Was heißt emotionales Essen?

Emotionales Essen bedeutet, dass man entweder ohne körperlichen Hunger isst oder aber mit körperlichem Hunger eine Mahlzeit beginnt und dann nicht stoppen kann. Die Frage, um die es sich beim emotionalen Essen dreht lautet: Warum esse ich, wenn ich keinen physischen Hunger habe?

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Kennen Sie das auch? Sie kommen abends müde nach Hause, fallen aufs Sofa--der Tag war wirklich anstrengend. Die Schokolade oder Torte vom Wochenende rufen förmlich nach Ihnen. Oh ja- Hunger spüren Sie nicht, aber der Gedanke an ein Stückchen Torte ist plötzlich gleichgesetzt mit Belohnung-gönn dir was- glücklich sein. Dann entsteht eine Art Drang, ein haben- wollen … man findet keine Ruhe ehe die Torte gegessen ist.

Von Zeit zu Zeit tut dies fast jeder mal. Nicht jedes emotionale Essen ist problematisch. Nicht jeder, der emotional isst hat Übergewicht und nicht jeder, der übergewichtig ist, fühlt sich unwohl. Davon ist hier nicht die Rede. Vielmehr geht es darum, ob für eine Person ein Leidensdruck damit einhergeht.

Mache Menschen essen recht regelmäßig zu viel- andere haben sogenannte Binge-Eating-Anfälle und nehmen dabei sehr große Mengen an Essen zu sich. Wieder andere begegnen ihrem emotionalen Essverhalten dann mit restriktiven Maßnahmen wie vermehrtem Sport, Abführmitteln -um ihr ansonsten ansteigendes Gewicht unter Kontrolle zu halten. Wieder Andere übergeben sich, um die vermehrten Kalorien der Essanfälle wieder aus dem Körper zu befördern. Das nennt sich dann Bulimie. Essstörungen sind variantenreich. Wenn Menschen emotionales Essen regelmäßig über lange Zeit als eine Bewältigungsstrategie nutzen um „klar zu kommen“, in Gedanken ständig mit dem Thema Essen oder Nicht-Essen beschäftigt sind, dann sind sie oft frustriert und fühlen sich dem Essdrang alternativlos ausgeliefert. Das sorgt meist für einen immensen Leidensdruck bei den Betroffenen, da es sich um eine Suchtstruktur handelt. Nachvollziehbarerweise will man das Problem nicht haben- will es “wegmachen“. Wie kriegt man das hin?

Der ständige Kampf gegen sich selbst

Dieses“ immer wieder dagegen ankämpfen“, die Versuche „sich irgendwie mittels Diäten, Sport etc.in den Griff zu kriegen“, das Empfinden - wenn es ums Essen oder nicht- essen geht -sich da selbst nicht vertrauen zu können“- all das ist mit starkem Druck und kritischen inneren Stimmen verbunden.

Es entspringt verständlicherweise der Sehnsucht etwas verändern zu wollen und doch wird es meist zu einem „ sich an sich selbst abarbeiten“. Man richtet sich mit einer Härte und aller Disziplin zu der man fähig ist- letztlich gegen sich selbst. Das ist unglaublich energieraubend und schmerzvoll- dreht man sich doch in einem Teufelskreis aus dem es scheinbar keinen Ausweg gibt. Oft haben die betroffenen Personen schon alles Mögliche ausprobiert. Für eine Weile mag das auch „gewirkt“ haben- meist jedoch nicht dauerhaft. Der Grund dafür ist, dass unbewusste Emotionen auf lange Sicht gesehen immer stärker sind als unser Wille. Wieder und wieder folgen dann neue Versuche…neue Hoffnung, erneute Enttäuschung bzw. das Empfinden „versagt zu haben“.

Dennoch ist das emotionale Essen oder das Gewicht nicht das eigentliche Problem. Vielmehr ist es das Symptom einer inneren Notlage. Es ist die Sprache des Körpers, der auf eine innere Misere aufmerksam zu machen versucht.

