2007 haben Peter Werder und Philippe Rothlin den Begriff des Boreouts in ihrem Buch „Diagnose Boreout“ zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorgestellt.

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Und damit für Überraschung gesorgt:  Bore out? Gibt es das wirklich? Beruflich dauerhaft so unterfordert zu sein, dass am Ende eine ganz ähnliche Erschöpfung droht wie beim Burnout-Syndrom?

Ja, solch ein „Ausgelangtweiltsein“, wie es häufig ins Deutsche übersetzt wird, gibt es. Treffender wäre es vielleicht, bei anhaltender beruflicher Eintönigkeit von einem Überlangweiltsein zu sprechen. Und diese Überlangeweile kann, wenn nicht rechtzeitig interveniert wird, Betroffene in ein tiefes Loch stürzen. Die seelischen und körperlichen Folgen sind dabei den Ausgebrannten, also Überarbeiteten bestens bekannt: Die Unterforderten berichten nämlich ganz ähnlich von Depressionen, Schlafstörungen, Antriebslosigkeit, Tinnitus, Herzproblemen, Kopf- und Rücken-schmerzen sowie Störungen des Magen- und Darmtrakts. All diese Symptome werden auch bei einem Burnout häufig diagnostiziert.

Einen Menschen erschöpft also nicht nur ein andauernder Zustand der Überarbeitung. Auch eine regelmäßige und anhaltende Unterarbeitung (das Wort muss erstmal neugeschöpft werden) entkräftet und macht krank.

Wie viele sind und wer genau ist betroffen?

Einiges an Forschungsarbeit ist auf diesem speziellen Gebiet der beruflichen Belastungssituationen bislang gelaufen. Eine Erhebung der Bundesagentur für Arbeitsschutz kommt bspw. zu dem Resultat, dass rund 14 Prozent der Arbeitnehmer*innen angeben, fachlich unterfordert zu sein, fünf Prozent geben hingegen an, sich überfordert zu fühlen. Hier kommt also eine qualitative Dimension der Arbeit zum Tragen.  Fragt man jedoch nach der Quantität, also nach dem Arbeitsvolumen, kehrt sich das Verhältnis um: Hier geben sechs Prozent an, unterfordert zu sein, im Gegensatz zu 17 Prozent Überlasteten. Die gute Nachricht also: Boreout ist kein Massenphänomen, auch Burnout ist es nicht.

Dennoch gilt es zu differenzieren: Besonders häufig, so zeigen weitere Studien auf, stellen Jobs im Dienstleistungs- und Verwaltungssektor eine Boreout-Falle dar. Haben Arbeitnehmer*innen das Gefühl, ihre Zeit durch falsche oder zu wenige Aufgaben sinnlos zu investieren, droht durch diese Fehlbeanspruchung sogenannter „Unterstress“. Zeitgleich führt die Angst, mit weiterer unbefriedigender Arbeit eingedeckt zu werden, zur Vortäuschung von Auslastung. Branchentypisch kann hier ein ausgefüllter Arbeitseinsatz über lange Zeit erfolgreich simuliert werden, ohne „enttarnt“ zu werden – der benötigte Zeitaufwand für gewisse Tätigkeiten ist weitaus schwerer einzuschätzen als das Fällen eines Baumes …

Auch Migrant*innen, Berufseinsteiger*innen und Frauen sind, unabhängig von der Branche, verstärkt betroffen: Grund: Diese Gruppen werden von Führungskräften häufig unter- oder fehleingeschätzt, zudem übernehmen manche Betroffenen selbst fachfremde Tätigkeiten aus mangelnder Fähigkeit, sich abzugrenzen, aus Angst vor andauernder Arbeitslosigkeit etc..

