Bullying - Warum mobben wir andere Menschen?

"Ich komm dagegen nicht an, meine Chefin hat keinerlei Hemmungen mehr, mich sogar vor meinen Kolleginnen niederzumachen", klagt eine Klientin im Beratungsgespräch. "Und je öfter ich diese Mobbingattacken zulasse, desto bewusster wird mir, dass ich mich niemals dagegen wehren kann.

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Ich werde mit Anfeindungen konfrontiert, denen die ich nichts entgegenzusetzen habe, ich fühle mich klein, ohnmächtig und unfair behandelt. Und die anderen bekommen es mit und sie schweigen. Da hilft es mir auch nicht, wenn meine Kollegin in einer Kaffeepause dann zu mir kommt und voller Mitgefühl sagt, dass die Chefin wieder einmal echt gemein zu mir war und sie eigentlich auf meiner Seite steht."

Mit ihren fast täglichen Erfahrungen am Arbeitsplatz ist Gerda R. nicht alleine. Fast ein Viertel der Berufstätigen hat in repräsentativen Umfragen bestätigt, mit Mobbing am Arbeitsplatz bereits negative Erfahrungen gemacht zu haben. Diesbezügliche Erlebnisse im privaten Umfeld noch gar nicht erst miteinberechnet.

Laut Wikipedia beschreibt Mobbing eine Art von psychischer Gewalt, die durch das wiederholte und regelmäßige, vorwiegend seelische Schikanieren, Quälen und Verletzen eines einzelnen Menschen durch eine beliebige Art von Gruppe oder Einzelpersonen definiert ist. Die Bandbreite der typisch menschenverachtenden Mobbinghandlungen ist riesig. Hier finden wir Ausgrenzungen,  Demütigungen, das Verbreiten falscher vermeintlicher Tatsachen, das Zuweisen sinnloser Aufgaben,  bis hin zur Gewaltandrohung, sozialer Ausgrenzung und vieles mehr. Der Begriff Bullying, abgeleitet von dem engl. "bully" - ein brutaler Kerl,  ist identisch mit Mobbing, wird jedoch meist im Zusammenhang mit schulischen Mobbingvorfällen verwendet.

Was geschieht beim Mobbing

In der kleinstmöglichen Größe geschieht Mobbing zwischen zwei Personen. Da gibt es erst einmal jemanden, der mobbt, der sich über einen anderen stellt und versucht, diesen "klein zu machen". Das setzt voraus, dass sich für den Mobber ein geeignetes Objekt findet, welches sich von ihm auch "klein machen" lässt, das sich nicht wehrt oder nicht wehren kann. Eine weitere Voraussetzung für ideales Mobbing ist, dass die mobbende Person über den Antrieb und den Ehrgeiz verfügt, jemanden überhaupt mobben zu wollen.

Die zweite Person, von der der Akt des Mobbings abhängig ist, ist der Gemobbte selbst. Auch er muss über bestimmte "Qualifikationen" verfügen, damit das Mobbing an sich überhaupt durchgeführt werden kann. Doch es stellt sich bisher ausgesprochen schwierig dar, das Profil eines  "idealen" Mobbingopfers zu erstellen. Oft reichen "falsche" Klamotten, familiäre oder kulturelle Herkunft aus, um die Mobbingspirale anzuwerfen. Dann wieder ist es einfach nur "die Nase" des Gemobbten oder seine Art der Kommunikation, mit der der Mobber nicht klarkommt. Doch nicht alle, die gegen allgemein anerkannte Muster verstoßen werden gemobbt. Der Gemobbte muss eine bestimmte Qualität mit sich bringen, die der Mobber erkennen kann und dann für seine Zwecke nützt. Mobbing kann in allen Positionen, bei allen Beteiligten auftreten, beim Angestellten ebenso wie beim Chef, im Team, in kleinen und auch großen Gruppen.

Der Mobber und die Angst

Für alles, was, Menschen tun, gibt es einen Grund, der zum Handeln motiviert. Das Motiv dazu kann auf einer bewussten oder unbewussten Ebene liegen. Für jede Art von Motivation gibt es jedoch nur zwei Beweggründe: Entweder wir handeln aus Liebe oder wir handeln aus Angst.

