… steckt nicht selten eine seelische Verletzung - ein sog. Trauma dahinter.

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Das Wort Trauma kommt aus dem Griechischen und bedeutet nichts anders als Verletzung. Hat ein Mensch ein Trauma erlitten, hat dieses oft schwerwiegende Auswirkungen auf die Psyche des Menschen. Durch Traumatisierung oder Traumatisierungen werden sämtliche Bewältigungsmechanismen unserer Psyche und des Körpers außer Kraft gesetzt. Der Mensch kann nicht fliehen, er kann sich nicht wehren, er ist der traumatischen Situation hilflos ausgeliefert, wodurch nicht zuletzt schwere Traumafolgestörungen entstehen können. Diese können u.a. Albträume, ständiges Wiedererleben des Traumas, Schlafstörungen, Vermeidungen, Angstzustände, Aggressionen, Depressionen, Suchterkrankungen und auch Essstörungen hervorrufen. Ebenso gehören Flashbacks und Intrusionen zu Traumafolgestörungen.

In der Psychotraumatologie unterscheiden wir derzeit zwei Traumatypen:

Traumatyp 1 (sog. Montotrauma)

Es passiert einmal was, ein Unfall, eine Vergewaltigung, ein Überfall, also ein einmaliges traumatisches Ereignis.

Traumatyp 2 (komplexe sequentiell und immer wieder auftretende Traumata)

Bei immer wieder Gewalterfahrungen, Vernachlässigungen, sexueller Missbrauch, ritueller Missbrauch, also Traumata geschehen immer wieder.

Dennoch sind beide Traumatypen - also Typ 1 und Typ 2 - schwerwiegende Eingriffe in die menschliche Seele.

Traumatisierungen bei Kindern haben noch schwerwiegendere Folgen, wenn sie durch eine vertraute Bindungsperson innerhalb des Familiensystems, etwa Mutter, Vater, Onkel, Großvater usw. geschehen. Dadurch wird das Urvertrauen des Kindes erschüttert. Das Kind entwickelt möglicherweise eine desorganisierte oder auch ambivalent unsichere Bindung und benötigt lange, um Menschen wieder vertrauen zu können.

Bei Kindern und jugendlichen Traumapatienten finden wir oft neben den Albträumen noch den Nachtschreck; das Kind schreckt hoch, weiß zunächst nicht wo es ist und was passiert ist

Im Bereich von sexuellen Traumatisierungen bei Kindern und Jugendlichen ist es oft fatal, wenn die Kinder sich öffnen und anvertrauen und ihnen dann nicht geglaubt wird. Daher ist es grundsätzlich wichtig einem Kind, was von Misshandlungen/Missbrauch berichtet, zu glauben und einfühlsam mit dem Kind umzugehen. Die Täterkreise setzten Kinder und Jugendliche oft unter Druck im Sinne von „Du hast das doch auch gewollt“ oder auch „Wehe, wenn du irgendwas erzählst“. Man kann sich dann vorstellen, was das Kind/der Jugendliche oder auch der junge Erwachsene mit sich rumtragen muss. Es werden ihm Schuldgefühle eingeredet, die von ihm überhaupt nicht eingeordnet werden können.

Eine weitere Traumafolgestörung sind die dissoziativen Störungen. Das bedeutet, das Kind spaltet traumatische Inhalte ab, es dissoziiert sie. Dissoziation ist das Gegenteil von Assoziation. Assoziation - Integration, Dissoziation - Abspaltung.

Wir Menschen würden Traumata ggf. überhaupt nicht überleben, wenn unsere Seele sich „nicht wegbeamen“ würde.

Eine Jugendliche, die bei mir nach einer Vergewaltigung in der Psychotraumatherapie ist, berichtete davon, dass sie bei der Tat erstarrte und sich außerkörperlich empfunden hat. Sie äußerte „Das war ich gar nicht da unter, das war irgendeine Puppe. Ich habe das gar nicht mitgekriegt!“ Die Patientin ist während der Vergewaltigung also dissoziiert.

Bei dauerhaften Traumatisierungen vom Typ 2 spaltet sich die Seele oft in verschiedene Anteile auf. Es kann vorkommen, dass diese Anteile sich untereinander überhaupt nicht mehr erkennen und wir erleben Menschen, die von einer Sekunde auf die andere sich völlig anders verhalten; vielleicht mit einer anderen Stimme sprechen, vielleicht auf einmal Englisch reden, sich verhalten wie ein Kleinkind usw. Das ist die bisher bekannteste Schwersttraumafolgestörung, die Dissoziative Identitätsstruktur. Das bedeutet, dass ein Mensch sich den Körper mit vielen anderen Ich-Zuständen teilt. Früher wurde diese Störung „Multiple Persönlichkeitsstörung“ genannt, heute sagen wir „Dissoziativer Identitätsstruktur“. Ziel innerhalb der Therapie ist, diese abgespaltenen Ich-Zustände wieder zu reintegrieren, miteinander bekanntzumachen, was einer sehr einfühlsamen und langen Psychotraumatherapie bedarf. Diese Form der Psychotraumatherapie kann man auch als Ego-State zentrierte Psychotherapie bezeichnen.

