Verbittert nach Trennung

Wie zeigt sich Verbitterung?

Die meisten Menschen haben mit dem Wort „Verbitterung“ negative Assoziationen. Zu Recht. Drückte es doch eine „bittere“ Enttäuschung aus als Folge einer Ablehnung oder nicht erreichter Ziele.

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In der Regel erfolgt auf die Ablehnung ein Groll, der sich nicht auflösen lässt. Oft geht mit dem Ärger auch ein tiefes Gefühl der Ungerechtigkeit einher. Menschen, die sich ungerecht behandelt fühlen, ziehen sich zurück. Depressionen, Schlafstörungen, Selbstzweifel und Selbstmordgedanken sind die Folge. Die Kehrseite der Medaille ist aggressives Verhalten, Wut, Rechthaberei und Rachephantasien.  „Ich kann das nicht vergeben“ ist ein oft gesprochener Satz.

Die Medizin hat dafür eine Diagnose: Posttraumatische Verbitterungsstörung (Posttraumatic Embitterment Disorder, PTED). Auf den Begriff Posttraumatisch gehe ich noch später ein.

Als Gegenpol: Bei emotional gesunden Persönlichkeiten wird eine Enttäuschung gut verkraftet. Der Betroffene ärgert sich zwar, kann sich aber nach einer gewissen Zeit wieder auf seine Stärke besinnen.

So vielfältig das Leben ist, so vielfältig sind die Situationen, die zur Verbitterung führen. 

Die Trennung vom Ehepartner  kann genauso wie beruflicher Misserfolg oder familiäre Fehden in die Verbitterungs - Spirale führen. Niemals gibt es diesen „einen Grund“. Es ist eine Verkettung von aufeinander folgenden Ereignissen gepaart mit einem speziellen Persönlichkeitstyp.

Verbitterung stellt sich also nicht plötzlich ein; es bedarf eines längeren Zeitrahmens für die Entwicklung dieses Zustandes.

Wie wird man verbittert?

Die ersten Voraussetzungen werden bereits in der Kindheit angelegt. Nach neuesten Erkenntnissen bereits in der Schwangerschaft und noch weiter zurück. Die Epigenetik ist ein relativ junger wissenschaftlicher Zweig. Neuste Forschungsergebnisse¹ zeigen die Auswirkungen traumatisierter Müttern auf ihre Nachkommen. Eine schlechte psychische Ausgangssituation bestimmt das unangemessenen Verhalten der Kinder mit.

Wir wissen durch transgenerationale Forschungen, dass bestimmtes Verhalten in den Generationen weiter gegeben wird. Befragungen des Hamburger Psychosomatikers Philipp von Issendorff²  lassen die Vermutung zu, dass  Eltern neben ihren Genen auch Nöte, Stress, Hungergefühl und Krankheiten vererben. Über molekularbiologische Prozesse in ihren Zellen erreicht es letztlich auch ihre Kinder.

Hier werden die ersten Grundsteine für nicht angepasste Reaktionsmuster gelegt. Ein weiterer Grundstein wird innerhalb der Erziehung gelegt. Eltern, die Kindern keine Grenzen setzen, erziehen ihre Kinder zu Egomanen. Selbstbezogenheit kann zu dem Unvermögen führen unangepasst auf Krisen zu ragieren.

Wer vom Kindheit an lernt emotional sicher auf Krisen zu reagieren wird im späteren Leben über Enttäuschungen besser wegkommen.

Anders als ein Mensch mit wenig Resilienzen. Ablehnungen werden schmerzlich empfunden und es gibt wenig Ressourcen mit einer Enttäuschung umzugehen.

Es fehlt auch die Fähigkeit zu erkennen welcher Eigen - Anteil an dem Dilemma besteht. So wächst  mit der Anzahl der negativen Erfahrungen die Verbitterung und nagt mit jeder weiteren Belastung am Wirt.

Man kann Verbitterung vergleichen mit einem Parasiten, der seinen Wirt benutzt um sich weiter zu entwickeln. Mit jeder weiteren Ablehnung vergrößert sich das Negativ - Konto. Das Gefühl frisst den Träger förmlich auf. Ein Teufelskreislauf.

Eigenreflexion

Oftmals wird der schleichende Prozess der „Verbitterung“ vom Betroffenen direkt nicht bemerkt.  Das liegt daran, dass die innere Verhärtung den Zugang zur natürlichen EigenReflexion behindert.  Reflexion meint hier die Fähigkeit, sich selbst wahrzunehmen. Also das eigene Handeln mit der Wirkung auf das Umfeld in Bezug setzen zu können. Es geht hier um die behinderte Eigenwahrnehmung.

Wenn ich nicht in der Lage bin zu reflektieren, dass mein Verhalten unangemessen ist, kann ich auch keine bewusste Veränderung meines Verhaltens vornehmen.

