Ratgeber Lifestyle

Hilfe! Warum ist mein kleiner Schatz auf einmal aggressiv?  Was läuft in der Kindertagesstätte, im Kindergarten so anders?

aggressives kind faust

Moritz, 2 Jahre alt,  ist seit ein paar Wochen im Kindergarten, seine Eltern haben sich auf diesen neuen Entwicklungsschritt sehr gefreut. Moritz war ein Wunschkind, nach dem die Doppelhaushälfte gebaut und eingerichtet war, gingen seine Eltern das nächste Wunschziel an, Nachwuchs zu bekommen. Moritz ist innerhalb der Familie der Mittelpunkt und jeder Wunsch wird ihm, wenn möglich auch erfüllt.  Moritz  zeigt aggressives Verhalten im Kindergarten!

Anna, 3,5 Jahre alt, ist seit ein paar Monaten im Kindergarten, ihre Eltern haben schon zwei ältere Geschwisterkinder, sie wohnen zur Miete und können sich keinen Urlaub leisten, sind aber eine recht harmonische Familie und versuchen stets das in ihren Augen Beste für ihre drei Kinder zu schaffen. Anna zeigt aggressives Verhalten im Kindergarten!

Kevin, 4 Jahre alt, ist seit ein zwei Jahren im Kindergarten, seine Eltern leben getrennt, er ist abwechselnd bei seiner Mutter und seinem Vater und hat einen älteren Stiefbruder bei seinem Vater. Kevin zeigt seit ein paar Wochen aggressives Verhalten im Kindergarten!

Drei Kindergartenkinder und  alle drei zeigen aggressives Verhalten im Kindergarten. Die wenigen familiären Angaben zu den Kindern zeigen schon eine große Heterogenität.  Warum zeigen diese Kinder und viele andere, mit wiederum noch anderen Geschichten und noch anderen Hintergründen,  auch ohne schwierige Familienverhältnisse, eine Aggressivität im Kindergarten?

Wenn eine Erzieherin oder ein Erzieher auf die Eltern zukommt und sie auf das Verhalten anspricht, sind viele Eltern erst einmal erschrocken und fragen sich, was machen wir falsch oder läuft etwas im Kindergarten falsch?

Wenn dann von den ErzieherInnen  womöglich noch der Verdacht auf ein ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitätsstörung)  oder pauschal der Verdacht auf eine Verhaltensstörung des Kindes geäußert wird, sind viele Eltern erst einmal verunsichert und verzweifelt oder frustriert.

Nun kann es vielschichtige Gründe für ein nicht „normgerechtes“ Verhalten geben, ohne dass es sich um eine krankhafte Störung handeln muss. Schuldzuweisungen sind an dieser Stelle fehl am Platze, weder Kita noch Elternhaus müssen sich jetzt vorrangig mit einer möglichen Schuld beschäftigen, es gibt aber zielführende Wege, dem Kinde aus seiner offensichtlich misslichen Lage herauszuhelfen.

Um möglichst nachhaltige Abhilfe zu schaffen, im Sinne aller Beteiligten, ist es unausweichlich, das Gespräch zwischen Eltern/Erziehungsberechtigten/Bezugspersonen und des Erzieherteams, eventuell der Leitung der Kindertagesstätte zu suchen und zu führen. Bedeutsam ist es dabei zu versuchen, gewisse Regeln einzuhalten, wie z.B.  so wenig emotional wie möglich zu agieren, sachlich zu fragen,  zuhören und aussprechen lassen, keine sofortige Abwehrhaltung einzunehmen oder in den Rechtfertigungsmodus zu verfallen, auch an dieser Stelle sind Schuldzuweisungen an die Kita/Kindergarten (noch) nicht angebracht und umgekehrt. Manchmal hilft es sogar, eine neutrale Person hinzuzuziehen. Folgende Fragen helfen weiter:

Als erstes ist es wichtig, die genaue Definition von „aggressivem Verhalten“ herauszuarbeiten, was genau ist in diesem Fall damit gemeint?

