Was ist eigentlich Armut? Den Begriff der Armut wird wahrscheinlich jeder einzelne Mensch ein wenig anders definieren. 

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Laut Wikipedia bezeichnet Armut im materiellen Sinn (als Gegenbegriff zu Reichtum) primär die mangelnde Befriedigung der Grundbedürfnisse (vor allem nach Nahrung, Wasser, Kleidung, Wohnraum, Gesundheit).

Armut im Allgemeinen beschreibt also einen Mangel, einen Mangel an tatsächlich benötigten oder auch im Grunde nicht benötigten Dingen. Man kann auch arm an Emotionen sein, an Liebe, an Bildung, Interessen. Die Liste ließe sich unendlich fortsetzen, aber in diesem Fall schauen wir uns nur eine bestimmte Form der Armut an: die wirtschaftliche Armut in unserem Land.

Ja, in einem der reichsten Industriestaaten der Welt wie Deutschland gibt es Menschen, die man als wirtschaftlich arm bezeichnen muss. Und allem Anschein nach wird sich daran in nächster Zukunft wohl nicht viel ändern. Auch die wirtschaftliche Armut lässt sich selbstverständlich subjektiv betrachten. Es gibt sie tatsächlich, die Menschen, die mit sehr wenigen materiellen Dingen auskommen und glücklich sind, die ihren Reichtum nicht im Materiellen suchen und finden und ein zufriedenes Leben führen. Dies wäre dann aber per Definition auch keine Armut. Armut beginnt da, wo ein Mangel empfunden wird. Da, wo nicht GENUG vorhanden ist. Genug im Vergleich zu den meisten anderen Menschen in der Gesellschaft.

Wozu führt ein Mangel an Geld und wirtschaftlichen Gütern? Es ist kein Geheimnis, dass es unendlich viel Stress verursachen kann, nicht zu wissen, wie man die elementarsten Dinge im Leben bezahlen soll. Und so führt wirtschaftliche Armut zu einer ganzen Reihe von Auswirkungen, die alleine deswegen auftreten, weil ein Mensch nicht genug Geld zur Verfügung hat. Warum dies so ist, kann vielerlei Gründe haben, soll aber nicht Gegenstand unserer Überlegungen sein. Vielmehr geht es darum, die Auswirkungen eines einzigen Faktors zu betrachten.

Wer arm ist, kann sich nicht gesund und ausgewogen ernähren. Auch wenn in Deutschland die Lebensmittelpreise vergleichsweise niedrig sind, heißt das auch nur, dass man günstige Lebensmittel kaufen kann. Aber günstige Lebensmittel machen vielleicht satt, enthalten aber wahrscheinlich nicht alle lebensnotwendigen Vitamine und Nährstoffe. Von Nudeln mit Tomatensauce oder Toastbrot kann sich keiner auf Dauer gesund ernähren. Und auch wenn man hier vergleichsweise günstig Obst und Gemüse kaufen kann, ist die Bio-Variante desselben leider immer noch teurer als die konventionell unter Verwendung von z.B. Pestiziden hergestellten Produkte.

Das heißt, auf Dauer macht Armut auch krank. Angefangen bei der Ernährung können wir den Kreis noch weiter ziehen. Wer wenig Geld hat, wird im Winter nicht vernünftig heizen können, wohnt vielleicht in einer billigen feuchten Wohnung mit Schimmel an den Wänden, kann sich keine angemessen warme und funktionelle Kleidung kaufen. Wer schon krank ist und wenig Geld hat, kann sich keine Therapien leisten, die nicht von der gesetzlichen Krankenkasse übernommen werden oder einfach mal im Urlaub in der Sonne entspannen. Wer ständigem Stress ausgesetzt ist, weil er nicht weiß, wie er die nächste Rechnung oder gar Mahlzeit bezahlen soll, tut seiner Gesundheit keinen Gefallen. Permanenter Stress setzt die Funktion des Immunsystems herunter, das Stresshormon Cortisol wird ausgeschüttet und versetzt den Körper in einen dauerhaften Zustand von Anspannung. Das Gehirn nimmt dieses als Warnsignal für Gefahr wahr, es folgen Schlafstörungen, nervöse Anspannung, Depressionen. Ein Symptom bedingt das nächste und man befindet sich bald in einem Teufelskreis. Laut einer Studie der Max Planck Gesellschaft von 2019, sind die Faktoren, die das Sterblichkeitsrisiko signifikant erhöhen: Arbeitslosigkeit, niedriges Einkommen und fehlende Bildung. Jeder dieser Faktoren kann in den direkten Zusammenhang mit Armut gebracht werden.

Wer Kinder hat, wird all das als noch viel intensiver erfahren, denn was kann schlimmer sein, als mit ansehen zu müssen, wie der kleine Mensch, den man so sehr liebt wie nichts auf der Welt, nicht angemessen, ernährt, gekleidet und umsorgt werden kann? Wie erklärt man einem Kind, dass es jetzt leider kein Eis essen kann, weil sonst das Geld nicht bis zum Monatsende reicht, dass es leider nicht mit zum Vergnügungspark gehen kann, obwohl alle seine Freunde dabei sind und dass die Schuhe wohl doch noch etwas halten müssen, auch wenn sie schon recht eng sind. Armut macht auch einsam.

Sie macht uns klein, bedürftig, bewegungslos und passiv. Sie nimmt uns das Selbstvertrauen und hemmt die Entwicklung der Persönlichkeit.