Die Boreout-Spirale nach unten

Typischerweise werden folgende Phänomene bei einem Boreout beschrieben, von denen jeweils der vorhergehende Zustand in den jeweils nächsten eskalieren kann, wenn nicht eingeschritten und eine Veränderung eingeleitet wird:

  • Unterforderung: Der oder die Arbeitnehmer*in hat das Gefühl, mehr leisten zu können, als gefordert wird. Ihre oder seine Fähigkeiten und Kompetenzen werden nach eigenem Ermessen nicht voll ausgeschöpft. Dies kann zwei Gründe haben: Es gibt zu wenig Arbeit (quantitative Unterforderung) oder der zugewiesene Aufgabenbereich ist zu simpel ausgestaltet (qualitative Unterforderung).
  • Langeweile: Wenn die Betroffenen kaum wissen, wie sie ihren Arbeitstag ausfüllen sollen, oder immer wieder auf die gleichen Routinen und einförmigen Arbeitsabläufe stoßen, entsteht emotionale und körperliche Ermüdung bei den Betroffenen. Sie erschlaffen, sind immer weniger produktiv.
  • Desinteresse: Wenn Aufgabengebiete nicht dem eigenen Interesse entsprechen, fällt es schwer, sich mit dem Job oder gar dem Unternehmen zu identifizieren. Die Arbeit an sich wird gleichgültig, die Loyalität und Gebundenheit zum Arbeitgeber schwindet.
  • Demotivation: Morgens aufzustehen und in dieses sehr spezielle Hamsterrad der Unterforderung einzusteigen, fällt natürlich schwer. Je länger die Monotonie andauert, desto schwerer wird es. Was keinen Spaß (mehr) macht, aber immer wieder ausgeübt werden muss, erschöpft – Betroffene fallen in einen Zustand der kompletten Interesselosigkeit und Demotivation.

Dem Arbeitgeber die Langeweile beichten oder kündigen – eine Lösung?

Wenn meine Unterforderung, wie geschildert, lange Zeit unentdeckt bleiben kann, warum also nicht selbst zum Chef, zur Chefin gehen und um eine Umgestaltung oder Neuausrichtung der eigenen Position bitten? Aber wie gebe ich bekannt, dass mich mein Tätigkeitsbereich sehr langweilt und ich dafür kein Interesse mehr aufbringen kann, mich nur noch an den Schreibtisch zwinge? Schwierig auch, wenn es daran liegt, dass der oder die Vorgesetzte alle interessanten Arbeiten an sich reißt und den Mitarbeiter*innen nur noch öde Routinejobs lässt, ihnen zu wenig zutraut, zu wenig Verantwortung überträgt. Wie lässt sich diese Kritik, dieser Missstand konstruktiv verbal verpacken?

Manch Betroffene*r mag sich auch vor einer möglichen Aufhebung des Arbeitsverhältnisses fürchten – wer möchte schon den eigenen Arbeitsplatz als reizlos oder überflüssig schildern und damit in Gefahr bringen? Ein Wechsel des Arbeitgebers stellt auch nicht für jede*n eine realistische Option dar: Wer beruflich allzu sicherheitsbedürftig ist, bräuchte die Garantie zum „Alles wird woanders nicht nur anders, sondern besser“, optimalerweise mit besseren Verdienstmöglichkeiten, aber ähnlich nettem Team, dem ähnlich schnellen Anfahrtsweg zur Arbeit usw.. Solche Garantiescheine gibt es auf dem Arbeitsmarkt aber nicht, für niemanden.

Simulieren von Geschäftigkeit stellt jedoch keine Lösung dar, die auf Dauer funktioniert. Dies beruht auf der simplen Tatsache, dass jeder Mensch eine Arbeit braucht - Arbeit in Form einer Aufgabe, die sinnvolles Tun impliziert. Fehlt das, was wir - ganz subjektiv und individuell - beruflich als relevant und sinnstiftend erleben, bleibt auf Dauer die innere Zufriedenheit und Zugehörigkeit zu einem „großen Ganzen“ aus. Fehlen dann noch Anerkennung und das Lob von außen, wächst das Gefühl mangelnder Wertschätzung und des Frusts in dem Maße, wie Interesse und Motivation verpuffen.

