Der Umgang mit unseren Gefühlen, wird meist schon früh erlernt.

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Je nachdem, wie wir sozialisiert wurden, neigen wir dazu, Gefühle einfach zu ignorieren und am liebsten gar nicht zu haben oder aber auch dazu, sie sehr ernst zu nehmen und ihnen unser gesamtes Leben unterzuorden. Beides hat Folgen für unsere psychische und sogar physische Gesundheit und trägt deutlich dazu bei, ob wir Herr im eigenen Leben oder aber Opfer unserer unterdrückten oder unreflektiert gelebten Gefühle sind.

„Du musst doch nicht traurig sein“, „Da kann man sich doch nicht drüber freuen..“ oder „Ach, das ist doch kein Grund sich aufzuregen!“ - diese oder ähnliche Kommentare hören wir seit Kindertagen von unserer Umwelt. Deutlich wird: Andere scheinen besser zu wissen, ob unserer Gefühle „richtig“ oder „falsch“ sind als wir selbst. Ausserdem lernen wir ganz nebenbei, dass gewisse Gefühle offenbar unangemessen sind und es daher irgendwie falsch sein muss, dass wir diese Gefühle überhaupt haben.

Verschlimmbesserung

Die Folge ist, dass wir mit zunehmender Sozialisation dazu neigen, gewisse Gefühle schlicht wegzudrücken. Wir sollen sie nicht haben und wir wollen sie dann irgendwann auch nicht mehr. Und ausleben wollen wir diese makel-behafteten Unbekannten in uns schon gar nicht. WUT ist beispielsweise ein solches Gefühl. TRAURIGSEIN oder „schlecht drauf sein“ auch. Also tun wir als erwachsener Mensch eine Menge dafür, dass wir diese Gefühle vermeiden. Und wenn sie plötzlich doch mal da sind, dann versuchen wir aktiv, sie zu unterdrücken. WUT meist in der Form von Selbstbeherrschung, TRAURIGKEIT oder „Schlecht-drauf-sein“ häufig, indem wir uns ablenken oder so tun, als sei nichts. Die Folge? Irgendwann läuft das Fass über.

Der Wütende explodiert nicht selten dann in völlig übertriebener und unangemessener Weise. Und bereut es später. Er fühlt sich bestätigt, dass das Gefühl und sein Verhalten falsch waren. Der Traurige wird immer mißmutiger und negativer, irgenwann fällt er in eine depressive Verstimmung. Er hasst sich vielleicht sogar dafür. Und selbst der Fröhliche, der sich nicht freuen soll oder will (z.B. weil im sein Inneres – seine Introjekt – sagen „freu Dich bloss nicht zu früh“ oder „wer hoch fliegt, kann auch tief fallen“) spürt ungewollte Folgen in Form von Enttäuschung und dem Eindruck, dass das Leben grau ist.

Der Körper ist die Bühne der Gefühle

Zusätzlich somatisieren sich ungelebte Gefühle häufig, das bedeutet, sie zeigen sich im Körper. Der Hirnforscher Antonio Damasio sagte „Der Körper ist die Bühne der Seele“ - einer wunderbare Beschreibung dafür, wie sich das Innere nach Aussen kehrt und sich zunächst im Bereich der Gefühle befindliche Unstimmigkeiten  im Körper zeigen, damit sie für uns endlich sichtbar werden. Der Migräne-Leidende hat häufig wenig gelernt, sich abzugrenzen... die Krankheit zwingt ihn dann dazu. Der hohe Blutdruck symbolisiert in vielen Fällen einen inneren Druck, der entsteht, weil meist wütende Gefühle keinen anderen Weg finden. Magenprobleme sind nicht selten Ausdruck davon, dass der Betroffene vieles in sich hineinfrisst. Und die dünne Haut der Neurodermitis-Leidenden spiegelt häufig das leicht verletzbare Innenleben wieder.

Natürlich ist nicht jede Krankheit psychosomatisch und natürlich kann das Ausleben von Gefühlen nicht jede Krankheit verhindern oder heilen... die Wissenschaft erkennt aber mehr und mehr einen Zusammenhang.

Regisseur im eigenen Leben

Soll das nun heissen, dass wir allen Gefühlen künftig einfach freien Lauf lassen müssen, damit wir psychisch und körperlich gesund sein können?

Ganz so einfach ist das leider nicht. Denn für einen erfolgreichen Umgang mit den eigenen Gefühlen ist es nötig, diese – und somit sich selbst - kennenzulernen. Wir müssen lernen, die Botschaft hinter den Gefühlen zu verstehen und einen Weg zu finden, mit ihnen umzugehen. Dazu ist es zunächst nötig, Gefühle wahrzunehmen und sie anzuerkennen, statt sie weg zu drücken.

