Chronisches Müdigkeitssyndrom - Immer nur müde sein

Das chronische Müdigkeitssyndrom und seine Auswirkungen auf die mentale Gesundheit der Betroffenen

-Von Meike Trommer - AUXELYA-Akademieleitung, Diplom Sozialpädagogin und Systemische Familientherapeutin.

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An manchen Tagen klingelt mein Wecker und ich bin noch so müde, dass ich am liebsten noch etwas länger schlafen würde. Doch dann siegt mein Pflichtbewusstsein, ich überwinde meinen inneren Schweinehund, stehe widerwillig auf und bekämpfe meine Müdigkeit mit einem starken Kaffee. An besonders stressigen Tagen bin ich abends manchmal so müde, dass ich erschöpft auf der Couch einschlafe.

Vor allem an dunklen Herbst- und Wintertagen, wenn ich nur wenig Sonnenenergie tanken kann, leide ich an einer erhöhten Antriebslosigkeit, einer niedergeschlageneren Grundstimmung und bin schneller erschöpft als sonst.

Die oben genannten Beispiele sind nicht außergewöhnlich. Allerdings haben sie alle eines gemeinsam: Es handelt sich bei allen drei Beispielen um einen vorübergehenden Zustand, der durch gesunden Schlaf und einer guten Portion Selbstfürsorge in der Regel wieder in den Griff zu bekommen ist.

Doch was passiert, wenn das Gefühl der Müdigkeit und Erschöpfung bleibt?

Was, wenn schon die kleinste Tätigkeit, wie zum Beispiel das Kochen von Teewasser, das Gefühl der Überforderung hervorruft? Egal wie viele Stunden geschlafen wird, egal wie viele Pausen über den Tag verteilt einlegt werden, egal wie viel Kaffee getrunken wird, das Gefühl der Müdigkeit und Erschöpfung bleibt. Und jegliche Versuche etwas dagegen zu unternehmen, führen eventuell sogar zu einer Verschlimmerung der Symptomatik.

Die Rede ist von dem sogenannten "Chronischen Müdigkeitssyndrom", kurz CFS (engl. für Chronic Fatigue Syndrome).

Wie der Name bereits verrät, handelt es sich hierbei um eine neurologische Langzeiterkrankung mit einer Vielzahl von Symptomen. Die häufigste davon ist die anhaltende, extreme Müdigkeit. Weitere Anzeichen können unter anderem sein: grippeähnliche Symptome, Gelenk und Muskelschmerzen, Schlafstörungen, Schwindel und Übelkeit und/oder unregelmäßiges Herzklopfen.

Rund 250.000 – 300.000 Menschen in Deutschland sind von CFS betroffen. Darunter befinden sich häufiger Frauen zwischen 20 und 40 Jahren. Auslöser dieser Erkrankung kann eine vorangegangene Infektion sein, von der sich der oder die Betroffene nie vollständig erholt. Aufgrund der Vielzahl an unterschiedlichen Symptomen ist es notwendig für jeden Einzelnen eine individuelle Therapie zu entwickeln. Die Symptome können allerdings durch die gezielte Behandlung lediglich gelindert, nicht aber geheilt werden.

Oft bleibt das chronische Müdigkeitssyndrom unerkannt, da nur wenige Ärzte mit dieser Krankheit vertraut sind. Deshalb kämpfen Betroffene seit Jahren um eine höhere Anerkennung und Akzeptanz der Erkrankung im deutschen Gesundheitssystem. Denn in einer Gesellschaft, in der Zahlen, Daten und Fakten einen so hohen Stellenwert haben, ist es schwer eine Akzeptanz für die rein auf der Symptomatik basierenden Diagnostik zu erreichen.

Durch die fehlende Akzeptanz des chronischen Müdigkeitssyndroms wird häufig die Erwerbsunfähigkeit vieler Erkrankten nicht anerkannt, was für diese wiederum finanzielle Nachteile bedeuten kann.

Doch das fehlende Fachwissen über die Erkrankung, einhergehend mit den fehlenden Chancen auf Heilung sowie mögliche finanzielle Schwierigkeiten, ausgelöst durch die fehlende Akzeptanz der Erkrankung sind nicht die einzigen Probleme, mit denen CFS Erkrankte täglich konfrontiert sind.

Die drohende Isolation: eine Gefahr für Körper und Geist

Menschen, die an CFS erkranken, verfügen nur noch über einen Bruchteil an Energie im Vergleich zu einem gesunden Menschen. Jegliche Überlastung kann die Symptomatik verschlimmern. Im Alltag bedeutet das für Betroffene mit der geringen Energie, die Ihnen zur Verfügung steht, über den Tag verteilt gut zu haushalten. Das heißt, sie sind permanent damit beschäftigt Prioritäten zu setzen. „Was ist heute besonders wichtig und sollte unbedingt erledigt werden? Wenn ich dann noch Energie übrig habe: Was wäre darüber hinaus noch gut zu erledigen? Und was nehme ich mir erst gar nicht vor?“ Die Befriedigung der Grundbedürfnisse, wie Körperhygiene, Essen und Trinken, stehen für CFS-Patienten bei der Alltagsplanung an oberster Stelle.