Beispiel:

Ein Paar streitet seit langem über den wöchentlichen Einkauf. Bisher hat dies die berufstätige Frau jeden Freitag im größten Einkaufstrubel nach ihrem Job erledigt. Samstags steht sie der bettlägrigen Mutter zur Verfügung. Das Argument der Frau adressiert an den Mann, sie sei belastet und bräuchte Unterstützung, wird nicht gehört (man muss sagen, nicht verstanden). Die Frau hat bereits einige  Versuche gestartet sich zu entlasten. Mit wenig Erfolg. Auch die Mutter fordert seit Jahren jeden Samstag ihre Anwesenheit.

Die Frau ist resigniert. Ihre eigene Krankheit (sie leidet seit Jahren an Nahrungsmittelunverträglichkeiten) spielt keine Rolle. Ihre Mutter sieht immer nur sich selbst. Der Ehepartner geht nicht auf ihre Wünsche ein. Auch im Job muss sie einstecken. Man hat ihr eine Frau vorgesetzt, die sie ständig kritisiert. Mit den Jahren hat sie sich ein „dickes Fell“ zugelegt. 

Schlussfolgerung

Das „dicke Fell“ spricht  den „Panzer“ an, den sie sich zugelegt hat. Der Panzer hat die Funktion eines Schutzmantels. Dieser vermeintliche Schutz  verhindern das Fühlen der schmerzlichen Enttäuschung. Keiner sieht ihre Bedürfnisse. Keiner sieht, was sie leistet.

Niemand sieht, was sie alles opfert.

Eine gesunde Eigen - Reflexion würde die Frau in die Konfrontation mit Ehemann und Mutter führen.

Sie würde folgern, dass der Mann seinen Beitrag zum Haushalt sehr wohl leisten kann.

Auch würde sie der Mutter die Fürsorge eines Pflegedienst zumuten können. Auf das Berufliche bezogen würde sie sich mit der Vorgesetzten aussprechen oder den Job kündigen.

Somatisierung 

Thorwald Dethlefsen und Rüdiger Dahlke haben zu diesem Thema ein  wunderbares Buch  verfasst : „ Krankheit als Weg“.  Obwohl vor über 18 Jahren geschrieben immer noch aktuell. Die Autoren beschreiben den Zusammenhang von Emotionen und Krankheit.

„Verbitterte“ haben häufig Problemen mit Herzkranzgefäße, mit Infarkt, Gelenkversteifungen, Knotenbildung, Gallensteinen oder Tumoren.

Auch an der Mimik ist die Verhärtung sichtbar. Eine eingefrorene Gesichtsmuskulatur ist ein Zeichen langjähriger kompensierter Enttäuschung. Es ist den Betroffenen förmlich ins Gesicht geschrieben.

Das Phänomen Kompensation

Kompensation ist nach C.G. Jung ein seelischer Mechanismus zum Erhalt des inneren  Gleichgewichtes. Anders ausgedrückt: Den Betroffenen darf unterstellt werden, dass sie in guter Absicht (unbewusst)  einer Strategie folgen um mit dem erlittenen Ungemach fertig zu werden.

Im obigen Beispiel gibt die Frau zum Erhalt ihres Gleichgewichtes Mann und Mutter nach. Ihre tatsächliche Erregung, ihre Wut, ihre Enttäuschung bleibt im Dunklen.

Allerdings wirkt das, was im  Dunklen ist, über eine andere Ebene weiter.

Entweder über unangemessenes Verhalten oder über körperliche Symptome. Im obigen Beispiel über die Nachgiebigkeit der Frau und ihre Nahrungsmittelunverträglichkeit.

Wege aus der Verbitterung

weg sonnenstrahlen

Auch der Verbitterte hat Möglichkeiten seinem Gefängnis zu entkommen. Eine große Rolle spielt die Dauer der Belastung. Einer 40ig jährigen Dame mit PTED ist leichter zu helfen als einer 70ig jährigen. Auch die im Abschnitt Wie wird man verbittert? erwähnten  unterschiedlichen Grundsteine spielen eine große Rolle. Schwere Traumatisierungen machen die Therapie nicht leichter.

Häufig hat man es in der Praxis mit einfacheren Formen zu tun. Liebevolle Begegnung im therapeutischen Setting sind die ersten Schritte aus der Verhärtung. Verständnis für das Vergangene ist wichtig. Es gibt immer genügend Gründe für die im Abschnitt Kompensation beschriebene Strategie (unbewusst). Das bewusst machen, was Warum und Wie passiert ist, sollte ein zentrales Anliegen in einer therapeutischen Sitzung sein. Die Verhaltenstherapie und die Hypnotherapie zählten bei Verbitterung  mit zu den erfolgreichen Methoden. Auch naturheilkundliche Verfahren wie klassische

Homöopathie oder die Akupunktur kennen  diverse Mittel/ Ansätze bei Verbitterung den Prozess der Veränderung zu unterstützen. 

¹Spork, P. (2018) Grundlagenforschung. Erben wir Spuren von Gewalterfahrung unserer Großmütter. Newsletter Epigenetik 28. S.4

² https://www.system-und-herz.de/180507_NationalGeographic_Epigenetik.pdf

Autor: Kirsten Schümann
Thema: Verbittert nach Trennung
Webseite: https://www.kirstenschuemann.de

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