Jährlich erkranken in Deutschland etwa 500.000 Menschen neu an Krebs. Obwohl es für ver­schiedene Tumorerkrankungen inzwischen gute medizinische Behandlungsmöglichkeiten gibt, haben solche Erkrankungen ihren Schrecken längst nicht verloren.

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Bereits die Ahnung, in meinem Körper könnte etwas nicht stimmen. Dann die Diagnose: Sie haben Krebs! Schon in dieser Phase stoßen viele Betroffene an die Grenzen der Kommunikation mit den Medizi­nern. Diese sind fast ausschließlich auf die medizinische Behandlung, also auf die körperliche Versorgung ihrer Patienten fokussiert. Hier gibt es oft keinen Raum und kaum Zeit für eine sensible Auseinandersetzung mit dem Patienten. Dabei wäre es für Betroffene ideal, würde ab hier die psychische Versorgung einsetzen.

Die Feststellung einer Tumorerkrankung kann einen Menschen und sein Leben stark er­schüttern. Nichts ist mehr, wie es war. Der Alltag, persönliche und berufliche Pläne – alles wird plötzlich infrage gestellt. Dazu gehört auch die unausweichliche Konfrontation mit der Endlichkeit des eigenen Lebens. All das sind Themen, mit denen sich krebskranke Menschen auseinandersetzen müssen. Das ist noch nicht alles. Zu der eigenen Belastung kommen Be­lastungsfaktoren aus dem Umfeld hinzu. Das Verhalten des Partners, der Kinder, der Eltern, des gesamten familiären Gefüges sowie der Freunde, Nachbarn, Kollegen spielen im Prozess der Krankheitsbewältigung eine wesentliche Rolle.

Krebspatienten stehen also nicht nur vor Herausforderungen auf der körperlichen Ebene (Verlust von Organen, Körperteilen, Beeinträchtigungen), sondern gleichermaßen auf der psychologischen (Infragestellung des eigenen Wertesystems, Beeinträchtigung des Selbst­wertes) und der sozialen Ebene (soziale Ausgrenzung). Das ist die Situation, in der es geboten ist, psychoonkologische Begleitung in Anspruch zu nehmen.

Aktuelle Studien zeigen, dass gut ein Drittel der an Krebs Erkrankten psychische Beein­trächtigungen aufweisen und dass psychische Variablen einen deutlichen Einfluss auf den Krankheitsverlauf und die Lebensqualität haben. Das Ausmaß der psychosozialen Belastungen bei onkologischen Patienten steht im Fokus der Psychoonkologie. Psychoonkologische Maß­nahmen sollen die Betroffenen vor allem bei der Krankheitsbewältigung unterstützen.

Die Psychoonkologie befasst sich mit den Auswirkungen von Krebserkrankungen auf die Seele und den Lebensalltag. Durch die Erkrankung sind das Vertrauen in das Leben und die Gewissheit, das eigene Leben steuern und beeinflussen zu können, stark erschüttert. Sicherheiten brechen zusammen und Wertevorstellungen lösen sich auf. Um Sicherheit und Stabilität wiederzufinden, ist die Entwicklung von Selbstunterstützung ein wichtiges Ziel in der psychoonkologischen Begleitung. Hier geht es um das Wiedergewinnen von inneren und äußeren Sicherheiten. Sowohl das Wiederentdecken von gesunden Selbstanteilen, als auch das Finden von unterstützenden und heilsamen Beziehungen im sozialen Umfeld spielen eine große Rolle. Hierbei kommen vor allem imaginative Techniken zur Anwendung. Diese Tech­niken werden genutzt, um den Klienten zu ermöglichen, ihren mit Ängsten und Chaos erfüllten inneren Bildern stabilisierende, Sicherheit gebende Bilder entgegenzusetzen. Zu den wichtig­sten Imaginationen zählen in diesem Prozess „der sichere Ort“ und „der innere Begleiter“.

Wie schon angedeutet, können durch eine Krebserkrankung das Selbst- und das Weltbild eines Menschen stark erschüttert werden. Das Vertrauen in die eigene Fähigkeit, schwierige Situationen im Leben zu meistern, geht verloren. Die Selbstwahrnehmung gerät aus dem Gleichgewicht und führt zu Irritationen. Ängste, Verzweiflung, Schuldgefühle und Aggres­sionen zeigen sich. Emotionale Empfindungen werden vom Verstand verdrängt. In der Begleitung geht es darum, den Klienten zu ermöglichen, diese Gefühle wahrzunehmen und ihnen annehmend zu begegnen, anstatt sie weiter zu vermeiden. Dabei ist es wichtig, die Klienten behutsam in ihre Selbstwahrnehmung zu begleiten. Hilfreich sind hierfür Übungen aus der Atemtherapie, Körperreisen, Imagination und Achtsamkeitsübungen.