  • Gibt es Beispiele für das angesprochene Verhalten?
  • Seit wann zeigt es  das Verhalten, in welchen Situationen zeigt es dieses Verhalten,
  • bei welchen Gelegenheiten?
  • Wie genau äußert es sich denn?
  • Was passiert während des Verhaltens,
  • wann wird es bemerkt, gibt es Vorstufen, wie deeskaliert der/die ErzieherInnen?
  • Was passiert im Anschluss daran, bekommt das Kind mehr Aufmerksamkeit, etc? 

                                 
Daraus ergeben sich mögliche Hinweise, was die Auslöser und aufrechterhaltenden Faktoren für das Problemverhalten  sein könnten. Mit diesen Gesprächsergebnissen können  sich die Eltern/Erziehungsberechtigte/Bezugspersonen aber auch das Kindergartenteam auseinandersetzen. Sie können das  Gesprächsergebnis beleuchten und sich dem Kinde und seinem Verhalten zuwenden.  Sie können sich gegebenenfalls professionelle Hilfe dazu holen, wenn es nötig ist oder um Klarheit zu erhalten.

Ganz erheblich ist es an dieser Stelle, dem Kinde zu zeigen, es geht nicht um das Kind als Person in Gänze, sondern um ein gezeigtes Verhalten, das Kind wird trotzdem geliebt, so wie es ist. Für Probleme gibt es Lösungen, das ist wichtig zu spüren für das Kind und auch für die Eltern/Bezugspersonen/Erziehungsberechtigten und dem Kindergartenteam. Nicht das Kind ist aggressiv, sondern ein gezeigtes Verhalten.

Das Erzieherteam/Leitung der Einrichtung wird sich durch ein konstruktives Gespräch ernst genommen und respektiert sehen und ihrerseits etwas weniger angespannt auf das Verhalten reagieren.

Warum zeigen überhaupt schon  Kleinkinder/Vorschulkinder aggressive Verhaltensweisen?

Die Möglichkeiten von kleinen Kindern, sich selbst zu regulieren, zu schützen, seine Impulse zu kontrollieren sind noch stark eingeschränkt und müssen sich teilweise noch erst entwickeln. Individuelle Gegebenheiten in der vorgeburtlichen Phase, unter der Geburt und in den ersten Wochen sind maßgeblich daran beteiligt, welche Resilienz (Schutzfunktion) ein Mensch für sein Stressmanagement ausbilden kann, die Reifung in den Hirnregionen, an den Neuronen und dem Hirnstoffwechsel, die Impulssteuerung, das hirneigene Bewertungssystem und Motivationssystem, die Oxytocin –Ausschüttung und Rezeptorbildung, was für Empathie, Vertrauen, Offenheit maßgeblich zuständig ist, zeigt sich aufgrund der ersten Wochen und Monate, der Genetik, der Epi-Genetik und des Bindungsverhaltens unterschiedlich ausgeprägt. Doch in der Zeit des Kleinkindes bleibt das limbische System im Gehirn noch am meisten plastisch und beeinflussbar, positiv wie negativ. Das Verhaltensrepertoire  ist in den ersten Lebensjahren in der Regel noch wenig kognitiv (u.a. bewusst) gesteuert und setzt seine direkte Bedürfnisbefriedigung an oberste Stelle, um zu „überleben“.

Nun gibt es eine Vielzahl von Gründen für aggressives Verhalten:

  • Das Kind ist möglicherweise mit der neuen Situation (noch) überfordert, es braucht Zeit sich besser einzufinden, es braucht noch Hilfe von den ErzieherInnen und auch ein warmes Gefühl der Geborgenheit durch seine Familie außerhalb des Kindergartens.

  • Das Kind ist möglicherweise hochsensibel und reagiert sehr stark auf alle Reize, die es von außen empfängt, dadurch wird es einfach zu viel, es kann die vielen Reize nicht filtern und das Kind versucht sich über das aggressive Verhalten zu schützen.

  • Das Kind ist aus familiären Gründen aus dem Gleichgewicht geraten, weil ein Geschwisterkind geboren ist, die Eltern sich trennen, die Oma gestorben ist, ein Umzug, der Hund ist verstorben, etc.

