Ursachen für aggressives Verhalten bei Erwachsenen

Aggressives Verhalten bei Erwachsenen ist relativ häufig zu beobachten und in Zeiten, wo es Krisen gibt, wo viel Wandel stattfindet, ob gesellschaftlich oder im privaten Rahmen, da nimmt dieses aggressive Verhalten gerade bei Erwachsenen noch mehr zu.

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So werden zwischenmenschliche Beziehungen in der Partnerschaft, in der Familie und am Arbeitsplatz auch für andere Menschen zu einer Belastung. Und auch, wenn natürlich Außenstehende sehr unter dem aggressiven Verhalten eines Menschen leiden, so darf hier auch nicht vergessen werden, dass der Betroffene selbst leidet, auch wenn er es nicht so thematisieren, sondern wieder jemand anders angreifen und ihm die Schuld an seiner Misere geben würde.

Was aber sind die Ursachen für ein aggressives Verhalten bei Erwachsenen?

Die Ursachen für aggressives Verhalten bei Erwachsenen sind sehr vielfältig und betreffen insbesondere die psychische Seite des Menschen und wirken sich dann ebenfalls auf den Körper aus. Aggressionen bedienen also Körper, Geist und Seele zugleich und zeigen, dass diese aus dem Gleichgewicht zueinander gefallen sind.

Die häufigste Ursache für aggressives Verhalten sind unbewältigte Konflikte. Der Betroffene wird geradezu zerrissen zwischen seinen eigenen Bedürfnissen und dem, was von ihm von Außen gefordert wird. Dabei kann schon das Verständnis des Betroffenen, was seine eigenen Bedürfnisse sind, mit Konflikten behaftet sein. So kann es zum Beispiel sein, dass jemand den Wert seines Selbst nicht erkennt, es ihm an Selbstbewusstsein fehlt und er partout Bestätigung von Außen einfordert, weil er sich so wiederum wertig fühlen will. Was jedoch wie das Amen in der Kirche passiert, ist, dass ihm diese Anerkennung verwehrt bleibt. Nicht zuletzt seinem aggressiven Verhalten geschuldet.

Eine weitere sehr häufig verbreitete Ursache liegt in der Überforderung desjenigen mit einer bestimmten Situation oder gar dem allgemeinen Alltag. Auch hier spielen Konflikte eine große Rolle. Es gibt hierbei zwei Möglichkeiten: entweder es wird eine Forderung an ihn gestellt, die er so nicht erfüllen kann oder aber er selbst stellt sich einer Herausforderung, die er nicht meistern kann. Im ersten Fall könnte es theoretisch Jedem passieren, dass er überfordert ist und sich ablehnend verhält. Im zweiten Fall zeigt sich das Ausmaß des persönlichen Konfliktes sehr deutlich. Bei näherem Hinschauen wird klar, dass der Betroffene, der mit Aggressionen reagiert, ein anderes Selbstbild von sich sieht oder im Außen wahrgenommen haben möchte und sich herausfordernden Situationen immer wieder stellt, um diese Anerkennung von Außen zu erhalten, die ihn dann jedoch maßlos überfordern. Zu der Natur dieser Menschen gehört dann darüber hinaus, dass sie in diesem Moment nicht zugeben können, nicht mal vor sich selbst, dass sie überfordert sind und um Hilfe bitten müssten. Dazu sind sie nicht in der Lage. Ebenso wenig wollen sie aus der Überforderung, auf die sie mit Aggressionen reagieren, lernen, dass sie sich weniger aufbürden sollten. Das könnte natürlich vorallem Konsequenzen im beruflichen Bereich haben, so dass sie z.B. auf Führungspositionen verzichten müssten. Das können sie aber nicht, weil sie dann einen Gesichtsverlust erleiden – insbesondere vor sich selbst – und im Selbstwertgefühl noch tiefer rutschen würden. Hier spielt der Kampf um Anerkennung, «ich bin wer», eine große Rolle.

