Aggressives Verhalten bei Kindern in der Schule

Was ist Aggression? Es gibt viele Theorien und Definitionen, die beleuchten, wie Aggressionen entstehen und durch was sie ausgelöst werden.

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Aber das würde den Rahmen des Artikels hier sprengen. Eine wie ich finde allgemein gültige Aussage ist „Aggression ist das rücksichtslose Durchsetzen eigener Ziele – auch gegen die Interessen und Bedürfnisse anderer oder mit der Absicht, anderen zu schaden.“ Aggressives Verhalten zeigt sich aber auch als Abwehrhaltung, wenn man zum Beispiel das Gefühl hat, bedroht zu werden. Die gute Nachricht: Aggression ist keine angeborene Charaktereigenschaft, sondern ein Verhalten. Und jedes gelernte Verhalten kann auch wieder verlernt werden!

Aggressives Verhalten bei Kindern kann in verschiedenen Situationen auftreten oder auch mal phasenweise. Es muss nicht immer gleich ein Grund zur Beunruhigung sein. „Aggression wird in unserer Gesellschaft häufig als Zuschreibung und Interpretation gebraucht“, so Elena Sidhu, Leiterin einer Erziehungsberatungsstelle in der Münchner Innenstadt. Sie selbst, so fährt sie fort, redet nicht gerne von aggressiven Kindern, sondern nennt sie lieber expressive Kinder. Das macht einen großen Unterschied in der Wahrnehmung des Verhaltens. Denn sie ist sich sicher: Aggression bei Kindern in der Schule ist in der Regel erst einmal kein „kriegerischer“ Akt, es ist keine absichtliche Aktion sondern eher Ausdruck eines Mangels und eines Bedürfnisses.

Erst wenn das aggressive Verhalten auffällig wird, andere zu Schaden kommen oder der aggressive Grundton alltäglich wird, sollte man den Ursachen auf den Grund gehen. Hier gibt es Möglichkeiten der Diagnostik. Dazu gehört die Verhaltensbeobachtung des Kindes und konkrete Fragebögen für Lehrer und Eltern. Ein Kinderpsychiater kann anhand der gesammelten Daten und der Untersuchung des Kindes feststellen, ob eine Entwicklungsstörung oder hyperkinetische Störungen vorliegen und dann eine passende Therapie einleiten.

Meistens aber wird aggressives Verhalten bei Schulkindern von ganz alltäglichen Bedingungen begünstigt. Ein paar Beispiele im Folgenden: 

Familie – Freizeit – Medien – Pubertät

Die Familie, in der das Kind aufwächst, lebt vor, wie Konflikte und Problemsituationen gelöst werden und in welchem Umgangston oder Verhalten. Werden die einzelnen Bedürfnisse von Familienmitgliedern gesehen und beachtet? Dürfen alle ihren Standpunkt vertreten? Wie konsequent ist die Erziehung der Eltern? Kommt das Kind mit dem berühmten Wutanfall an der Supermarktkasse zu seinem Ziel – dem Stück Schokolade? Darf und muss das Kind Frust aushalten? Findet Gewalt in der Familie statt?

So wie ein Kind in der Familie Konfliktlösungen erlebt, überträgt es diese häufig auf außerfamiliäre Situationen – ob in der Schule oder im Freundeskreis.

Drei- bis vierjährige Kinder sind per Definition erst einmal nicht aggressiv. Sie legen Verhaltensweisen an den Tag, die ihr Temperament widerspiegeln oder weil sie sich noch nicht verbal so ausdrücken können, wie ein älteres Kind. Manche Kinder sind auch einfach motorisch aktiv, haptisch orientiert, das heißt sie „erleben“ ihre Umwelt durch Berührung und durch Anfassen. Sie haben noch keine Strategien an die Hand bekommen, ihre Gefühle anders auszudrücken als grob zu sein, weil sie vielleicht auch so den anderen besser spüren können. Dass sie als Schulkind bessere Strategien zur Durchsetzung ihrer Bedürfnisse an die Hand bekommen, ist die Aufgabe von Eltern und Erziehern. Hier spielt die Lernerfahrung in Kindergarten und Elternhaus eine große und wichtige Rolle. Ist diese nicht ausreichend vorhanden, kann zum Beispiel eine Ergotherapie oder ähnliche Angebote wie zum Beispiel soziales Kompetenztraining helfen, Lücken in der Sozialkompetenz zu schließen.