Wie steht es nun mit dem Mobber? Viele Mobber rechtfertigen ihr Handeln damit, dass die gemobbte Person aufgrund ihres Verhaltens, vielleicht auch aufgrund ihrer Äußerungen selbst dazu beigetragen habe, dass es zu Mobbingvorfällen gekommen sei. Doch wie auch immer wir es betrachten: Es wird niemals aus Liebe heraus gemobbt, also bleibt uns nur mehr die Angst als Beweggrund für Mobbing in seinen unterschiedlichsten Ausführungen.

Doch welche Ängste sind es, die den Mobber quälen, vor was fürchtet er sich so sehr, dass er innerlich nicht in sich ruhen kann, welches Defizit meint er ausgleichen zu müssen? Es kann sich dabei kaum um geringe Ängste handeln, die den Mobber antreiben, die ihn dazu veranlassen, in unfairer Weise in Konfrontation zu einer für seine Auffassung unterlegenen Person zu treten. Einer in den Anfangszügen häufig nur unterschwellig verlaufenden Konfrontation, von der, bereits meist schon bevor die Mobbingattacke beginnt, klar ist, wer wahrscheinlich als Sieger aus dem Ganzen hervorgehen wird.

Und so finden sich beim Mobber tatsächlich Hinweise auf ein geringes Selbstvertrauen, Versagensängste, die Angst nicht gut genug oder nicht anerkannt zu sein als Antriebskraft für sein Handeln. Doch diese Gründe sind dem Mobber nicht ohne weiteres bewusst. Er spürt vielleicht nur Neid oder Frust, nur das Manko und das Verlangen nach Verbesserung. Über das Ausüben von Mobbing versucht er nun, seine inneren Ängste zu kompensieren. Für den Mobber muss die Ausführung des Mobbings ja einen Gewinn bringen, sonst würde das Mobben keinerlei Sinn ergeben. Und auf den ersten Blick gesehen gewinnt der Mobber natürlich. Nun steht er plötzlich über einem Menschen, er hat nun Oberwasser und muss vorerst nicht befürchten, seinen Status zu verlieren. Auf eine gewisse Art steht er nun oben - und verwechselt dabei, dass Machtgewinn durch Schikane und Erzeugen von Angst nicht mit natürlicher Anerkennung oder Wertschätzung gleichzusetzen ist. Und natürlich spürt dies der Mobber, nur kann er das nicht verstehen. Er erhält durch Mobbing eben nicht das, was er gesucht hat, nämlich die ehrliche Achtung und Anerkennung seines Wesens und deswegen muss er in der Mobbingspirale die nächste Runde einläuten.

Der Mobbinggewinn ist zum anderen auch abhängig von der Stellung des Mobbers innerhalb des sozialen Gefüges, in dem Mobbing stattfindet. Hat er schon eine Führungsposition inne, braucht er nichts zu befürchten und kann durch gezielte Angriffe seine Stellung festigen. Befindet sich der Mobber auf einer gleichen oder ähnlichen Position wie der Gemobbte, besteht nun für den Mobber die Möglichkeit, aufzusteigen - um dann über dem Gemobbten zu stehen. Innerhalb eines sozialen Systems wird dies dann auch von anderen "Systemangehörigen" wie zum Beispiel Arbeitskollegen in einem Betrieb oder Mitschülern innerhalb einer Klasse oder Schule bemerkt. Diese sind zwangsweise auch in das Geschehen involviert und müssen sich nun entscheiden, auf welche Seite sie sich stellen. Auf die Seite des Täters, also des Mobbers - oder auf die Seite des Opfers, des Gemobbten. Häufig entscheidet sich das soziale Mobbing-Umfeld für die Seite des Mobbers, denn so ist die eigene Sicherheit eher gewährleistet als wenn man sich auf die Mobbing-Opferseite stellt und dann eventuell selbst gemobbt wird.

Jetzt ließe sich an dieser Stelle einwenden, dass das Mobben doch nur solange funktioniert, solange sich Gemobbte oder die "Guten", also diejenigen, die die Mobbingsituation erkennen und niemals selbst mobben würden, nicht untereinander zusammenschließen und eine Allianz gegen den Mobber bilden. Und ja, in der Theorie würde das auch gut funktionieren, in der Praxis, im täglichen Alltag leider nicht, und dafür gibt es auch einen Grund. Werfen wir dazu einen Blick in die frühkindliche Denk- und Verhaltensforschung: Eine Untersuchung an Babys wollte belegen, dass wir nicht mit bestimmten Denkmustern geboren werden, sondern dass diese Denkmuster innerhalb der Familien- und Gesellschaftssysteme an unsere Kinder weitertransportiert werden. Um dies zu überprüfen, wurde sechs Monate alten Babys dazu ein kurzer Zeichentrickfilm gezeigt, in dem ein kleines gelbes Püppchen den Berg hinauf steigen will, dies jedoch so lange nicht schafft, bis ein grünes Püppchen kommt und dem Gelben hilft. In der nächsten Sequenz kommt plötzlich noch ein blaues Püppchen dazu und schubst das Gelbe wieder den Berg hinab. Nach diesem Film wurden den Babys diese drei Püppchen in Natura vorgelegt und alle Babys wählten  das grüne Püppchen aus, den Helfer.