Für alles weitere, wie zum Beispiel arbeiten gehen, einem Hobby nachgehen, Freunde treffen, Sport treiben, bleibt häufig keine Energie übrig. Doch sind diese Dinge nicht minder wichtig im Leben. Im Gegenteil, sie bilden das Fundament für das Glückserleben und die mentale Gesundheit. Allein durch die auftretenden Symptome und die fehlende Energie laufen CFS-Erkrankte Gefahr zunehmend zu vereinsamen, was eine massive Gefahr für ihre psychische Gesundheit bedeutet. Denn nur im sozialen Austausch, ob während der Arbeit, beim Ausüben eines Hobbys oder bei einem netten Abend mit Freunden, kann sich das Gefühl der Selbstwirksamkeit und des Selbstwertes herausbilden.

Ein Leben in Isolation wirkt sich nicht nur negativ auf unsere mentale Gesundheit aus. Wie wichtig eine gesunde und stabile Psyche für unsere körperliche Gesundheit ist, wissen wir spätestens seit dem Beststeller von Prof. Dr. Gustav Dobos „Die gestresste Seele“. In seinem Buch beschreibt Dr. Dobos, dass bei 40-50% der Menschen, die einen Hausarzt aufsuchen, sich keine körperlichen Ursachen für deren Beschwerden feststellen lassen. Häufig ist es der Stress, der Körper und Seele schadet und unser Immunsystem angreift.

Das Gefühl von Stress kann viele Ursachen haben. Oft sind es gar nicht die physischen Faktoren, wie zum Beispiel ein erhöhter Termindruck oder eine nie enden wollende ToDo-Liste, die zu einem Stresserleben führen.

menschenmenge stress

Psychische und soziale Faktoren stellen eine viel größere Gefahr für die mentale Gesundheit dar, da sie viel schneller zu einem erhöhten Stressempfinden führen. Zu den psychischen Faktoren zählt beispielsweise das Gefühl der Überforderung und der Fremdbestimmung, während zu den sozialen Faktoren vor allem ein Leben in Isolation zählt. Der Grund dafür: Ohne soziale Kontakte ist es kaum möglich Selbstwirksamkeit zu erleben und ein gesundes Selbstbewusstsein aufrecht zu erhalten.

Laut einem Beitrag in der Sendung „rundum gesund“ des SWR sind über 60 % der CFS Betroffenen arbeitsunfähig. 25% sind so schwer krank, dass sie nur noch selten das Haus verlassen können, geschweige denn Freunde treffen, Sport treiben oder Hobbys nachgehen können. Ihnen fehlen die wichtigsten Voraussetzungen für ihr eigenes Glückserleben und ihre mentale Gesundheit, denn sie können je nach Schweregrad der Erkrankung nur noch sehr eingeschränkt am sozialen und gesellschaftlichen Leben teilnehmen.

Vielleicht gehören Sie nicht zu den Ärzten, die diese Krankheit näher erforschen können und dadurch bessere Behandlungsmöglichkeiten entwickeln können. Vielleicht gehören Sie auch nicht zu den Leuten, die sich für eine finanzielle Absicherung von CFS Erkrankten einsetzen können. Was aber mit Sicherheit jeder von uns tun kann, ist dafür zu sorgen, dass das chronische Fatigue Syndrom in unserer Gesellschaft ernst genommen wird, indem wir darüber reden, aufhören die Krankheit zu bagatellisieren und Betroffene als „einfach nur faul“ hinzustellen. CFS Erkrankte haben es verdient in ihrem Leid gesehen und ernst genommen zu werden und nicht der Vereinsamung überlassen zu werden.

Wenn Sie nun selbst das Gefühl haben, Sie könnten an CFS erkrankt sein, oder Sie kennen jemanden aus Ihrem sozialen Netzwerk, der ähnliche Symptome aufzeigt, dann wenden Sie sich an Fatigatio e.V.. Dort können Sie Kontakt aufnehmen mit verständnisvollen Menschen, die sich mit der Krankheit auskennen. Sie erhalten über den Verein außerdem Informationen über Regionalgruppen, Selbsthilfegruppen und Fachtagungen. Darüber hinaus können Sie sich telefonisch beraten lassen.

Autor: Meike Trommer
Thema: Chronisches Müdigkeitssyndrom
Webseite: https://auxelya.de

Quellenhinweise:

  • Prof. Dr. med. Gustav Dobos: „Die gestresste Seele“
  • Gert Kaluza: „Stressbewältigung“
  • Fatigatio e.V.

#Stress, #Motivation, #Schlaf, #Burnout, #Unterbewusstsein

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