"Alle 11 Minuten verliebt sich ein Single.. ", dieser Slogan eines erfolgreichen Internet-Partnerschaftsportals ist seit einiger Zeit in den Medien äußerst präsent.

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Psychologisch intelligent konzipiert, verspricht dieser Werbespruch eine hoffnungsvolle Chance, den passenden Partner im Internet zu finden.

Die Botschaft dieses Claims bedeutet wahrscheinlich nicht, dass sich alle 11 Minuten ein Single während eines realen Dates in sein Herzblatt verliebt. Es mag wahrscheinlicher sein, dass sich alle 11 Minuten ein Single in ein Foto, ein persönliches Profil, eine E-Mail oder in eine Stimme am Telefon verliebt.

Statistiken behaupten, dass sich mittlerweile jedes dritte Paar in Deutschland über das Internet gefunden hat.

In der oft großen Erwartungshaltung möglichst schnell den passenden Partner zu finden, blüht unsere Fantasie auf, die unausweichliche, körpereigene Dopamin-Ausschüttung trägt nun auch noch biochemisch dazu bei, dass wir, im positiven Sinne, auf Hochtouren sind.

Nachdem wir uns also virtuell verliebt haben oder zumindest interessiert sind, bahnt sich in der Regel, je nach Tempo und Ungeduld der Dating-Partner, das erste reale Treffen an.

Je länger wir das reale Date, die echte Begegnung, herauszögern, umso größer wird unsere Erwartungshaltung. Je mehr gedachte und erwünschte Bilder wir in uns malen, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese Bilder nicht mit der Realität übereinstimmen werden.

Dieser negative Abgleich hat meistens eine Enttäuschungshaltung, negative Gefühle oder sogar Frust zur Folge. Der Psychologe Dieter Lange beschreibt die Formel des Unglücks als den Vergleich zwischen dem „was ist“ und dem, „wie wir es lieber hätten“. „Des Glückes Tod ist immer der Vergleich.“ (Dieter Lange)

Das Phänomen der Erwartungshaltung ist aus therapeutischer Sicht eine der großen psychologischen Lösungsblockaden. Je mehr Erwartungen wir an unseren Dating-Partner haben, umso mehr geben wir die Kontrolle über unsere Gefühle an unser Gegenüber ab. Im positiven, wie leider auch im negativen Sinne. Je mehr wir erwarten, dass wir bei unserem Date nun endlich unserem Traumpartner begegnen werden, je mehr wir erwarten möglicherweise den Menschen kennenzulernen mit dem wir unsere Zukunft und Familienplanung gestalten möchten, umso größer kann unsere Enttäuschung sein, wenn die ersten Momente der Begegnung doch nicht so stimmig erscheinen.

Ein First Date ist, neben der Erwartungshaltung, oft verbunden mit Unsicherheiten, Zweifeln, und Selbstzweifeln. Treten diese Phänomene konzentriert auf, kann sich daraus eines der menschlichen Urgefühle entwickeln, die Angst.

Vorhang auf

mann mit maske

Ein Date ist ein Auftritt. Zwei Menschen betreten, bildlich gesprochen, die Bühne. Ob im Café oder Restaurant, im Stadtpark zum Spaziergang oder zum Kinobesuch, wir stellen uns einer Begegnung, in der wir gegenseitig bewertet werden oder das Gefühl haben, bewertet zu werden.

Hier findet nun der Reality-Live-Check statt. Werden sich unsere Hoffnungen und Projektionen erfüllen? War alles nur „ganz nett“ und man „weiß nicht so recht“ oder bricht unser Bild direkt zusammen und wir verweilen maximal für einen Espresso?

Das innere „Gedanken-Helferteam“

Mit welchen Gedanken wir unsere „Dating-Bühne“ betreten, bestimmt maßgeblich unser Selbstwertgefühl sowie unser Körpergefühl. Sind diese Gedanken selbstwertspendend oder rauben sie uns wertvolle Energie, die für den „Flow“ der Begegnung so hilfreich ist?

Wenig hilfreich ist das Schwarz-Weiß-Denken, das „Entweder-oder-Denken“.

„Entweder er oder sie ist es jetzt“ oder „ich finde halt nie jemanden“.

Denkweisen, die eine „Sowohl-als-auch-Logik“ unterstützen, engen uns nicht ein und ermöglichen uns eine Vielzahl an Möglichkeiten.

„Auch wenn ich Angst vor Enttäuschung habe, schenke ich mir die Zuversicht, ganz bald einen Menschen zu finden, der wirklich zu mir passt.“

„Auch wenn ich mich gerade sehr unsicher fühle, vertraue ich auf meine partnerschaftliche Kompetenz.“ 

„Auch wenn ich mich gerade Hals über Kopf verliebt habe, schenke ich mir die Zeit, alles in meinem Tempo anzugehen“.

Der Ort der Begegnung

Es mag sich die Frage stellen, welcher Ort wohl für ein erstes Date geeignet ist. Da sich dieser Artikel mit dem Thema Angst und Unsicherheit beschäftigt, möchte ich an dieser Stelle einen allgemeingültigen Sicherheitsratschlag geben, der im Extremfall lebenswichtig sein kann. Bitte treffen Sie sich unbedingt an einem öffentlichen Ort, an dem viele Menschen sind und setzen Sie einen befreundeten Menschen über Ihr Date, die Zeit und den Ort in Kenntnis.