Betrachten Sie diese Gefühle doch mal wie eine große Gruppe an Darstellern auf einer Bühne. Jedes der Gefühle will uns etwas mitteilen, steht für eine innere Botschaft. Und jedes der Gefühle ist zunächst mal weder gut noch schlecht. Damit Sie nun – als Regisseur dieses Bühnenstücks – in der Lage sind, das beste aus jedem Ihrer Darsteller herauszuholen und angemessen mit ihm umzugehen, müssen Sie sich zunächst genau damit befassen, welches Potential der Darsteller hat, wozu Sie ihn in Ihrem Lebens-Stück „verwenden“ können. Dazu geht der Regisseur unvereingenommen an die Darsteller heran, beobachtet sie aufmerkam, vielleicht befragt er sie sogar, um sie besser kennenzulernen.

Als Regisseur in Ihrem Leben ist es daher also Ihre Aufgabe, die Gefühle, die sich in Ihnen zeigen, erstmal näher kennenzulernen, sie zu hinterfragen, ihr Potential zu erkennen und ihnen dann auf Ihrer Lebens-Bühne den Raum zuzugestehen, der nötig ist, damit sich ein für Sie stimmiges Bild ergibt. Dabei darf kein einziger Darsteller ganz ohne Bühneneinsatz bleiben – das führt zu Meuterei... und ich im echten Leben zu psychischen und psychosomatischen Folgen. Jeder Darsteller – also jedes Gefühl - will gesehen werden und hat ein Recht darauf.

Die maskierten Gefühle

Es kann auch sein, dass der Regisseur  - SIE! - erst herausfinden müssen, was der Darsteller Ihnen eigentlich sagen will.... was ist die Botschaft hinter seinem gezeigten Verhalten, seinen gesprochenen Worten?... Das ist keine leichte Aufgabe, denn der Schein trügt nicht selten.

Angst ist eines der Gefühle, die häufig missverstanden werden, weil wir dem ersten Eindruck glauben schenken. Wir haben vor einer Situation, einem Vorhaben, einer Reaktion Angst und meiden sie deshalb. In der Folge tun wir viele Dinge, die uns wahrscheinlich Freude machen könnten und dadurch zu Lebenszufriedenheit führen könnten, nicht. Fürchten wir uns vor vielen Dingen, die eintreten könnten, leben wir unser Leben wie ein verängstigtes Häschen in seinem Bau, stets angespannt und auf der Flucht und leider wenig freudvoll.

Haben Sie sich je gefragt, was diese Angst eigentlich von Ihnen will, warum sie da ist? Sie will Sie vor einer Gefahr schützen. Daher ist Angst zunächst mal etwas sehr gutes und lebenserhaltendes. Die Angst meint es gut mit uns, sie will uns gar nichts böses, sondern sie sorgt sich um uns. Haben Sie diesen Blickwinkel auf die oft lähmende Angst einmal eingenommen, können Sie dann schnell feststellen, dass Ihre Angst vielleicht mal ein „update“ benötigt.

Dem Gefühl die Chance geben zu reifen

Als Kind hatten Sie möglicherweise große Angst, Ihre Bezugsperson zu verlieren. Der Verlust wäre lebensbedrohlich gewesen, da die Bezugsperson unter anderem dafür nötig war, dass Sie materiell versorgt waren, ein Haus über dem Kopf hatten, etwas zu essen. Aber auch für Ihr kindliches, seelisches Gleichgewicht war die Bezugsperson existentiell. Der Verlust einer Person war also für Sie gleichgesetzt mit dem Verlust der eigenen Lebensfähigkeit. Wenn Sie heute – durch Streit oder weil Sie etwas tun, das Ihrer (heutigen) Bezugsperson mißfällt – Verlustängste spüren, dann sind das in der Regel wiedererlebte, alte Gefühle. Ihre Psyche wittert Gefahr und will Sie davor schützen, dass Sie in eine existenzbedrohliche Situation geraten. Aus Sicht Ihrer Psyche, die da kein Zeitgefühl hat, sind Sie dann wieder ein hilfloses Kind. Und Sie reagieren dann auf den Angst-Impuls auch wieder genau so wie das hilflose Kind. Sie versuchen alles, um den Verlust der Bezugsperson nicht zu riskieren und passen Ihr Verhalten – auch wenn es Ihnen eigentlich gänzlich gegen den Strich geht und Sie ahnen, dass es nicht gut für Sie sein wird – dem kindlichen Verhalten an.