Diese Zusammenhänge sind sehr oft auch im Bereich der Arbeitsmarktforschung festgestellt worden, z.B. bei Langzeitarbeitslosen, die dauerhaft im Hartz-IV-Bezug stehen, oder auch in der bekannten Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“. 1933 bereits ist es Marie Jahoda, Paul Lazarsfeld und Hans Zeisel gelungen, in einer Forschungsarbeit die sozio-psychologischen Wirkungen von Arbeitslosigkeit aufzuzeigen und dass Langzeitarbeitslosigkeit nicht – wie vielfach angenommen – zu Revolte, sondern zu passiver Resignation führt, zu einer messbaren Verlangsamung von Körper und Geist und damit auch zu einer Verlangsamung von Arbeitsabläufen und des gesamten Tagesablaufs.

Was wir gegen Boreout tun können

Betroffene sollten sich daher unbedingt die Zeit nehmen und bei anhaltender Unterforderung im Job innehalten und ernsthaft alle Optionen prüfen, die in der gegenwärtigen Situation zur Verfügung stehen. Neudeutsch als job-enlargement oder job-enrichment bezeichnet, lassen sich Fragen stellen, die auf eine Erweiterung oder Anreicherung des jetzigen Arbeitsgebietes abzielen wie: Gibt es neue Aufgabengebiete, avisierte Projekte, die ich bei meinem jetzigen Arbeitgeber erfragen und übernehmen kann? Gibt es Zusatzqualifikation, die ich erwerben könnte und die mich in eine neue Position bringen?

Vielleicht bin ich nicht in der falschen Firma, aber arbeite im falschen Bereich? Ihr*e Vorgesetzte*r  kann dabei unterstützen, eine geeignetere Abteilung zu finden. Gegebenenfalls bleibt – als dritte und letzte Möglichkeit – nur der Blick nach außen, in andere Unternehmen, vielleicht sogar nur der Blick auf ein gänzlich neues Berufsfeld übrig.

All diese Fragestellungen können mit Beratungsspezialisten wie dem Betriebsrat oder einem Coach hervorragend erarbeitet werden. Der objektive Blick eines Dritten hilft, die Situation nochmals ganz neu zu betrachten – von oben, aus einer Meta-Perspektive statt mitten aus der Langeweile und Verzweiflung heraus. Auch die Agentur für Arbeit in der eigenen Stadt bietet Beratungen speziell auch für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer an – nämlich um zu verhindern, dass plötzlicher Jobverlust oder lange Krankheitsabwesenheiten drohen.

Wofür ein bisschen Langeweile im Job gut ist

Ein bisschen berufliche Langeweile ist vielleicht nicht zu vermeiden und auch gar nicht so schlecht. Sie kann uns inspirieren und den Horizont für Neues, für Innovationen und Visionen, öffnen – eben weil wir Zeit für kreative Reflektionen, zum Planen und zum Querdenken haben. Und: Ein bisschen Langeweile entspannt uns. Wer ständig Vollgas gibt, kann nicht gut parken, abschalten und entspannen.

In unserer Leistungsgesellschaft und gerade bei den älteren Generationen ist Langeweile im Job jedoch verpönt: „Das hat damit zu tun, dass jeder lieber Störungen hat, die sozial angesehen sind. Jemand, der erzählt: ‚Ich habe so viel zu tun, mir kracht die Bude zusammen vor Arbeit‘, ist sehr viel angesehener als jemand, der sagt, er langweilt sich, hat keine Aufgaben, und das macht ihn fertig. Da sagt doch jeder: "Mit dir möchte ich tauschen, das ist ja super!". Unterforderung ist nicht so ein schickes Leiden wie Überforderung.“, so Psychotherapeut Wolfgang Merkle in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung im Jahre 2010.

Irgendwie liegt also bei Unterforderung ein Geruch von Faulheit und Leistungsversagung in der Luft. Aber – auch das betonen die Autoren Werder und Rothlin in ihrem Buch - Boreout-Betroffene sind nicht von sich aus faul, im Gegenteil. Aber sie wurden faul gemacht...

Autor: Astrid Kickum, Coaching und Beratung
Thema: Boreout-Syndrom: Unterstresst & überlangweilt
Webseite: https://www.gluecksteinpraxis.de

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