Es braucht eine andere Betrachtungsweise

Somit ist es ist nicht das Essverhalten an erster Stelle, das verändert werden muss, sei es durch Diäten, Ernährungspläne, Selbstoptimierungs-Apps oder Konzepte wie z.B. achtsames Essen. Das Essverhalten ist nur die Folge von etwas…! Eine bedeutsame Frage, die damit zusammenhängt lautet:“ Was denke ich wirklich über mich und die Welt da draußen?

Kraftraubendes Drehen am falschen Rädchen

So gesehen schrauben viele Betroffene lange aus Unwissenheit an den falschen Rädchen… es gibt keinen inneren Schweinehund, den es mit Anstrengung zu überwinden gilt- das ist ein Mythos. Oder haben Sie den schon mal gesehen? Genauso wenig hat emotionales Essverhalten etwas mit Disziplinlosigkeit oder gar mit Genuss-Sucht zu tun. Nichts ist weiter davon entfernt. Über Disziplin verfügen emotionale Esser meist zu genüge…nicht selten sind sie geleitet von Perfektionsansprüchen sich selbst gegenüber, “wuppen“ Ihren Alltag gemäß der täglichen „To –Do-Liste“ meist mit Bravour und gelten als leistungsstark.

Essen zu genießen würde implizieren, dass man eine gewisse Zeit und Achtsamkeit darauf verwendet. Vielleicht ähnlich wie beim Küssen- das ist mal eben auf die Schnelle auch kein wahrer Genuss! Interessanterweise heißt emotionales Essen oft eher im Stehen, im Vorbeigehen, abgelenkt vor dem Fernseher oder am PC zu essen -zu schlingen, stopfen oder die Gummibärchen, Schokolade, Chips etc. förmlich zu inhalieren- schnell….viel…. Hier geht es nicht um Genuss, sondern um eine innere Notwendigkeit, um einen Effekt, den das emotionale Essen hat.

Der Effekt, den emotionales Essen hat

Zwei Aspekte stehen hier im Vordergrund:

Einerseits kann es durch starke geschmackliche Reize, die es im Mund und Gehirn setzt (süß, salzig, fetthaltig) helfen negative Gefühle wie Einsamkeit, Ärger, Traurigkeit, Langeweile, Stress o.a. abzudämpfen. Somit dient es als Versuch der Selbstregulation, um mit belastenden Emotionen und damit einhergehenden Spannungszuständen im Körper- einen erträglichen Umgang zu finden. Das ist der Grund weshalb es keine Essanfälle mit Salatgurken, Äpfeln und Co. gibt!

Zum anderen kann es bestimmte Gefühlsqualitäten in unser Leben holen bspw. Belohnung nach einem harten Tag, Entspannung , Ruhe, Trost, Füllen einer emotionalen Leere, Sicherheit, Kraft, Schönes, Liebe u.v.m.

An dieser Stelle wird deutlich, dass es um mehr geht als ein verändertes Essverhalten per se. Es geht um sogenannte Kopplungen. D.h . bestimmte Emotionen, deren Ursprung meist in der frühen Kindheit begründet liegen- sind an Essen gekoppelt! Es gibt keine Alternative zum Essen.

Somit sind Aussagen wie „ Iss doch mal gesünder, iss einfach weniger, lass die Süßigkeiten weg, mach doch mehr Sport, trink 3 Gläser Wasser vor dem Essen und lauf eine Runde um den Block vielleicht gut gemeinte Ratschläge, die Betroffene dann zu hören bekommen, doch leider sind diese wenig hilfreich. So schlau ist jeder selbst- könnte man es – würde man es ja tun! Wichtig ist zu verstehen, dass Menschen gute Gründe haben für das was sie tun- selbst wenn es in Folge leidvoll ist.

Emotionaler Essdruck ist ein Wink mit dem Zaunpfahl…

Er fungiert wie ein Kompass und macht über den Körper unbestechlich auf tieferliegende, psychologische Gründe nämlich die echten Bedürfnisse des Herzens aufmerksam, welche entweder noch gar nicht oder nicht in ausreichendem Maße im Alltag Berücksichtigung und Erfüllung finden.

