magen- und Darmprobleme stellen sich ein.

…in der Seele:

Sobald Geräusche, Gerüche oder auch Bilder an das belastende Erlebnis erinnern, startet in meinem Kopf eine Art „Film“, der mich sofort wieder in eine Art Hilflosigkeit und Ohnmacht bringt und mich erstarren lässt.

Ängste tauchen auf, auch Suizidgedanken zeigen sich nicht selten.

Ich höre manchmal buchstäblich das „Gras wachsen“, meine Sinne sind extrem geschärft, ich bin angespannt. Man könnte meinen, dass eine ähnlich gefährliche Situation unbedingt rechtzeitig erkannt und entsprechend reagiert werden sollte.

An einen gesunden erholsamen Schlaf ist nicht zu denken, oftmals schlafe ich ein, schrecke aber mitten in der Nacht schweißgebadet hoch, schreie und/oder schlage wild um mich. Das Aufstehen am Morgen wird zur Qual, der Wecker klingelt definitiv zu früh. Der morgendliche Kaffee soll helfen, wieder in Gänge zu kommen. Eine Tasse, wie früher, reicht meist nicht mehr.

Ich kann mich mit Schuld und Schamgefühlen unendlich quälen, ich male mir aus, was ich hätte tun müssen, um das Unheil abzuwehren. Ich fühle mich schwach, hilflos, ohnmächtig, überwältigt, schutzlos, will aber stark und mutig sein. Ich vergleiche mich mit anderen, die alles viel besser bewältigen als ich dies kann. Ich habe keine Kontrolle mehr über mich und mein Leben.

Ich verkrieche mich nur noch in meiner Wohnung, schalte alle Kommunikationsmedien aus, der Rollladen ist meist unten. Für meine Hobbys fehlen mir Kraft, Ausdauer und Hingabe.

…im sozialen Miteinander:

Das menschliche Miteinander reduziert sich zunehmend auf ein Mindestmaß.

Ich bin viel vorsichtiger im Umgang mit Menschen geworden, Partys und Familienfeste werden abgesagt. Sportliche Betätigungen finden nicht mehr statt oder werden im Übermaß bis zur Erschöpfung betrieben.

..im beruflichen Kontext:

Das Engagement in der Arbeit lässt nach, von Spaß und Freude ganz zu schweigen. Ich versuche noch die geforderten Ergebnisse abzuliefern und ziehe mich dann zurück. Jubiläen oder Firmenevents sage ich gleich ab. Oder aber: Ich kompensiere viel über meine Arbeit, und arbeite noch mehr als früher für soziale Aktivitäten habe ich gar keine Zeit.

..im gesellschaftlichen Leben:

der Einkauf wird zu einem Kraftakt, ich nutze zunehmend Lieferdienste. Genussmittel wie Kaffee oder Nikotin konsumiere ich mehr als früher. Zu viele Menschen, zu viel Lärm, zu viele Spannungen, überhaupt zu viele Sinneseindrücke, erschöpfen mich und ich vermeide sie zunehmend.

Meine tiefe Überzeugung ist: Ich werde nie wieder so sein wie früher.

Einige Fakten über posttraumatische Belastungsstörungen

Praxisbeobachtungen bei posttraumatischen Belastungsstörungen zeigen, dass bei den meisten Menschen, eine Heilung erwartet werden kann. Bei wenigen Betroffenen nimmt die Störung einen über viele Jahre hin chronischen Verlauf und geht dann in eine andauernde Persönlichkeitsänderung (nach ICD-10, F62.0) über.

Über die Hälfte aller Menschen werden in ihrem Leben mindestens einmal mit einem traumatischen Erlebnis konfrontiert. Wie wahrscheinlich man hinterher an einer PTBS erkrankt, hängt aber von der Art des belastenden Ereignisses ab:

Sind viele Menschen betroffen, wie z. B. bei Naturkatastrophen erlebt man ggfs. Unterstützung durch Hilfsorganisationen, gegenseitiges Helfen etc. oder ist man durch schwere und/oder plötzliche Erkrankungen bei sich oder nahestehenden Menschen konfrontiert ist die Gefahr an PTBS zu erkranken geringer.

Nach Vergewaltigungen oder anderen Gewaltverbrechen, Kriegstraumata, Terror, erkranken bereits bis zu ca. 30% der Opfer an einer posttraumatischen Belastungsstörung.

