Bei der Frage „Kann Frau zu viel Selbstbewusstsein haben?“ wirft das Wort „zu viel“ erst einmal einen Schatten auf das Wort „Selbstbewusstsein“.

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Als könne es negative Konsequenzen für uns Frauen haben, wenn wir von etwas „zu viel“ in uns tragen. Je nach frühkindlichen Erfahrungen und Verletzungen ist dies jedoch eine durchaus von vielen Frauen unbewusste Angst. Die meisten Frauen (natürlich auch Männer) haben ein Elternhaus mit strengen Erziehungsmaßnahmen erfahren, die sich rein auf der Verstandesebene abspielten.

Das heißt, die Erziehung bestand aus angelernten Verhaltensmaßstäben, wie Dinge zu sein hatten, wie man sich verhalten sollte, um gesellschaftlich akzeptiert und anerkannt zu werden. Das Erscheinen im „Außen“ stand im Mittelpunkt, und die Eltern wollten ihre Kinder so erziehen, dass sie gesellschaftlich gut und möglichst unauffällig „integriert“ werden konnten.

Sätze wie: Sei nicht ZU laut, sei nicht ZU zappelig, sei nicht ZU auffällig etc. - wer kennt diese schmerzhaften Maßregeln nicht!

Diese von den Eltern vorgelebten Verhaltensregeln waren noch nicht auf die Herzensebene, auf das „Innen“ fokussiert. Die Frage ist also, was braucht das Kind bzw. die Seele des Kindes, um optimal genährt zu sein. Die Herzensebene, die uns beibringt, dass wir okay sind, so wie wir sind, egal was wir als Seele zum Ausdruck, und welche Qualitäten wir mit auf die Erde bringen (ob sie mit den Vorstellungen der Eltern konform gehen oder nicht).

Wir Frauen haben im frühen Alter nicht gelernt, dass wir okay und liebenswert sind, wenn wir einfach nur wir selbst sind. Wenn wir SEIN dürfen, und für unser so SEIN geliebt werden. Und dass wir auch okay sind und geliebt werden, wenn wir von etwas „zu viel“ in uns tragen.

Das Selbstbewusstsein der Frau beschränkt sich somit immer noch auf ihren Erfahrungen, was Frau tun muss, um von außen anerkannt und geliebt zu werden. Wie wir uns zu verhalten haben, welchem Bild wir entsprechen sollten usw. Alles angelernte Verhaltensweisen, die die Verbindung zu unserer weiblichen Kraft, unserer Intuition, unterbrechen.

Wie kommt es, dass wir Frauen und die Generationen zuvor, unser Selbst-Bewusstsein, unsere Verbindung zu unserer Intuition, an die Verstandesebene verloren haben? Das jahrhundertelange Patriarchat hat unsere Mütter und deren Mütter dazu gezwungen, sich der männlichen Verstandesebene unterzuordnen. Sie haben sich den Männern angepasst und mit dem Kopf überlegt, wie sie möglichst lieb und brav und angepasst sein können, um ja ihrer von dem Mann zugeordneten Rolle zu entsprechen. Und so wurde die Intuition der Frau, ihr Bauchgefühl immer mehr unterdrückt.

Wenn sich die „dunklen“ Gefühle der Frauen, ihre Wut, ihre Traurigkeit, im Bauch bemerkbar gemacht haben, dann war da kein Platz bzw. keine Erlaubnis, diese Gefühle zu leben. Denn Frau hatte ja still und angepasst zu sein. Wir Frauen tragen neben unseren lichten Gefühlen auch diese Schatten-Gefühle in uns, und sie stehen uns zu. Aber bis heute haben wir Angst, diese zu fühlen und auf eine gesunde Weise zu integrieren.

So haben diese Frauen, unsere Mütter, Großmütter, die ganze Ahnenlinie, ihre „Wildheit“ und Authentizität an die männliche Verstandesebene abgegeben, und ihre ursprüngliche weibliche Kraft so tief verschüttet, dass wir Frauen bis heute immer noch zunächst unseren Gedanken trauen und nicht unserem Bauch.