Menschen mit einem Defizit an Anerkennung haben häufig in der Kindheit wenig Aufmerksamkeit und Unterstützung für sich selbst bekommen. Stattdessen wurde von ihnen bereits als Kind viel Leistung und Gefallen nach Außen gefordert. Sie fühlen sich im tiefsten Innern nicht so wahrgenommen, wie sie wirklich sind und haben irgendwann dann auch selbst den Kontakt zu sich selbst verloren. Es bleibt nur ein leeres und einsames Gefühl zurück und die Ursache dafür gerät aus dem Bewusstsein. So ist es auch schwer für Menschen, die mit Aggressionen im Alltag reagieren, sich selbst zu helfen. Sie merken, dass sie Beziehungen privat wie beruflich zerstören, dass ihre Aggressionen ihnen schaden, aber sie können dieses Verhalten nicht so einfach abschalten. In der Arbeit mit ihnen zeigt sich, dass ihre Erziehung sehr stark aussenorientiert war. Als Kind hatten sie noch das Bedürfnis verspürt, so geliebt zu werden, wie sie sind. Gefördert zu werden in dem, was sie besonders gern machen. Aber gelobt und gestärkt wurden sie eher dann, wenn sie das machten, was Andere von ihnen erwarteten, wie z.B. gute Schulnoten oder sportliche Leistungen, die Anderen gefielen. So entwickelten sie nach und nach eine Persönlichkeit, die nicht zu ihrem Inneren passt.

Übersteigen die Aggressionen im Verhalten jedoch das «normale» Maß und werden die Blockaden so stark, dass Liebesbeziehungen sehr häufig zerbrechen, dramatisch und hysterisch verlaufen und die Arbeitsplatzwechsel stets eher aufgrund von persönlichen Unzufriedenheiten und Unzulänglichkeiten geprägt sind, könnte es sein, dass eine Persönlichkeitsstörung vorliegt. Persönlichkeitsstörungen sind ebenfalls psychische Störungsbilder, bei denen Persönlichkeitsausprägungen, die jeder Mensch hat und die seinen Charakter ausmachen, singulär so stark ausgeprägt sind, dass sie nicht mehr in einem harmonischen Verhältnis zu anderen Persönlichkeitsmerkmalen stehen. Die Aggression sticht dann besonders hervor als eine Charaktereigenschaft.

Die Ursachen für Persönlichkeitsstörungen, die mit Aggressionen einhergehen, sind ebenfalls vielfältig. Aggressives Verhalten spielt bei diversen Störungsbildern eine Rolle. Es kann sich um sog. Querulanten handeln. Das sind Menschen, die sehr häufig eine Ungerechtigkeit erlebt haben und nun keine weitere erdulden können und sobald sie sich im Recht fühlen, aber nicht direkt Recht bekommen, aggressiv werden. Die weitere Gruppe sind die Perfektionisten, die so selbstunsicher sind, dass sie mit ihren Aufgaben nicht fertig werden und so ständig Andere und sich selbst unter Druck setzen. Der Druck entlädt sich dann ihrerseits in Aggressionen. Daneben gibt es die hysterischen Persönlichkeiten, die das starke Bedürfnis nach Aufmerksamkeit von Außen haben und im Mittelpunkt stehen wollen. Passiert es nicht, kann aggressives Verhalten eben für die gewünschte Aufmerksamkeit sorgen.