  • Das Kind fühlt sich durch andere Kinder bedroht und stellt sich so in den Angriff über, es kennt noch keine andere Reaktionsweise.

  • Das Kind fühlt sich unwohl oder ungesehen bei den ErzieherInnen und buhlt um Aufmerksamkeit. Was durchaus auch im familiären Kontext vorkommen kann.

  • Das Kind ist minder- oder hochbegabt, was weitreichenden Einfluss auch auf das Verhalten haben kann. Es gibt viele Anzeichen für eine Minderbegabung  oder eine Hochbegabung, was ein eigenes Thema darstellt. Beides kann auch zu aggressivem Verhalten führen.

  • Das Kind ist zu Hause der Dreh- und Angelpunkt und kommt mit der Diskrepanz zur Position im Kindergarten, nur einer in einer Gruppe zu sein, nicht zurecht.

  • Das Kind wird im häuslichen Bereich  vernachlässigt oder ein Elternteil  ist schwer krank und das Kind ist damit schlicht überfordert.

  • Das Kind hat tatsächlich eine Störung entwickelt oder ist damit geboren  und braucht Unterstützung (ADHS, Trennungsangst, emotionale Störungen im Kindesalter, Störungen im Sozialverhalten, tiefgreifende Entwicklungsstörungen). Jetzt ist professionelle Hilfe unbedingt indiziert.

  • Das Kind probiert verschiedene Verhaltensweisen aus und hat sich in dieser Verhaltensweise stark verfangen.

  • Das Kind hat zu wenige Möglichkeiten, seinen Bewegungsdrang auszuagieren.

Es gibt noch vieles mehr, weshalb ein Kind aggressives Verhalten im Kindergarten zeigt. Es kann  durchaus pathologischen (krankhaften) Ursprungs sein und  das Aufsuchen eines kompetenten Fachmannes oder einer Fachfrau ist somit unabdingbar.  Je früher herausgefunden wird, ob es sich um eine Störung in der Entwicklung handelt, um eine erworbene Erkrankung oder dergleichen, umso größer sind die Chancen, die weitere Entwicklung des Kindes trotz Einschränkungen zu optimieren und positiv zu beeinflussen. Ist eine (Verdachts-) Diagnose gestellt, gibt es auch dafür eine Vielzahl an Unterstützungen und Hilfen durch die kompetente Fachkraft.  In jedem Fall ist es wichtig, genau zu explorieren, was zu diesem Verhalten führt und dem Kinde trotz allem auch zu zeigen, es ist gut, dass es da ist, es ist erwünscht und es ist geliebt. Nur so kann es Vertrauen aufbauen, Vertrauen in diese Welt zu gehören! Das tiefgreifende Wissen: Ich darf mich auch falsch verhalten, denn ich kann mein Verhalten ja ändern und dabei wird mir geholfen! Daraus zu lernen, es ist ein Verhalten von mir, das ich ändern muss, das ungünstig im sozialen Miteinander ist, doch ich als Person, als ICH bin ich o.k. und Fehler gehören zu meinem Verhalten und Erleben dazu, ich kann Fehler ändern und aus ihnen lernen! Das kann gar nicht früh genug beginnen.

Bedeutend ist es anschließend, gemeinsam daran zu arbeiten, alternative Verhaltensweisen kennenzulernen und einzuüben, wenn das Kind diese neuen Verhaltensweisen erlebt, erlernt und verinnerlicht:  Hey, es geht auch ohne Stress, Wut und Kummer!,Z.B.: Ich kann auch aushalten, zuwarten, anderen etwas geben und fühle mich trotzdem o.k.!  So  wird es aus den Konsequenzen für sich Motivation abspeichern, dieses Verhalten mit in sein Repertoire aufzunehmen. Das gelingt in vertrauensvoller Atmosphäre, bei respektvollem und konsequentem Umgang und wenn die Verstärkungen positiv und angenehm bleiben. Auf keinen Fall  darf mit Gegenaggression oder puren Strafen reagiert werden. Sobald ein Kind mikrokleine Schritte hinaus aus dem aggressiven Verhalten zeigt, kleinste Fortschritte, ist es wesentlich diese zu bemerken und anzuerkennen, allerdings auch nicht total überschwänglich zu belohnen.