Ob ein Kind aggressives Verhalten an den Tag legt kann auch an der mangelnden Energieabfuhr liegen. Sind Kinder den ganzen Tag in der Schule und treiben nicht regelmäßig Sport oder konsumieren zu viele digitale Medien, dann ist häufig die mangelnde Bewegung eine Ursache für aggressives Verhalten. Kinder wollen toben, sie müssen sich auspowern, denn so können sie Spannungen abbauen und entwickeln Kompetenzen und Fähigkeiten durch Spiel und Bewegung.

Zahlreiche Studien belegen, dass Medienkonsum von nicht geeigneten Inhalten die Gewaltbereitschaft bei Kindern erhöhen kann. Daher sollten sich Eltern fragen, wie viel Zeit die Kinder vor dem Fernseher oder Computer verbringen sollen bzw. dürfen. Wissen die Eltern, welche Inhalte ihre Kinder schauen? Gibt es Zeiten, in denen Kinder, anstatt sich digital berieseln zu lassen, etwas Analoges spielen oder sich mit anderen Kindern verabreden können? Eltern sollten auch aufmerksam beobachten und einschätzen, ob der Fernseh- und Computerkonsum schon ein Suchtmittel gegen Langeweile geworden ist.

Gerade in Zeiten von Corona mit Lockdown, Homeschooling und Homeoffice ist das ein schwieriges Unterfangen und was vor Corona vielleicht noch indiskutabel war – stundenlang vor dem Computer spielen, arbeiten, lernen – ist heute Realität. Gerade deshalb ist es umso wichtiger, dass Eltern dafür sorgen, dass die Kinder nach draußen gehen und sich austoben können.

Ab der Phase, in der Kinder in die Vorpubertät kommen (10-12 Jahre) benehmen sie sich aufmüpfig, wollen ihre Grenzen austesten und sich mit den Erwachsenen, meistens den Eltern oder Lehrern aber auch mit Mitschülern, messen. Sie wollen vor allem herausfinden, wie Erwachsene auf bestimmte Verhaltensweisen reagieren. Diese Zeit ist für Eltern und Lehrer oft ein Drahtseilakt und es entstehen in der Pubertät oft Konflikte, denn die Kinder suchen und brauchen in dieser Zeit Anerkennung.  Sie wollen ernst genommen werden, benehmen sich aber aus Sicht der Erwachsenen unmöglich, häufig zu aggressiv. Der Ärger ist vorprogrammiert!

Wenn die Pubertät aus dem Ruder läuft, sind Eltern häufig völlig überfordert. Hilfreich kann ein Elterncoaching sein, zum Beispiel „Hilfe, mein Kind pubertiert“. Hier werden Eltern an die Gefühlswelt der Kinder herangeführt. Sie bekommen Strategien an die Hand, mit denen sie harmonischer durch die Pubertät der Kinder kommen und erlangen dadurch Kompetenzen zurück.

Fällt aggressives Verhalten hauptsächlich in der Schule auf, so kann das an den schulischen Rahmenbedingungen liegen und nicht nur an den voran genannten Gründen. Es sind häufig zu große Klassen, zu kurze Pausen oder zu kleine Schulhöfe, die aggressives Verhalten begünstigen können. Darüber hinaus kann auch die Unterrichtsgestaltung dafür sorgen, dass Kinder sich überfordert fühlen, vor allem, wenn das Niveau des Unterrichts nicht dem Leistungsstand der Klasse entspricht.

Handelt es sich um ein einzelnes Kind, das sich auffällig zeigt, so sollte die Lehrerin beobachten in welchem Kontext das Kind aggressiv reagiert und versuchen zu verstehen, welche „Mitteilung“ das aggressive Verhalten verbirgt. In einem nächsten Schritt sollte das Gespräch mit den Eltern gesucht werden.  Dabei kann den Eltern und dem Kind ein Beratungsangebot, zum Beispiel eine Erziehungsberatungsstelle empfohlen werden.