Eine besondere Ausprägung stellt die emotional instabile Persönlichkeitsstörung dar. Diese teilt sich auf in zwei Untergruppen: einmal in Form von reinem impulsiven Charakter und zum Anderen in der Borderline Störung. Bei der Störung der Impulskontrolle reagiert der Betroffene auf alles, was ihm nicht so passt, direkt mit Aggressionen. Hier spielt ein übermäßiger Alkoholkonsum mit eine wichtige Rolle. Wichtig ist es hierbei für Angehörige und Begleitpersonen, dass sie nicht versuchen, den Betroffenen in seinem Aggressionsrausch besonders zu beruhigen oder einzugreifen, denn die Gefahr ist groß, dass sie Schaden nehmen als Vermittelnde. Die Borderline Störung wiederum ist ein sehr komplexes Störungsbild zwischen einer Neurose und einer Psychose. D.h. zwischen einem konfliktbehafteten Verhalten und einem psychotischen Verhalten. Die Aggressionen entstehen bei Menschen mit der Borderline Störung aus einer tiefen Leere in ihnen selbst und aus einer fehlenden Identifikation mit sich selbst. Was besonders verstörend für die Angehörigen und vor allem Liebespartner von Borderlinern ist, ist dass die ausbrechenden Aggressionen für die Außenstehenden sehr plötzlich und sehr unverständlich sind. Menschen, die eine Beziehung mit Borderlinern eingangen sind und später Opfer von u.a. ihren Aggressionen werden, erleiden sehr häufig selbst einen nervlichen Zusammenbruch und entwickeln eigene psychische Störungen.

Ein weiteres Feld als Ursache von aggressivem Verhalten bei Erwachsenen können weitere psychische Störungsbilder sein, wie z.B. Asperger Autismus oder die ADHS Störung im Erwachsenenalter, die ihren Anfang bereits in der früheren Kindheit nehmen. Des Weiteren sollte bei übermässigem und persönlichkeitsveränderndem aggressiven Verhalten immer an einen Missbrauch von Alkohol und Drogen gedacht werden.

Was nun das immer häufiger auftretende aggressive Verhalten von Erwachsenen im Jahr 2020 angeht, so ist dieses auf das Thema Sicherheit zurückzuführen. Viele Menschen haben sich einen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel gewünscht, denn sie waren über Jahre und Jahrzehnte bereits an ihrem persönlichen Limit angekommen. Sie wünschten sich schon lange, dass sie endlich aus dem Leistungsdruck rauskommen und trotzdem ein angenehmes Leben führen können. Dass sie sich bisher nicht getraut haben, etwas an ihrer persönlichen Situation zu ändern, war ihrem übersteigerten Sicherheitsbedürfnis geschuldet. Einerseits wünschen sie sich eine Selbstverwirklichung, aber andererseits haben sie Angst, insbesondere Existenzängste der materiellen und finanziellen Art. Es ist ihnen sehr wichtig, ein finanzielles Polster zu haben für schwere Zeiten. Nun sind die schweren Zeiten in 2020 auf Viele zugekommen und an sich waren sie darauf vorbereitet, aber die Angst vor Verlust lässt sie erstarren. Wird nun an dieser Starre gerüttelt, kann sich die Angst in enormen Aggressionsausbrüchen zeigen.

Das sind natürlich nur ausgewählte Beispiele und zu jedem Beispiel wäre eine gesonderte und tiefe Betrachtung der individuellen Situation notwendig, so wie sie in einer Einzelberatung dann stattfindet. Denn jedes aggressive Verhalten hat andere Ursachen und ganz individuelle Entwicklungsprozesse hinter sich. Es ist notwendig, die gezeigten Aggressionen des betroffenen Erwachsenen auf dem Hintergrund seiner Entwicklung anzuschauen und auf diese Weise daraus abzuleiten, was er wirklich benötigt, um sich wieder oder erstmalig sogar in Harmonie zu kommen.

Für Außenstehende kann ich nur den Rat geben, dass sie möglichst nicht in die Konfrontation mit einem Menschen, der bereits ein aggressives Verhalten zeigt, gehen. D.h. nicht, dass sie sich dem aggressiven Verhalten beugen sollen, sondern dass sie wissen, dass ein Argumentieren nichts bewirken kann. Der aggressive Erwachsene ist im akuten Stadium wie in einem Rauschzustand. Wichtig ist es daher, in Zeiten, wo eine friedfertige und normale Kommunikation mit demjenigen möglich ist, eine Ebene zu finden, wie ein miteinander gelingen kann.

Autor: Agnes Martin-Dulemba, Heilpraktikerin Psychotherapie
Thema: Ursachen für aggressives Verhalten bei Erwachsenen
Webseite: https://www.klaradenken.com

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