Welche Alternativen gibt es nun

Es gibt eine große Vielfalt, die sehr individuell ausgewählt werden  und stimmig zum Kontext sein muss!

  • Dazu gehören weitere Funktionen wie der Serotonin-Stoffwechsel, der Dopamin/Noradrenalin-Stoffwechsel, die Cortisol-Ausschüttung, das limbische System in allen Einzelheiten usw. Schon erste Reifungsprozesse dieser Areale werden durch die Mutter und ihrem Verhalten während der Schwangerschaft und auch danach in Interaktion mit der Umwelt

  • Stressregulation – die Stressregulation beginnt schon im Mutterleib in der Heranreifung der verschiedenen Hirnareale, das Stressregulationssystem ist eines der ersten Systeme, die ein Mensch beeinflusst. Das Bindungsverhalten in den ersten Wochen ist essentiell für die Oxytocin-Ausschüttung und Rezeptorbildung So ist die Stressregulation eines jeden Menschen höchst individuell und wird Stress-Resilienz genannt. Nun kann diese Stress- Resilienz schwächer sein und es können einige Hilfsmaßnahmen zur besseren Entwicklung ausgewählt werden. Z.B. ist es möglich mit Kindern Entspannung zu lernen

  • Autogenes Training, Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson, Phantasiereisen, Atemübungen, etc.  Es ist in Kursen, einzeln und auch im Kindergarten/Kindertagesstätte  in der Gruppe sehr gut machbar und hilfreich.

  • Ein kleiner Mensch ist oftmals noch nicht so ausgereift in Sachen Impulsivität, Motivation, Bewertungsdenken. Das will geübt sein, auch dafür gibt es einige Techniken, die spielerisch mit den Kindern geübt werden  können, um ihnen zu helfen ihre Selbstregulation/Impulsivität  zu verbessern.  Dazu gehören auch gezielte Bewegungsspiele, Toben, Laufen, Schreien – in Abwechslung mit Entspannungs- und Ruheübungen.

  • Um Kindern, die mit  Reizen  der Umwelt und von außen überfordert sind, zu helfen, sind die genannten Entspannungsverfahren sehr gut geeignet und es gibt viele weitere Übungen, wie „Mut-Machspiele“, „Ruhehören“, Gedankenreisen, Klangschalenübungen und vermehrte schlichte Zuwendung in den angespannten Situationen.

  •  „Schau, du bist richtig wütend, das sehe ich, das möchte ich nicht, lass es uns so versuchen ...“  Wege aus „Marte Meo“ nach Maria Aarts sind tolle Interventionen.

  • Erleben und Erfahren mit allen Sinnen, Fühlen, Schmecken, Sehen, Hören, den eigenen Körper bewusster wahrnehmen und im späteren Verlauf auch Rollenspiele, wenn das Kind dazu die nötige Reife hat.


Alle diese Alternativen können auch gut von Seiten des Kindergartens als Gruppenübungen integriert werden.

Geduld, Zutrauen und Vorbild sind Schlüsselwörter, als Vorbild kann ein Kind zur Aggressivität gebracht werden oder von der Aggressivität hinfort geführt werden.  Hinterfragen Sie sich einmal selbst, was Sie ihrem Kind vorleben und welche Verhaltensweisen könnten dabei aggressiv wirken. Schon minimale Veränderungen können maximale Auswirkungen haben.

Zwei ganz erhebliche Punkte möchte ich an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen:

1. Es ist niemals zu spät!  Ein aggressives Verhalten macht noch lange keinen aggressiven Menschen!

2. Zur Begleitung  und Erziehung kleiner Menschen braucht es drei Dinge:  Mut, Vertrauen und ganz viel Liebe!

Autor: Maren Heucke
Thema: Aggressives Verhalten bei Kindern im Kindergarten
Webseite: http://beratung-bewegt-hh.de/



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