Der Begriff Ego-States wurde geprägt von dem Therapeutenehepaar John und Helen Watkins. Ego-States kann man übersetzen mit „Ich-Zuständen“.

Hierzu ein kurzes Beispiel:

Sie haben ein Kind vor sich, was wütend ist, was ein bisschen die Familie „aufmischt“ und sich schwer beruhigen lässt. Hier kann man mit diesem wütenden Anteil - mit dem Wüterich-Ego-State - gut arbeiten, indem man dem Kind erklärt „Du bist gerade ganz wütend und ich möchte das mal als Wüterich bezeichnen. Und was glaubst du, wie können wir den Wüterich ein bisschen für uns gewinnen, dass er nicht mehr ganz so wütend ist?“ Erstaunlicherweise verstehen Kinder das Konzept der Ego-State-Therapie auf Anhieb und so kann man den Wüterich im „inneren Team“ dieses Kindes zu einem Kooperationspartner machen, indem man ihm sagt, ein Wüterich ist wichtig, er darf da sein, aber der darf nicht immer oder soll nicht mehr ganz so wütend sein. Dann fühlt sich das Kind verstanden, der Wütende „Wüterich-Ego-State“ fühlt sich wahrgenommen und lernt, wütend sein darf man, aber nicht mehr ganz so stark.

Wenn ein Mensch traumatisiert wurde kann es hilfreich sein, sich eine Psychotraumatherapeutin bzw. einen Psychotraumatherapeuten zu suchen, wobei nicht unerwähnt bleiben darf, dass nicht jeder traumatisierte Mensch auch eine Traumatherapie benötigt. Das hängt davon ab, ob der traumatisierte Mensch ein stabiles soziales Umfeld, wodurch er Entlastung und Unterstützung bekommt und eine starke seelische Widerstandskraft hat. Ist dies alles nicht der Fall, kann eine Psychotraumatherapie durchaus sinnvoll und hilfreich sein. Entschließt sich ein Mensch eine/n Traumetherapeutin/Traumatherapeuten aufzusuchen ist es wichtig, dass dieser oder diese auch wirklich langjährig traumatherapeutisch ausgebildet wurde. Es ist das Recht des traumatisierten Menschen die Therapeutin/den Therapeuten danach zu fragen.

Hat sich der Mensch entschlossen, eine Psychotraumatherapie zu beginnen, ist dies oft mit Unsicherheiten und Unklarheiten - vielleicht auch mit Ängsten - verbunden, denn oft weiß man nicht, was passiert eigentlich in einer Traumatherapie. Wenn der traumatisierte Mensch eine/n qualifizierten Traumatherapeutin/Traumatherapeuten gefunden hat, wird dieser in der Regel in der 1. Stunde über eine Traumatherapie aufklären, eine ausführliche Traumaanamnese sowie ein Traumatogramm mit dem Patienten erstellen. Meiner Erfahrung nach haben viele Menschen Angst, in eine Traumatherapie zu gehen, weil sie das Gefühl haben, sie müssen alles ausbreiten, alles erzählen bis in die kleinste Vergangenheit oder sogar in die Kindheit. Dies ist heute nicht mehr der Fall, sondern in der Psychotraumatherapie geht es vor allem darum, den Menschen erst einmal zu stabilisieren, Flashbacks zu entschärfen sowie Intrusionen und Albträume zu entgiften. In der Psychotraumatherapie wird oft mit Imagenationstechniken zur Stabilisierung des Patienten gearbeitet. Dazu gehört z. B. der sog. „innere sichere Ort“; der Patient wird gebeten, sich einen imaginären Ort vorzustellen, an dem er sich sicherfühlen kann und er allein nur Zugang hat. Bei Belastungen oder bei Einschlafproblemen kann dieser innere sichere Ort jederzeit aufgesucht werden, er kann vergrößert, verkleinert und jeweils immer noch sicherer gemacht werden. Hilfreich sind auch sog. „innere Helfer“ wie Wächter, Tröster, Aufpasser oder was der Patient an seinem sicheren Ort gerne haben möchte und was er braucht. Zur Entgiftung von Flashbacks und Albträumen wird die psychotraumatherapeutische Methode TRIMB sowie EMDR in Kombination angewendet.