Durch die Belastung einer Krebserkrankung stehen oft Selbstzweifel, Gefühle der Hoffnungs­losigkeit und der Wertlosigkeit im Vordergrund. Eigene Bedürfnisse können kaum wahrge­nommen, formuliert oder gar durchgesetzt werden. Hier ist es die Aufgabe der psycho­onkologischen Begleitung, die Klienten dabei zu unterstützen, ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu ergründen, zu formulieren und sie wieder zuzulassen. Mit Hilfe von Imaginationen und Meditationen können Kraftquellen aktiviert werden. Gleichzeitig werden die Klienten dabei begleitet, von einer passiven Rolle in eine aktive zu wechseln, das Gefühl des Ausgeliefertseins zu verlassen und stattdessen die eigene Selbstwirksamkeit zu stärken.

Es ist zu beobachten, dass sich Krebspatienten aus dem gesellschaftlichen Leben zurück­ziehen. Sie möchten ihr Umfeld nicht belasten mit ihren körperlichen Einschränkungen und mit ihren psychischen „Ballasten“. Lieber schweigen sie und halten tapfer aus. Das führt oft zur Isolation. Erschwerend kommt hinzu, dass das Umfeld häufig tatsächlich aus lauter Unsicherheit befremdlich reagiert und ebenfalls schweigt. Niemand möchte den anderen noch mehr belasten. Auch der Kontakt zu anderen Krebspatienten ist keine Option, weil er mitunter noch mehr Angst macht. In der psychoonkologischen Begleitung können diese Themen geäußert und zunächst gewürdigt werden. Die Notwendigkeit der Unterstützung von außen wird erarbeitet, was bewirkt, dass die Klienten in die Lage versetzt werden, aktiv nach unterstützenden Kontakten im sozialen Umfeld zu suchen. Die Klienten dürfen erfahren, auch in ihrer Krankheit so zu sein, wie sie sind. Die eigene Erlaubnis, sich zurückzuziehen, ohne die Beziehungen nach außen zu gefährden, gehört ebenfalls dazu.

Eine Krebserkrankung geht oft mit der Frage nach dem Sinn des Großen und Ganzen einher. Die Fragen: „Warum ich?“, „Warum meine Familie?“ werden meist von Wut und Ohnmachts­gefühlen begleitet. In der psychoonkologischen Begleitung bekommen diese Gefühle Raum. Die Klienten dürfen ihren damit zusammenhängenden Emotionen Ausdruck geben, der Angst vor dem möglicherweise drohenden Verlust des Lebens oder der Sorge keine Zukunft mehr zu haben. Hierbei hat Trauerarbeit einen wichtigen Stellenwert. Sie hilft zu erkennen, dass es für alles eine Zeit und einen Raum gibt – für das Weinen und das Trauern ebenso wie für die Freude und das Lachen.

In der psychoonkologischen Begleitung ist es wichtig, den Klienten einen geschützten Raum anzubieten, in dem sie von der Last gelöst werden, die volle Kontrolle zu bewahren. Für die Psychoonkologen bedeutet das, nicht nur empathisch zu sein, sondern vor allem klare Grenzen zu wahren. Das sind zum einen die eigenen Grenzen, um sich nicht in das Drama der Klienten verstricken oder sich nicht von den Sorgen und Ängsten der Klienten überwältigen zu lassen. Zum anderen ist es wichtig, respektvoll die durch die Klienten gesetzten Grenzen achtsam zu wahren.

Psychoonkologische Angebote richten sich nicht nur an Betroffene, sondern gleichermaßen an Menschen, die durch ihr soziales Umfeld mit dem Thema Krebs konfrontiert sind. Auch ihr Leben kann durch Betroffenheit ins Wanken geraten und beispielsweise die Angehörigen vor allerlei Fragen und Unsicherheiten stellen. Zudem nutzen immer mehr Einrichtungen, Organisationen und Unternehmen im Rahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements mit einer psychoonkologischen Begleitung/Beratung die Chance, sich professionell und ressourcenorientiert mit der psychischen Dimension von Krebserkrankungen auseinander­zusetzen. Das passiert insbesondere dann, wenn das System durch die Krebserkrankung eines seiner Mitglieder belastet ist.

In meiner Praxis als psychoonkologische Begleiterin habe ich die Erfahrung gemacht, dass die bewusste Konfrontation mit sich selbst und seinen Gefühlen, ein wirksames Mittel ist, um die Lebensqualität von an Krebs erkrankten Menschen zu verbessern. Sie unterstützt bei der Aktivierung und Stärkung der Selbstheilungskräfte und damit letztlich auch die Tätigkeit der Ärzte, da diese mit innerlich stabileren Patienten, die sich mit ihren Bedürfnissen auseinandergesetzt haben, arbeiten können.

Autor: Gabriele Schulz, Psychoonkologin (DKG)
Thema: Wie wichtig ist Psychoonkologische Begleitung und was kann sie leisten?
Webseite: https://www.wieder-stark-sein.de

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