Menschliches Verhalten verstehen

Beginnen wir mal mit der guten Nachricht. Ein Insekt ist nicht in der Lage, seine genetisch vorprogrammierten Verhaltensmuster zu durchbrechen, wir Menschen verfügen über ein Gehirn, das das ganze Leben lang durch neue Erfahrungen verändert werden kann – es ist eine zeitlebens programmierbare Konstruktion.

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Das menschliche Verhalten gilt als eine Art Interaktion des Organismus mit der Umwelt. Menschliches Verhalten manifestiert sich demnach auf motorischer Ebene (die Person tut etwas, das von außen beobachtet werden kann), auf kognitiver Ebene (die Person denkt etwas dabei), auf emotionaler Ebene (sie empfindet etwas) und auf physiologischer Ebene (das Verhalten geht mit physiologischen Veränderungen einher).

Man nimmt an, dass Menschen durch Beobachtung und Imitierung sich bestimmte Verhaltensweisen aneignen. Zum Beispiel lernt das Kind durch Beobachtung seiner Eltern beim Essen den Umgang mit Gabel und Messer. Dabei dienen die Eltern als Modell und das Kind imitiert sie. In einem sehr jungen Jahre kann das Kind gar nicht anders, als die Informationen, die Eltern oft durch ihre Haltung vermitteln, direkt über sein nicht ausgereiftes Nervensystem aufzunehmen. 

Gleichzeitig erleben die Eltern täglich Augenblicke, in denen das Kind ganz anders reagiert als sie erwartet haben. Oft fühlt sich das sehr frustrierend an, weil sie ja eigentlich ihr Bestes geben. Wenn es den Eltern gelingt in die kindliche Perspektive zu wechseln, können sie verstehen, dass es bei dem Kind zumeist um „gesunde“ Grundbedürfnisse geht.

Kennst du das:

  • Du hast gerade 20 Minuten mit deiner Tochter / deinem Sohn gespielt und ihr/ihm deine volle Aufmerksamkeit geschenkt und trotzdem ist dein Kind nicht zufrieden, trotzt jetzt umso mehr oder gehorcht trotzdem nicht besser?

  • Du willst deinem Kind eine Freude machen und nimmst ihm eine anstrengende Aufgabe ab, doch statt dankbar zu sein, reagiert es wütend und undankbar.

Wenn es uns gelingt sozusagen „hinter“ das Verhalten zu schauen und nach dem dahinterliegenden Bedürfnis oder Wunsch zu fragen, können wir oft feststellen, dass es nicht darum geht „gegen uns“ zu sein, sondern im Gegenteil, nach (noch) mehr Aufmerksamkeit oder auch das Bedürfnis nach Selbstwirksamkeit, nach Kontakt, nach Kontrolle oder nach Selbstbestimmung steckt. Es liegt in der Natur des Menschen (des Kindes), dass wir Menschen möglichst das Beste für uns und unsere Situation rausholen wollen. Verzicht, Bedürfnisaufschub, Dankbarkeit, Bescheidenheit, … das sind alles Werte, die wir zuerst lernen müssen. Und diese Werte stehen oft auch im Widerspruch zu unseren Grundbedürfnissen. Wenn wir all das berücksichtigen, wird einfacher (nicht nur) Kinder zu verstehen. 

Unser Verhalten wird auch von Hormone beeinflusst, die sorgen dafür, dass wir überhaupt lebensfähig sind. Ihre Aufgabe ist es, Informationen zwischen Körper und Gehirn auszutauschen. Das können sonst nur Nervenbahnen leisten. Die sind zwar schnell und effektiv, aber unflexibel. Bei komplexen Signalen kommen daher die Hormone ins Spiel. Sie erreichen fast jede Körperzelle bzw. auch viele auf einmal und hinterlassen dort spezifische Botschaften. Dadurch steuern sie, wie müde, hungrig, aufgedreht, gestresst oder sexuell erregt wir sind.

Bedeutet das also, dass Hormone unser Verhalten bestimmen? Das würde so manchem als Argument gut in den Kram passen, etwa für einen Seitensprung: „Aber Schatz, es war nicht meine Schuld. Die Hormone sind mit mir durchgegangen.“ Nichts da, Hormone handeln nicht eigenständig, sondern werden vom Gehirn, auf den Plan gerufen.

Dein Hormonsystem beeinflusst, wie wohl du dich in so einer Situation fühlst. Testosteron unterstützt dich zum Beispiel dabei, zu flirten, Witze zu klopfen oder dich in den Mittelpunkt zu stellen und die Unterhaltung an dich zu reißen. Gemeinsam mit dem Bindungshormon Oxytocin entscheidet Testosteron auch darüber, ob du es total süß findest, wenn jemand sein Baby auf die Party mitbringt oder ob dich das eher kaltlässt. Oxytocin beeinflusst außerdem dein soziales Gedächtnis, also ob du dir den Namen des Menschen merken kannst, den du gerade kennengelernt hast. Kurzer Schwenk zurück aufs heimische Sofa ein paar Stunden früher: Musstest du dich aufraffen, um auf die Party zu gehen, weil du es dir auf der Couch schon so gemütlich gemacht hattest? Hier kommen Dopamin und Adrenalin ins Spiel. Sie steuern, wie aufgedreht oder antriebsschwach du bist, ob es dir schwerfällt, wieder auf die Beine zu kommen, oder ob du auf der Feier Lust hast, zu tanzen.