Ca. 10% aller von einem Trauma betroffenen Menschen entwickeln eine PTBS. Die sogenannte Lebenszeitprävalenz, also, wie wahrscheinlich ist es, im Laufe eines Lebens an einer PTBS zu leiden, liegt bei ca. 8%.

Ein Fall aus der täglichen Praxis: Julia, 25 Jahre alt, Betriebswirtin, erhielt die Diagnose PTBS F43.1 nach einem Verkehrsunfall. Das ist ihre Geschichte:

Julia geriet vor einem Jahr in eine Massenkarambolage mit vielen Schwerverletzten auf der ihrem Wohnort naheliegenden Autobahn. Es war ein nebliger Novemberabend, sie war allein mehrere Stunden in ihrem Fahrzeug eingeklemmt. Es war laut, es roch nach Benzin und verbranntem Gummi. Da sie bei Bewusstsein und körperlich weitgehend unversehrt war - bis auf einige Schnittwunden an Stirn und Armen - kam die Rettung für sie erst nach einigen Stunden.

Aus dem Krankenhaus wurde sie gleich am nächsten Tag entlassen, die Schnittwunden heilten bald ab und der Unfall schien vergessen. Julia erzählte der Familie und den Kollegen von ihrem Erlebnis und alle waren froh, dass sie noch Glück im Unglück hatte. Es waren ja nur ein paar Schrammen...

Seltsam war, dass sie nachts immer wieder einige Unfallszenen vor Augen hatte. An schlafen war stundenlang nicht zu denken, sie wurde immer erschöpfter und unkonzentrierter bei der Arbeit. Bei Gerüchen von Benzin, oder auch wenn sie Rettungsfahrzeuge schon von weitem herannahen hörte oder sah, war sie wie erstarrt und erschrak bis ins Mark. Ihr fehlte Kraft und Energie für den Alltag. Sie kündigte ihr heißgeliebtes Fitnessstudio und zog sich gleich nach der Arbeit zurück. Mittlerweile war es Sommer geworden, sie lehnte Grillabende mit Freunden ab, Partys und Familienfeiern standen schon seit dem späten Frühjahr nicht mehr in ihrem Kalender.

Nach Gründen zur Absage gefragt merkte sie schnell, wenn sie das zurückliegende Unfallgeschehen zur Sprache brachte, dass das Verständnis der anderen zunehmend schwand. Du hattest doch so viel Glück, alles ist doch wieder gut…diese oder ähnliche Sätze bekam sie zu hören.

So schlich sich eine gewisse Gleichgültigkeit bei ihr ein, die auch nahestehende Menschen oder Familienmitglieder betraf.

Sie empfand weder Freude noch Trauer oder Kummer, alles wurde irgendwie gleichförmig. Ihr Körper zeigte mehr und mehr psychosomatische Reaktionen. Sie fieberte auf jedes Wochenende zu und hoffte, dass genügend Schlaf ihr die nötige Erholung sichern wird.

An Auto fahren oder die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel war schon lange nicht mehr zu denken, sie fühlte sich darin immer wie eingeschlossen und hatte Angst, die Kontrolle über sich zu verlieren.

Am wohlsten fühlte sie sich zu Fuss in der Natur unterwegs zu sein.

Julia, die während ihrer Urlaube immer gerne gereist war, entschloss sich für Tageswandertouren von zuhause aus. Sie erlebte ihr Zuhause als Schutzraum und Zufluchtsort, den sie auch nicht mehr mit anderen Menschen teilen wollte.

In ruhigen Momenten, die nicht geprägt waren von Erinnerungen an den Unfall, spürte sie ihre Verzweiflung.

Julia suchte Hilfe bei einer Therapeutin, die sie unterstützen konnte, wieder zurück ins Leben zu finden.

So rief sie alte Freunde an und sprach offen über ihr Erlebtes und was es mit ihr gemacht hat. Es kostete sie noch Mühe und Kraft, aber sie schritt mutiger und offensiver mit großen Schritten voran.

Sie fasste wieder mehr Vertrauen in andere Menschen und öffnete sich ihnen. Sie erhielt viel Zuspruch, Unterstützung und Hilfsangebote. Sie war nicht mehr wie früher, aber sie spürte viel Zuversicht und Hoffnung in Ihrem neuen Lebensabschnitt.

Autor: Petra Kirstein, Heilpraktikerin für Psychotherapie
Thema: Woran erkennt man eine posttraumatische Belastungsstörung?
Webseite: https://www.psychotherapie-kirstein.de

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