TRIMB (T=Trauma, R = Reprozessieren, I = Imago, M = Motion, B = Breath)

Diese Methode wurde von Ingrid Olbricht entwickelt und wird derzeit von Ellen Spangenberg fortentwickelt und in Ausbildungen zugelassenen Therapeuten vermittelt. Bei der TRIMB-Methode ist es wichtig, dass die/der Therapeutinnen/Therapeuten darin gut ausgebildet sind, eine gute Selbsterfahrung durchlaufen haben und TRIMB sicher anwenden können.

Mit der deutlich bekanntere Methode EMDR (bilaterale Augenstimulation) werden traumatische Inhalte mittels bilateraler Augenstimulation ebenfalls entgiftet und entschärft. Bevor man an Traumamaterial arbeitet, soll der Patient aber in einem guten stabilen Zustand sein und sich darauf auch einlassen können. Bei der Traumadurcharbeitung werden die beiden bereits genannten Methoden TRIMB/EMDR in Kombination angewandt oder die sog. Screen-Technik, wo man sich mit der Therapeutin/dem Therapeuten den Traumafilm gemeinsam anschaut mit verschiedenen Distanzierungsmethoden.

Meiner Erfahrung nach ist es wichtig, den Patienten erst zu stabilisieren und dann die Traumadurcharbeitung anzugehen. Ich persönlich wechsele zwischen Stabilisierung, Traumadurcharbeitung, Stabilisierung, Traumadurcharbeitung. Gerne verwende ich auch die Formel von der bekannten Traumatherapeutin Luise Reddemann, die da sagt „Traumatherapie ist stabilisieren, stabilisieren, stabilisieren, stabilisieren“.

Zurzeit haben wir in der Bundesrepublik zwei verschiedene Richtungen in der Psychotraumatologie.

Kolleginnen und Kollegen auf der einen Seite sind der Meinung - Stabilisierung nur ganz kurz und dann nichts wie ran ans Trauma, eine Traumasynthese durchführen. Kolleginnen und Kollegen dieser Fraktionen sind eher der Meinung, dass zu viel stabilisieren unethisch ist.

Die zweite Fraktion ist der Meinung, dass Traumasynthese/Traumakonfrontation nicht zu früh durchgeführt werden sollte. Sie sind der Meinung - und zu den Kolleginnen und Kollegen zähle ich mich - dass ein traumatisierter Patient ausreichend stabilisiert werden muss, um evtl. Traumakonfrontation durchzuführen.

Ich persönlich habe es erlebt, dass eine Patientin nach einem Montotrauma auf eigenen Wunsch einen Traumasynthese durchführen wollte. Nach Besprechung der Risiken und Nebenwirkungen beharrte die Patientin darauf, durch das Trauma zu gehen. Es stellte sich nach einer kurzen Zeit dabei heraus, dass dies zur Destabilisierung des Alltags bei der Patientin führte. Daher bot ich ihr wieder eine intensive Stabilisierungsarbeit an. Vielleicht brauchte die Patientin diese Erfahrung. Neben der Stabilisierungsarbeit, d. h. die Arbeit mit intensiven Imaginationen, die Entschärfung von Flashbacks, Intrusionen, Albträumen, gehört natürlich eine äußere Sicherheit für die Patienten zur Grundregel. Haben Patientinnen besonders im Sexualstrafbereich noch Täterkontakte (dies bedeutet, sie sind weiterem Traumatisieren ausgesetzt) ist eine Stabilisierung fast nicht möglich bzw. nur partiell machbar. Traumasymptome können einen Menschen sehr lange begleiten, daher kann eine Psychotraumatherapie manchmal über viele Jahre gehen. Dieses finden wir besonders beim Traumatyp 2, den komplex traumatisierten Menschen.

Ich hoffe, hiermit einen kleinen Einblick in den Bereich der Psychotraumatologie und der Psychotraumatherapie gegeben zu haben. Gern möchte ich noch drei Buchempfehlungen vorschlagen:

  • „Imagination als heilsame Kraft“ von Luise Reddemann
  • „TRIMB - Behutsame Trauma-Integration“ von Ellen Spangenberg
  • „Innere Kinder, Täter, Helfer & Co“ von Jochen Peichel

Autor: Kay-Christian Horst
Thema: Wenn die Seele weint
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Autorenprofil Kay-Christian Horst:

  • Psychotraumatherapie
  • Psychotraumatologie
  • Systemische Psychotherapie
  • Egostatetherapie
  • Psychoanalytische Sozialtherapie
  • Mitglied in der Akademie für Psychotherapie und Seelsorge,APS
  • Mitglied in der Deutschen Gesellschaft für Trauma & Dissoziation , DGTD
  • Fachvorträge zum Thema "Psychotraumatologie" und "Psychotraumatherapie"

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