Hierher gilt es die Aufmerksamkeitstaschenlampe zu richten. Und zwar nicht mit Druck und Härte- diese beiden Vertreter sind hinreichend bekannt und haben das Problem anscheinend bisher nicht lösen können. Also wird es vielleicht Zeit, etwas Neues auszuprobieren. Es geht um ein Erforschen - darum sich auf eine Expedition zu sich selbst zu machen. Neugier, ein bisschen Mut und Mitgefühl für sich selbst sind hierbei unverzichtbare Begleiter.

Wenn sich innerlich etwas „zu eng“ anfühlt- man im eigenen Leben zu wenig stattfindet, stets auf Hochtouren im Funktionier-Modus durch seinen Alltag hetzt- und irgendwann im emotionalen Essen landet, hat dies oft mit einschränkenden Glaubenssätzen zu tun.

Einschränkende Glaubenssätze

Diese inneren Sätze, die Menschen den lieben langen Tag hören und die so vertraut sind, weil sie die Person schon so lange Jahre begleiten - sind nicht freundlich oder unterstützend.

Vielmehr kommentieren und kritisieren sie- nicht selten in Endlosschleifen- die Person und deren Handeln. “Du wirst das nie schaffen mit dem Abnehmen, du bist nicht gut genug, guck mal wie du aussiehst, wenn ich xx Kilo weniger wiegen würde wäre mein Leben total anders, ich will nur schlank sein, schon wieder gegessen-so wird das nix- du lernst es einfach nicht, du bist ein Fehler, im Leben wird einem nichts geschenkt-reiß dich zusammen, du hast kein Recht auf Freude, ich hasse meinen Körper, was sollen die Anderen denken“ -solche inneren Aussagen…sind nur ein kurzer Auszug dessen was da zu hören ist.

Was vielen nicht bewusst ist, dass genau dies zu immensen Gefühlsspannungen im Körper führt. Um diese abzudämpfen greift man dann unbewusst zum Essen- wie ferngesteuert. Es fühlt sich in diesem Moment so richtig an, wie eine flauschige Decke in die man sich einhüllt- es wird erträglicher… doch nach einer halben Stunde sind die kritischen Sätze erneut da und sorgen für Druck….

Es gibt unterschiedliche Methoden und Interventionen, mittels derer man solche Konditionierungen auf mentaler und vor allem auf körperlicher Ebene- auflösen kann. Nicht selten bedarf es hierbei für eine gewisse Zeit therapeutischer Begleitung.

Heute ist es sicher zu Fühlen

Die Erfahrung zu machen, dass es im Hier und Heute sicher ist seine Emotionen und in Folge dessen seine wahren Bedürfnisse zu spüren und mit der Zeit ihnen gemäß zu handeln- ist meiner Ansicht nach der zentralste Punkt überhaupt!

Ebenfalls ist es als emotionaler Esser wichtig Möglichkeiten kennenlernen mit deren Hilfe man sich konkret selbst helfen kann, dem Essdruck, wenn er auftaucht- auf neue Weise begegnen können. Je mehr dies praktisch geübt wird desto mehr setzt man dem alten Muster neue Lösungsmöglichkeiten entgegen und stärkt dadurch seine eigene Selbstwirksamkeit. Neue Erfahrungen sorgen dafür, dass im Gehirn neue neuronale Verknüpfungen gebildet werden und verändertes Verhalten etabliert wird. Je wohler man sich in sich selbst fühlt desto eher kommt der Körper in ein Wohlfühlgewicht- nicht umgekehrt.

Dies führt langsam heraus aus dem Teufelskreis.

Emotionales Essen als Chance

Hier liegt die Chance im emotionalen Essen… mit der Zeit und durch ein „sich- Zuwenden“ kann aus dem vermeintlichen „Gegner“ ein „ Verbündeter“ auf dem Weg zu sich selbst und hin zu mehr Freiheit werden. Dieser Pfad des „sich selbst auf die Spur Kommens“ ist mitunter steinig. Nichtsdestotrotz ist es auch ein kreativer, liebevoller und unglaublich lohnenswerter Weg, wie ich finde. Denn wenn wir uns nicht kennenlernen ist doch die interessante Frage: Wessen Leben führen wir dann?

Autor: Sabine Schenk
Thema: Emotionales Essen- wenn das Herz hungert
Webseite: http://www.emotionales-essen-als-chance.de

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