Auch worüber du dich auf der Party unterhältst, kannst du deinen Hormonen in die Schuhe schieben. Erzählst du von deinem letzten Erlebnis beim Bungee-Jumping oder eher vom Ausflug ins Naturkundemuseum? Wenn du ständig auf der Jagd nach Nervenkitzel bist, etwa durch Extremsport, sind auch dafür Dopamin und Adrenalin verantwortlich. Für Paarbeziehungen ist es hilfreich, wenn beide Partner hier ähnlich veranlagt sind. Ansonsten kann die Freizeitgestaltung schnell zum Streitthema werden.

Nehmen wir an, deine Flirtversuche haben gezündet und du landest mit deiner Partybekanntschaft im Bett. Abhängig von eurem jeweiligen Oxytocin-Haushalt stellt ihr nun vielleicht fest, dass ihr beziehungskompatibel seid, weil ihr beide auf Kuscheln steht – oder eben nicht. Denn der Wunsch nach Nähe ist ebenfalls ein entscheidender Faktor bei der Partnerwahl.

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In der Paarberatung ist das Verhalten des Partners nicht selten Thema. In diesem Rahmen erfahren Menschen wie wichtig es ist, Selbstreflektion zu betreiben und sich in Achtsamkeit zu üben. Sie entdecken wie sie zu der Person wurden, der sie gerade sind und was für Potenziale noch unentdeckt in ihnen schlummern.

Am meisten profitieren wir alle davon, wenn wir anfangen unser eigenes Verhalten zu reflektieren. „Ich kenne keinen größeren Mut, als jenen, den man braucht, um sich selbst zu schauen“. Osho erinnert uns daran, dass der größte Mut, darin besteht, in unser Inneres zu schauen. Den Mut zu haben, das anzuschauen, was unser Verhalten steuert, die eigenen Ängste entdecken, Lücken füllen und unsere „kaputten“ Teile betrachten, ist essenziell, wenn wir wachsen wollen. Der beste Weg, um in unser Inneres zu sehen, beginnt mit Verantwortung, Akzeptanz und Respekt für uns selbst. Meditation und andere Praktiken der Bewusstwerdung können helfen, immer mehr als Beobachter meines Selbst zu sein und vertrauter aus einer inneren Ordnung zu agieren.

Was bedeutet letztendlich einen Blick auf den eigenen Verstand zu werfen? Sicher ist dir auch aufgefallen, dass unser Verstand die Angewohnheit hat, ständig Stoff zu produzieren, der unsere Aufmerksamkeit bindet, da es ähnlich zugeht wie im Kino. Wir sind dann in unserem Erleben nicht mehr ein Mensch, der in einem Kinosaal sitzt und auf eine Leinwand starrt, sondern wir verschwinden in dem Film. Wir identifizieren uns mit den Personen, obwohl wir irgendwo wissen, dass es Schauspieler sind. Ähnlich ergeht es den meisten von uns tagein, tagaus mit den Programmen (z.B. Sorgenprogramm, kritisches Programm, narzistisches, etc), die ihr Verstand für sie produziert. Sie merken nicht, dass sie in einem Film sitzen. Und sie halten sich für den Protagonisten der Inhalte, die ihnen vorgesetzt werden. Erstens machen viele Produktionen, die in unserem Kopfkino laufen, uns unglücklich und produzieren Stress. Zweitens führt die vollständige Identifikation mit den Inhalten dazu, dass wir eine Pseudorealität mit der echten Welt verwechseln und Signale aus der größeren Realität außerhalb des „Kinosaals“ nur in Ausnahmesituationen zu uns durchdringen.

Bevor ich mich hier für deine Aufmerksamkeit bedanke, möchte ich dich einladen, folgende Übung (mehr dazu in Vivian Dittmars Buch das Innere Navi) auszuprobieren. Hmmm, was du davon hast? Möglich, dass bei wiederholtem Üben , es dir gelingt, ein guter Beobachter deines Verstandes zu werden. Bekanntlich bestimmen deine Gedanken dein Verhalten. Willst du das Verhalten von anderen verstehen, fange am besten bei dir an. Wenn du dich gut genug kennst, wirst du merken, dass das Verhalten der anderen sich selbsterklärt und du es auch gut sein lassen kannst, wenn du es mal nicht verstehst.

„Welchen Film guckst du gerade?“

Beobachte heute deine Gedanken. Entweder in dem du im Laufe des Tages immer wieder kurz innehälst oder an einem ruhigen Ort dich zurückziehst. Was erzählen sie dir? Welcher „Film“ läuft gerade? In welchem Kinosaal sitzt du? Beobachte das zunächst nur und nimm es zu Kenntnis. Du brauchst den Film nicht anhalten, wenn er dir nicht gefällt. Es genügt, wenn du den Kinosaal verlässt. Dies geschieht, indem du beginnst, den Film von außen zu sehen – als Programm, als Geschichte, die dein Verstand über die Wirklichkeit erzählt. Wann immer es dir gelingt, es als Geschichte zu erkennen, löst sich die Identifikation damit. Wenn du weiter übst, werde diese Momente länger, bis du irgendwann den Geschichten gar keinen Glauben mehr schenken kannst. Sie verschwinden dadurch nicht, sie haben ihre Funktion, doch sie hören auf, deinen inneren Raum so zu dominieren, dass sie deinen Zugang zu andere Denkdisziplinen (Intuition, Inspiration, Herzintelligenz) vernebeln.

Autor: Carmen Zahner
Thema: Menschliches Verhalten verstehen
Webseite: https://www.carmenstherapie.de

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