Etwa ein halbes Jahr später wurde derselbe Test wiederholt, jedoch mit einem deutlichen Unterschied im Ergebnis: Im Alter von einem Jahr wählten bereits zehn Prozent der Babys das blaue Püppchen aus, also den "Schubser". Die daraus resultierende Frage war nun natürlich, warum die Babys ihre Auswahl vom "Helfer" zum "Schubser" geändert hatten. Die Auffassung der Forscher ist, dass Babys, die ja in diesem Alter noch nicht sprechen können, bereits beobachten, wie man sich am besten durchsetzt. Diese Untersuchung in der frühkindlichen Verhaltensforschung zeigt uns also zwei spannende Tatsachen auf: Erstens, wir werden weder als Egozentriker noch als Egoisten geboren. Und zweitens richten wir uns nach denen, die bereits erfolgreich sind, auch wenn es nicht unbedingt der Wunsch unseres Herzens ist. Und so gelangen wir zum darwinistischen Grundgedanken, dass die am besten Angepassten im Leben am Weitesten kommen - oder ganz einfach ausgedrückt: der Stärkere überlebt. Mit dieser Erkenntnis im Hinterkopf können wir vielleicht besser verstehen, warum Mobbingsituationen auch innerhalb größerer sozialer Netze so gut funktionieren, dass oftmals viele über die Situation Bescheid wissen, jedoch nichts unternehmen, um diese zum Positiven zu verändern.

Es ist eine Wahrheit des Lebens an sich, dass alles danach strebt, sich bestmöglich zu entfalten, zu wachsen, zu blühen und zu reifen. Hierbei macht der Mensch keine Ausnahme. Auch er trägt den Wunsch nach Anerkennung mit sich, den Wunsch nach Bestätigung, dass er gut genug ist, um einfach nur zu sein, sich zu entwickeln und heranzureifen. Mit diesem Wunsch werden wir bereits geboren. Und auch wenn wir diese Tatsache oft vergessen haben, suchen wir genau diese Bestätigung unser gesamtes Leben lang, jeder auf seine individuelle Art. Wir wollen behütet und gefördert, wollen für unsere Taten gelobt werden. Viele der größten Verbrecher der Welt würden auf Nachfrage meist einen Grund dafür nennen können, warum sie ihre Verbrechen begangen haben. Sie würden versuchen zu erklären, nur um verstanden zu werden und im Idealfall, um dafür anerkannt zu werden.

Haben junge Menschen in ihrer Kindheit bis zur Pubertät nur wenig Anerkennung, Liebe oder Wertschätzung erhalten und weisen sie darüber hinaus Defizite im Urvertrauen auf, sind sie häufig ihr Leben lang darauf aus, diesen Mangel auf irgendeine Weise auszugleichen, zu harmonisieren. Dieser Weg verläuft sehr individuell und ist zum einen abhängig davon, in welche gesellschaftlichen, religiösen oder moralischen Strukturen ein Mensch eingebunden ist, wie sich darin sein persönliches Wertesystem entwickeln konnte.

Und zum anderen verfügt jeder Mensch über sein ureigenes Naturell. Dieses bestimmt, auf welche Weise er die Welt erleben wird. Wie er innerhalb seiner Anlagen handeln wird, ob der Schwerpunkt seines Schaffens geprägt ist von impulsiver Aktivität, schnellen Gedanken, bedächtigem Handeln oder tiefgründiger Gefühlsebene. Ob er für dieses Leben eher die Beschäftigung mit seiner inneren Welt benötigt oder die bewegte Welt im Außen. Diese beiden Anknüpfungspunkte gelten natürlich auch für die Gemobbten, doch das ist ein neues Thema.

Autor: Sandra Franke-Sperrer
Thema: Bullying - Warum mobben wir andere Menschen?
Webseite: http://www.sandra-franke-sperrer.de

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