Bewerbungsgespräch mit Checkliste oder offene Begegnung?

Bei vielen Dates kann der Eindruck entstehen, dass es sich hier nicht um ein offenes, unvoreingenommenes Kennenlernen handelt, sondern dass die Begegnung eher einem Bewerbungsgespräch mit abzuarbeitender Checkliste ähnelt. Ein kategorisches Abfragen über Biographie, Beruf, Familienstand, sowie die Checkliste über bereits vorhandene und/oder geplante Kinder und somit die oft unvermeidliche Offenlegung vergangener Partnerschaften verhindert eher das offene Gespräch und die Möglichkeit eines unvoreingenommenen, zwischenmenschlichen Kennenlernens. Wen suche ich denn eigentlich?

Es klingt nicht ganz leicht, aber wie wäre es, wenn wir unser Date nicht unter dem Gesichtspunkt einer zukünftigen Partnerschaft betrachten, sondern uns völlig unvoreingenommen und offen die Chance erteilen, einen neuen Menschen kennenzulernen?

Partnersuche ist kein Maskenball

Es beginnt oft mit dem angelegten Profil auf der Dating-Plattform. Unser Foto wurde einige Male digital bearbeitet, der passende Filter wurde gefunden, im ungünstigsten Fall ist noch erkennbar, dass der Ex-Partner gekonnt aus dem Bild geschnitten wurde.

Wir sind beruflich höchst erfolgreich, treiben regelmäßig Sport, haben einen Hang zu außergewöhnlichen Aktivitäten, wir haben bereits kosmopolitisch die ganze Welt als Heimat  bereist und sprechen fließend mehrere Sprachen, selbstredend …

Die so dargestellte Perfektion kann in dem Menschen, der unser Profil besucht, manchmal mehr Angst als Interesse auslösen. Auch wenn sich der Grundsatz „wer vergleicht, hat verloren“ oft bewahrheitet, so sind die meisten Menschen nicht mit so einem Selbstwertgefühl ausgestattet, dass sie sich im Vergleich zu einem sich in derartiger Perfektion darstellenden Menschen ziemlich klein und minderwertig fühlen würden.

Tatsächlich wurde unsere perfekte Selbstdarstellung vielleicht auf dem heimischen Sofa in der geliebten, schon etwas verwaschenen Jogginghose erstellt. Vielleicht an einem Wochenende, als wir uns so gar nicht motivieren konnten, das Haus zu verlassen. Vielleicht an einem Wochenende, an dem es uns schon vor dem Montag der Arbeitswoche graut. Vielleicht an einem Wochenende, an dem unsere perfekten Italienisch-Kenntnisse schon am Vorabend in der Pizzeria um die Ecke etwas geschwächelt haben.

Gerade diese Nicht-Perfektion macht uns menschlich, zugänglich und interessant.

Eine menschliche und authentische Darstellung Ihrer Person kann Ihrem möglichen Herzblatt die Angst vor einer Kontaktaufnahme nehmen. Umso schöner wird es für Sie sein, wenn Sie sich in einer späteren Beziehung einfach so geben können, wie Sie sich in ihrem Profil dargestellt haben. Das nimmt Ihnen die Angst, sich als jemand anders ausgeben zu müssen, als der Sie eigentlich sind.

Das Bauchgefühl und die Macht der Spiegelneuronen

Die Neurobiologie spricht von Resonanzphänomenen, ausgelöst durch die Macht der Spiegelneurone, die uns direkten Aufschluss über die Gefühlszustände unseres Gegenübers erhalten lassen. Beobachten wir ein Date aus der Vogelperspektive, lassen sich viele dieser Resonanzphänomene feststellen. Sich füreinander interessierende Dating-Partner nehmen die ähnliche Sitzhaltung ein, zeigen eine ähnliche Körpersprache, Mimik und Gestik. Auf dieses Weise können ebenso Gefühle übertragen werden.

In den ersten Momenten unseres Dates meldet sich unser Bauchgefühl ungeplant und instinktiv. Unbewusste Prozesse laufen zehntausendmal schneller ab als unsere bewussten kognitiven Vorgänge. Wir kennen die Tipps unserer Mitmenschen, „Hör` auf Dein Bauchgefühl“, „Der erste Eindruck zählt“, …, meistens werden Menschen bestätigen können, dass sich der erste Eindruck, das Bauchgefühl, bestätigt hat.

Während unserer Partnersuche kann es jedoch hilfreich sein, dem Menschen eine weitere Möglichkeit des Kennenlernens zu ermöglichen. Unser Bauchgefühl bezieht sich auf innere Muster, die sich aus unseren bisherigen Lebenserfahrungen gebildet haben. So kann es sein, dass wir unseren Dating-Partner aufgrund eines einzigen, oft unbewusst wahrgenommenen, Merkmals ablehnen. Vielleicht ist es ein optisches Merkmal, das in uns unliebsame Erinnerungen hervorruft, vielleicht ist es eine gewisse Mimik und Gestik, die uns verunsichert.