Wie oben schon erwähnt, ziehen wir Frauen somit unser Selbstbewusstsein aus der Verstandesebene, aus der männlichen bewegenden Energie, aus dem TUN (müssen): Was habe ich im Leben erreicht, welches Studium habe ich absolviert, was leiste ich in der Arbeit, welche Referenzen kann ich vorweisen und welche Fähigkeiten bringe ich mit, was kann ich... Und wenn das alles plötzlich wegbricht durch Jobverlust oder externe Veränderungen, dann weiß Frau, die ihr Selbstbewusstsein auf all diese angeeigneten „Faktoren“ aufgebaut hat, nicht mehr, wer sie ist.

Die Ur-Kraft der Frau, unser Selbst-Bewusstsein, entspringt jedoch unserem intuitiven Wissen, unserer höheren Intelligenz, die uns durch unsere Intuition mit einer anderen Seins-Ebene verbindet. Wir Frauen sind in unserer Grundenergie im SEIN. Und der Mann ist in seiner Grundenergie im TUN. Diese Polaritäten sind bis heute noch nicht ausgeglichen. Ganz langsam wächst ein Bewusstsein darüber, wie wir Frauen in unsere ursprüngliche Grundenergie zurückgelangen, um diese wieder zu leben.

Wir Frauen kommen nun immer mehr ins Vertrauen, dass wir nichts TUN müssen, um uns unserer Selbst bewusst zu sein. Daher kann Frau auch nicht „zu viel“ Selbstbewusstsein in sich tragen. Wenn Frau in ihrem intuitiven Selbstbewusstsein angekommen ist und in sich ruht, dann kann ihr nichts mehr genommen werden. Wahres Selbstbewusstsein bedeutet für die Frau authentisch sein. Ganz sie selbst zu sein. Zu sich zu stehen, so wie sie in ihrem eigentlichen Dasein ist.

Das heißt, einen gesunden Bezug zu ihrer Intuition zu haben. Wann hat Frau einen gesunden Bezug zu ihrer Intuition? Wenn sie ihre Gefühle in den Mittelpunkt stellt: Wenn sie sich darüber bewusst ist, wann sich ihre „schlechten“ Gefühle in ihr bemerkbar machen. Dann nimmt sie sich wahr, in der ersten Sekunde, in der sich diese „schlechten“ Gefühle zeigen. Sie lässt es zu, ohne Schuldgefühle, ohne darüber nachzuDENKEN, ob ihr das ja vielleicht nicht zusteht oder zu überlegen, ob sie vielleicht überreagiert oder ob der andere das vielleicht nicht so gemeint haben könnte... All die alten Glaubenssätze, die Ausreden, die im KOPF stattfinden, die werden dann still. Es zählt nur noch das Gefühl, unsere Verbindung zum Bauch. Dieses Gefühl, das ganz klar mit uns kommuniziert: Hier stimmt etwas nicht für mich. ES FÜHLT SICH NICHT GUT FÜR MICH AN.

Dann beginnen wir aus diesem Selbst-Bewusstsein heraus zu agieren. Wir kommunizieren nach außen, was wir fühlen und wo wir stehen. Das bisher kleingehaltene Stimmchen wird zu einer liebevollen kraftvollen Stimme. Und genau hier bleiben wir in unserer Selbstbewusstseins-Kraft: Wir kommunizieren unsere Grenze und unser Bedürfnis in Liebe nach außen. Weil sich in uns noch nichts aufgestaut hat, weil wir diese Stimme noch nicht verdrängt haben, die sich dann aus der Unterdrückung beim nächsten Mal unter Umständen in einer Zickigkeit, oder im schlimmsten Fall in voller Wucht entlädt. Wir stehen zu uns in dem Moment, wo wir unsere Gefühle wahrnehmen. Wir zeigen uns im Außen, so wie wir sind und so wie wir fühlen. Weil wir zu unseren Gefühlen stehen, so wie sie sich zeigen. Wir werden in jeder Hinsicht authentisch. Denn wir sind uns unserer selbst BEWUSST. Und hiervon kann Frau nie „zu viel“ haben.

Autor: Madeleine Bierbrauer, Heilpraktikerin für Psychotherapie
Thema: Kann Frau zu viel Selbstbewusstsein haben?
Webseite: https://praxis-madeleinebierbrauer.de

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