Wenn Sie sich aber reflektieren, stellen Sie fest, dass das heute mit dem Verlust der Bezugsperson zwar immer noch unschön und vielleicht schmerzhaft wäre, aber nicht mehr existenzbedrohlich. Und Sie erkennen womöglich sogar, dass ein wirklicher Verlust, bloß weil Sie mal „Ihr Ding“ machen oder Ihre Meinung durchsetzen, gar nicht sehr wahrscheinlich wäre.

Dialog mit dem Gefühl

Und genau das sollten Sie Ihrer Angst – oder jedem anderen Gefühl, dass Sie „updaten“ - dann auch erklären. In einem kleinen, inneren Selbstgespräch. Damit das überbesorgte Gefühl erkennt, dass Sie gar nicht mehr so „klein“ sind und durchaus alternative Handlungsoptionen haben. Das Gefühl, welches bisher Ihr Leben in Teilen dominiert hat, wird dann nachlassen...ganz von selbst. Wenn Sie dann – mutig – trotz des Gefühls „Ihr Ding“ gemacht haben und gar nichts schlimmes passiert ist, dann nehmen Sie sich Zeit, das Gefühl ganz explizit darauf hinzuweisen: „siehste, liebes Gefühl, ich bin so erwachsen, dass ich die Situation heute ganz anders bewältigen kann, als ich es früher konnte“. So lernt Ihr Gefühl, dass es zum einen erstgenommen wird, zum anderen aber sieht es auch, welches Potential Sie haben. Tun Sie das immer wieder, wird sich ein überaktives Gefühl in künftigen Fällen deutlich seltener zeigen als bisher oder – z.B. bei Wut – nur noch in einer abgeschwächten Form, die Sie „im Griff“ haben. Ihre Lebensmöglichkeiten werden vielfältiger und Ihr Gefühl, frei handeln zu können ebenfalls. Denn wenn Sie Ihre Darsteller kennen, diese wertschätzen und mit Ihnen kommunizieren, dann werden Sie ein gutes Team werden. Und es kommt ein abwechselungsreiches, lebendiges, freudvolles und vor allem sehr authentisches Bühnenstück Ihres Lebens dabei raus! In diesem Stück „haben Sie Gefühle“... und nicht „die Gefühle haben Sie“!

Zusammenfassung

Um negative Folgen von ungelebten und unterdrückten Gefühlen zu verhindern, ist es somit also hilfreich, wenn Sie

  • zunächst mal alle Gefühle, die auftreten, wahrnehmen und ihnen wertungsfrei entgegentreten.
  • Sie als Regisseur in Ihrem Leben versuchen, allen Gefühlen einen angemessenen Raum zu geben, sodass sie – bestenfalls sozialverträglich – ausgelebt werden können.
  • Ihre Gefühle befragen, was sie eigentlich von Ihnen wollen, denn im Kern sind sie in der Regel sehr gut und sehr besorgt um Sie. Manchen Gefühlen – wie Wut – muss man auch einen geschützten Raum zur Verfügung stellen und vor allem kennenlernen, warum Sie wütend sind. Vielleicht können Sie an der Ursache arbeiten!
  • Sie reflektieren, ob das ein oder andere Gefühl möglicherweise ein Update benötigt, damit Sie künftig besser miteinandere kooperieren können.

Man Gefühle nicht „weg“ machen – man kann sie nur integrieren

Wenn Sie sich ein selbstbestimmtes und authentisches Leben wünschen, dann ist es an der Zeit, dass Sie sich und Ihre Gefühle annehmen und lernen, miteinander zu leben. Der Wunsch, sie hätten keine Wut, keine Angst oder keine Traurigkeit ist genau so irreal, als wenn Sie sich wünschten, Sie wären grösser oder kleiner. Das lässt sich nicht ändern, man kann sich nur grössengerecht kleiden und verhalten... und so ist es auch mit den Gefühlen. Sie sind da, sie wollen angenommen werden. Aber wie fast alles, dem man mit Liebe begegnet, sind auch Ihre Gefühle bei entsprechender Zuwendung höchst kooperativ!

Autor: Nathalie Berude-Scott, Heilpraktikerin für Psychotherapie
Thema: Was passiert wenn man seine Gefühle unterdrückt?
Webseite: https://www.selbst-auskunft.com

Autorenprofil Nathalie Berude-Scott:

Beschreibung: Nathalie Berude-Scott ist als Heilpraktikerin für Psychotherapie mit eigener Praxis in Essen, NRW, tätig. Als Entwicklerin der Workshopreihe n„Weg zu sich SELBST“ und „Sei wild und frech und wunderbar“ ist sie in zahlreichen öffentlichen Einrichtungen tätig und kann als Referentin gebucht werden. Weiterhin ist sie Autorin des in 2016 erschienenen Buches „Betriebsgeheimnis

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