Rein pragmatisch betrachtet scheint es jedoch ziemlich unlogisch, dass wir mit einem Menschen, der uns aufgrund einer bestimmten Wahrnehmung an eine bestimmte Person oder an ein vergangenes Erlebnis erinnert, das Gleiche oder sogar dasselbe erleben werden.

Hören Sie bitte unbedingt auf Ihr Bauchgefühl, aber hinterfragen Sie sich auch, welcher frühere ähnliche Sinneseindruck in Ihrem Leben dieses aktuelle Gefühl hervorgebracht hat. Vielleicht sitzt Ihnen doch gerade Ihr Traumpartner gegenüber?

Jede neue Begegnung ist eine NEUE Begegnung

Es liegt in uns allen, dass wir gemocht, anerkannt und vielleicht auch ein wenig bewundert werden wollen. Wenn unser Dating-Partner kein Interesse an uns zeigt, heißt das, pragmatisch betrachtet, dass wir für diesen Menschen nicht die erwarteten oder gewünschten partnerschaftlichen Merkmale aufweisen.

So ernüchternd es klingen mag, der Chance auf Verliebtheit sind biochemische Prozesse vorgeschaltet, auf die wir bewusst keinen Einfluss haben. So sehr ein „Korb“ verletzt, eine Ablehnung bedeutet nicht, dass wir als Mensch weniger wert sind oder dass unser Selbstwertgefühl darunter leiden sollte. Es bedeutet lediglich, dass wir nicht der eine unter tausend anderen auf dem Dating-Portal sind oder aber, nach dem Song von Max Giesinger, nicht der eine unter 80 Millionen.

Und vielleicht gehörte IHR Dating-Partner auch nicht zu IHRER Zielgruppe.

Mit jedem neuen Kontakt und jeder neuen Begegnung eröffnen sich neue Möglichkeiten. Die Erfahrungen und vielleicht auch Enttäuschungen vergangener Dates sollten zurückgesetzt werden und in dem Erinnerungsareal aufgehoben werden, wo sie hingehören, in der Schatztruhe der Vergangenheit. Blicken Sie nach vorne und vermischen Sie nicht unterschiedliche Dating-Erfahrungen. Und bitte vermeiden Sie generalisierte Denkweisen in der Art von „So sind halt alle Frauen“ oder „Das war ja mal wieder typisch für die Art Mann“. Mit diesen Denkweisen, die zu tiefliegenden Glaubensätzen mutieren können, schaden wir lediglich uns selbst und verhindern möglicherweise unser zukünftiges Beziehungsglück.

Von der Angst und vom Umgang mit Ghosting

Es fühlte sich so gut an, die Dates versprachen die Hoffnung auf mehr …, und plötzlich, wie aus heiterem Himmel und ohne Vorwarnung ist unser Dating-Partner nicht mehr erreichbar, hat uns auf Kommunikationsportalen blockiert … 

Eine oft verletzende und narzisstische Verhaltensweise äußert sich darin, dass sich Dating-Partner, nach vielleicht bereits engeren und intimeren Treffen, von der Bühne verabschieden ohne sich zu verabschieden. Ghosting bedeutet, dass ein Mensch, ohne eine Nachricht zu hinterlassen, sich nicht mehr meldet, abtaucht und nicht mehr zu erreichen ist.

Historisch betrachtet ist Ghosting kein Phänomen des Internet-Zeitalters.

Hier stellt sich oft die regressive Frage nach dem „Warum“. Stellen wir uns diese Frage in Richtung Zukunft, mit einem „Wofür“. Vielleicht möchte derjenige vermeiden, Ihnen sagen zu müssen, dass er Angst vor einer neuen Beziehung hat, generell Angst vor Beziehungen hat, dass es sich doch nicht so gut für ihn anfühlt, dass er durch sein Verschwinden mögliche Auseinandersetzungen vermeiden kann. Die Gründe mögen vielfältig sein, sie liegen aber nicht an und bei Ihnen und sind deshalb außerhalb Ihres Einflussbereichs.

Wenn wir einmal oder sogar öfter solche Erfahrungen gemacht haben, ist es mehr als menschlich, neuen möglichen Partnern vorab zu misstrauen. Auch hier gilt jedoch der Grundsatz, dass jede neue Begegnung eine NEUE Begegnung ist. 

mann frau liebe luftballons herzen

Ich wünsche Ihnen die Begegnung mit einem Menschen, der wirklich zu Ihnen passt.

Danke für Ihre Lesezeit und für Ihr Interesse.

Hinweis des Autors: Der Einfachheit halber wird im gesamten Artikel die männliche Form verwendet, die weibliche Form ist selbstverständlich eingeschlossen.

Autor: Hans Steinmeier
Thema: Angst vorm ersten Date
Webseite: https://www.steinmeier-dortmund.de

Autorenprofil Hans Steinmeier:

Heilpraktiker für Psychotherapie, Paartherapie, Partnerschule, Psychotherapie, Hypnosetherapie, Auftrittscoaching

Expertenprofil:

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