Soziale Kompetenzen stärken

„Kinder mit stabilem Selbstwertgefühl müssen sich nicht ständig beweisen. Sie müssen andere nicht verletzen um sich besser, mächtiger oder größer zu fühlen.“, so die Erfahrung von Elena Sidhu, Leiterin der Erziehungsberatungsstelle der IKG München und Oberbayern. In ihrer Einrichtung bietet sie Kompetenztrainings für Schulkinder an, die in der Schule Aggression und Gewalt durch andere erfahren oder selbst anderen gegenüber aggressiv auftreten. Dabei handelt es sich oft nicht nur körperliche Gewalt, sondern auch um verbale Beleidigungen.

Kinder brauchen klare Anleitungen, um Gefühlsebene von Verhaltensebene trennen zu können und Zugang zu ihrem Inneren zu haben. Das verringert unkontrolliertes, ungerichtetes Verhalten so auch meine Erfahrung aus der Praxis.

„Natürlich hat auch der biologische Aspekt, also das Temperament des Kindes, eventuell ein Störungsbild wie ADHS und eine erhöhte Impulsivität damit zu tun, wie es auf andere zugeht“, ergänzt Elena Sidhu. Kinder nutzen die Aggression als Druckmittel. Und Druck erzeugt Gegendruck. Das aggressive Verhalten ist auch das Austesten des Gegenübers:  erreiche ich mein Ziel mit meinem Verhalten? Wenn ja, dann ist es doch für das Kind die richtige Strategie, oder? Wenn die Aggression ignoriert wird, läuft die Aggression erst einmal „ins Leere“ aber gleichzeitig wünscht sich ein Kind Beachtung. Wird das Verhalten auf Dauer nicht gesehen und gewürdigt, dann kann das aggressive Verhalten sogar zunehmen.

Eine eindringliche, extreme Darstellung davon kann man in „Systemsprenger“ beobachten. Ein absolut sehenswerter Spielfilm mit einer genialen Besetzung durch Helena Zengel in der Hauptrolle als Kind außer Rand und Band.

Lösungsansätze

Eltern und Lehrer sollten in Kontakt zum Kind bleiben und korrektes Verhalten mit positiven Verstärkern belohnen. Aggressives Verhalten von Schulkindern sollte weder bagatellisiert noch stigmatisiert werden. Sollten Eltern oder Lehrer feststellen, dass Kinder gemobbt werden, ist es ratsam, sehr früh Profis ins Boot zu holen. Mittlerweile gibt es sehr viele Organisationen und Vereine, die zum Teil ehrenamtlich und sehr professionell Unterstützung bei Mobbingprozessen bieten.

Zum Beispiel in München www.bruecke-muenchen.de.

Wichtig und zielführend ist es, dass die Umgebung von expressiven Kindern besser verstehen sollte, wie das Kind funktioniert und was es benötigt. Häufig kommen Eltern in meine Praxis und erzählen, das Kind sei nicht in Ordnung und ich solle mit dem Kind arbeiten, es gewissermaßen „reparieren“.

Häufig stellt sich aber heraus: das „aggressive“ Kind ist nur der „Symptomträger“. Das bedeutet: am Kind manifestiert sich das „Problem“, hier wird etwas sichtbar, das Thema liegt aber woanders.

Kinder haben sehr feine Antennen. Sie spüren Veränderungen in Stimmungen und Beziehungen schon sehr früh. Hier liegt dann der Ansatz der Therapie: das ganze System Familie spielt eine Rolle. Und jeder einzelne hat seine Rolle inne. Bei der systemischen Familientherapie wird daher die gesamte Familie ins Boot geholt. In den Sitzungen werden Strategien erarbeitet und Ressourcen aktiviert. Für ein besseres Zusammenleben.

Für weitere Informationen zu diesem Thema, können Sie mich gerne kontaktieren.

Autor: Nathalie Scher-Kahn
Thema: Aggressives Verhalten bei Kindern in der Schule
Webseite: https://www.praxis-scher-kahn.de

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