Armut beraubt uns eines Potentials - sowohl im Kleinen wie im Großen.

Wer arm ist, kann es seinem Kind nicht ermöglichen, einen entsprechenden Bildungsweg einzuschlagen. Sogar dann nicht, wenn dieses Kind das Kind mit dem höchsten IQ aller Zeiten wäre. Armut verschenkt Potential. Nicht nur für den betroffenen einzelnen Menschen, für uns alle in der Gesellschaft. Es ist nicht naturgegeben so, dass die schlauesten und innovativsten Köpfe in Elitefamilien geboren werden.

Aber all dieses Potential wird nicht ans Licht kommen, wenn es nicht gefördert werden kann, weil es schlicht und einfach in der Familie an Geld fehlt. Not macht erfinderisch heißt es so schön. Vielleicht sind ausgerechnet die Menschen, die nicht im materiellen Überfluss leben, viel kreativer und ehrgeiziger als die, die sowieso alles auf dem Silbertablett serviert bekommen?

Nicht zuletzt, und ich denke, das ist die Hauptauswirkung von Armut, führt Armut zu dem Gefühl eines niedrigen Selbstwertes. In dieser Gesellschaft, in der wir momentan leben, wird leider allzu oft der Wert eines Menschen darüber bestimmt, was er HAT, statt darüber, was er IST. Wer wenig Geld zur Verfügung hat, kommt fast automatisch in den Strudel, sich weniger wert zu fühlen. Wer sich als wertlos(er) empfindet, lässt sich mehr gefallen. Er arbeitet für weniger Geld, nimmt schlechtere Arbeitsbedingungen in Kauf, denkt, er hat kein Recht auf ein Stück vom großen Kuchen. Er lässt sich unterdrücken und ausnutzen.

Es gibt bei der Erziehung von Hunden einen einfachen, allerdings sehr effizienten Trick. Ist der Hund nicht gehorsam bzw. schlägt über die Stränge und nimmt sich zu viel heraus, begrenzt man einfach seine Ressourcen (Futter) und Möglichkeiten (Schlafplatz auf der Couch, Spielzeuge etc. ). Sehr schnell werden die meisten Hunde „gehorsam“ sein, denn sie haben erkannt, dass der Zugang zu diesen Dingen für sie lebenswichtig ist. Sie „fressen dann wieder aus der Hand“. Ich vergleiche hier nicht Menschen mit Hunden, sondern in beiden Fällen soziale Wesen, die in einer Gesellschaft (über)leben wollen.

Armut hält klein und vielleicht ist das so gewollt? Welchen Zweck sollte es haben, Menschen klein zu halten, wenn nicht den, die Möglichkeit der Unterdrückung und Ausbeutung offen zu halten? Das ist eine ernst gemeinte Frage. Ich persönlich sehe keinen anderen Grund.

Doch wer über wenig Geld verfügt, kurbelt auch die Wirtschaft nicht wirklich an. Wem nützt also Armut? Cui bono??

In einem der reichsten Industriestaaten der Welt sollte es doch ohne weiteres möglich sein, jedem Menschen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Einen Ansatz hierzu sehen wir zum Beispiel in der Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen. Ich stehe diesem Ansatz insgesamt positiv gegenüber. Wenn jeder Mensch am Anfang eines Monats erst einmal genug Geld hat, um entspannt zu leben, erledigen sich all die erwähnten Auswirkungen der Armut von selbst. Ein weiterer Aspekt der Armut ist nämlich noch das Abgleiten in die Kriminalität, wie auch immer geartet. Es wird versucht, der Ungerechtigkeit des Systems entgegen zu treten und trotzdem sein Stück vom Kuchen zu bekommen. Auch diese Entwicklung würde gehemmt werden, hätte nur jeder Mensch von vornherein GENUG zum Leben.

Das setzt natürlich ein Umdenken beim Einzelnen voraus. Sicher gibt es auch da wieder die Stimmen, die behaupten, der Mensch denke zuallererst nur an sich selbst und würde niemals arbeiten, wenn er nicht müsste und das Konto einfach so gefüllt werden würde. Ich bin mir ziemlich sicher, dass eine kleine Zahl von Menschen genauso reagieren würde. Aber ich glaube auch, dass die meisten Menschen ihre Zeit dafür nutzen würden, etwas zum Wohle der Gesellschaft beizutragen. Denn Menschen fühlen sich in Gruppen am wohlsten und wenn man das Gefühl hat, für diese Gruppe etwas wert zu sein, weil man seinen Beitrag leistet, ist es doch das, was uns wirklich glücklich machen kann. Denn letztendlich geht es doch nicht darum, dass jeder Einzelne das Beste und Meiste für sich selbst herausschlägt. Es ist genug für alle da. Einige wenige Menschen müssen lernen, dass man auch genug haben kann und dass wahres Glück und wahrer Reichtum nichts mit dem materiellen Äußeren zu tun haben. Wenn dort aber ein eklatanter Mangel herrscht, wie es für viele Menschen leider Realität ist, hat man nicht die Zeit, sich mit Wachstum und Entwicklung zu beschäftigen. Es geht dann um das einfache Überleben, Tag für Tag. Sollte es aber nicht vielmehr darum gehen, als Gesellschaft zu wachsen, sich insgesamt weiterzuentwickeln und unseren Kindern etwas zu hinterlassen, worauf wir stolz sein können?

Autor: Doreen Polster, Heilpraktikerin
Thema: Was macht Armut mit den Menschen?
Webseite: http://www.hp-polster.de

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