Jeder Mensch trägt einen unsichtbaren Rucksack und schleppt diesen durch sein Leben. Manche Menschen gehen leichten Fußes ihren Weg, andere haben kaum Kraft und brechen zusammen.

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Das hat unterschiedliche Gründe: Mal ist die Etappe des Lebensweges zu steil, zu steinig und zu schwer. Mal ist aber auch der Rucksack zu schwer, so dass schon minimale Hügel unüberwindbar sind.

So erkläre ich meinen Klienten, wie sie sich fühlen. Viele finden den Weg in meine Praxis, wenn sie am Ende ihrer Kräfte sind. Erst dann. Leider nicht früher. Davor schleppten sie sich mühsam durch den Tag. Sie über-leben. Leben ist anders. Leben ist mal leicht, mal schwer. Mal glücklich, mal traurig. Mal heiter, mal ernst. Enttäuschungen, Rückschläge und Trauer gehören dazu. Aber ebenso die unbeschwerten, fröhlichen Momente, in denen sich ein Mensch rundum wohl fühlt. Sie sind es, die abhanden kommen, wenn die Last im Rucksack nicht mehr zu tragen ist. Oder aber, wenn der Rucksack überquillt, weil alles nur chaotisch hineingeworfen wurde. Nicht selten leiden diese Menschen an chronischer Erschöpfung, sind gereizt und depressiv. Sie haben keine Hoffnung mehr, keine Kraft. Sie haben vergessen, wie man lacht und sich auf einen neuen Tag freuen kann.

Die gute Nachricht: So ein Rucksack kann aufgeräumt werden. Manche Gewichte dürfen am Wegesrand abgelegt werden, andere werden neu gepackt, so dass das Gewicht weniger drückt.

Ein junger Mann kommt in meine Praxis. Wir nennen ihn einfach Patrick (Name von der Redaktion geändert). Patrick ist verzweifelt. Er hat eine wahre Odyssee an Facharztbesuchen und Untersuchungen hinter sich. Sein Herz rebelliert. Es schlägt nicht im richtigen Rhythmus. Die Ärzte aber sagen, er sei gesund. Das kann er nicht glauben. Er kann kaum noch schlafen, hat Beklemmungen in der Brust, die ihm den Atem rauben. Todesangst überkommt ihn, wenn er nachts schweißgebadet im Bett liegt und sein Herz beobachtet. Er fühlt genau hin. Panik steigt auf. Nicht nur Angst. Es ist blanke Panik. Er hat das Gefühl, er dreht durch und stirbt. Vor dem Tod hat er Angst. Und inzwischen auch vor allem anderen: Vor Sport, den er früher als Freizeitausgleich betrieb. Vor der Arbeit, denn die Kunden könnten merken, dass es ihm nicht gut geht. Vor den Freunden, denn sie könnte wieder lästern und seine Beschwerden herunterspielen. Eigentlich möchte er gar nichts mehr. Am liebst liegenbleiben und hoffen, dass der Tag ohne Attacke vorübergehen wird.

Er kann sich nicht so recht damit abfinden, dass er „einen an der Waffel“ haben soll, wie er es ausdrückt. „Bin ich bekloppt? Muss ich in die Klapse?“ Nein, muss er nicht. Er ist auch nicht bekloppt! Sein Körper zeigt Symptome, für die es medizinisch keine Erklärung gibt. Also machen Patrick und ich uns zusammen auf die Suche. Wie verlief sein Leben? Gab es Ereignisse, die ihn schwer belasteten? Er verneint. Da sei nichts. Nichts Dramatisches. Wir suchen weiter.

Eher beiläufig erzählt er, dass sein Vater, zu dem er ein sehr inniges Verhältnis hatte, vor fünf Jahren plötzlich verstorben sei. „Ist halt so“, wehrt er ab und will zum nächsten Thema übergehen. Ich hake ein. Es stellt sich heraus, dass der Vater am Plötzlichen Herztod gestorben ist. Ohne Vorwarnung. Er fuhr morgens zur Arbeit, kippte dort um und war tot.

Elena Borchardt (Name geändert) kommt mit ihrem Rollator zu mir. Eine Frau Mitte 80, der Körper verschlissen von harter Arbeit, der Geist hellwach. Sie seufzt: „Ich wollte nie im Leben zurück schauen. Mir war der Blick nach vorne wichtiger.“ Sie spricht mit einem leichten Akzent. Ihr Anliegen ist schnell geklärt. Geboren in der Wolgarepublik, vertrieben nach Sibirien, geschuftet in sowjetischen Arbeitslagern, traumatische Erlebnisse während und nach dem Zweiten Weltkrieg, dann in Kasachstan eine Familie gegründet und Mitte der 90-er Jahre als sogenannte Russlanddeutsche hier hergekommen.„Wissen Sie, jetzt kommen die Bilder von früher hoch. Einfach so. Ich möchte das gar nicht.“ Diese Erinnerungen machen ihr das Leben schwer und sie überdecken die schönen Momente, die es auch gab. Sie hat keine Kraft mehr, den Schrecken, den sie erlebte, zu verdrängen. Gemeinsam überlegen wir, ob und wie wir ihre Vergangenheit bearbeiten können. Sie hat zunächst Zweifel: „Ob sich das noch lohnt in meinem Alter?“

„Sie müssen meiner Tochter helfen! Das ist nicht normal, wie sie reagiert!“ Die aufgeregte Mutter am Telefon erzählt, dass ihr Vater, also der Großvater ihrer Tochter, gestorben ist. Die Familie trauert. Ein schmerzhafter, aber normaler und auch gesunder Prozess. Eine normale Trauer bedarf keiner Psychotherapie. Manchmal gibt es Ausnahmen, aber in diesem Fall deutet zunächst nichts darauf hin. Der Großvater hatte das 93. Lebensjahr erreicht und verstarb friedlich nach kurzer, schwerer Krankheit.
Die 18-jährige Michaela (Name geändert) aber war zusammengebrochen, verlor jegliche Orientierung, zitterte, verweigerte das Essen und weinte stundenlang. Untröstlich. Voller Angst und tiefer Verzweiflung. Sie hatte sich schon vor Tagen in ihrem Zimmer verbarrikadiert, ging nicht mehr zur Schule. Auf jegliche Ansprache und Zuwendung reagierte sie verbal aggressiv, extrem gereizt und panisch. Niemand, auch der Hausarzt nicht, kann ihre Reaktion einordnen.

Das sind nur drei Beispiele von Menschen, die in meine Praxis kommen. Sie alle haben eines gemeinsam: Sie wollen ihre Vergangenheit bearbeiten, ihren unsichtbaren Rucksack aufräumen. Einige wenige wissen schon in der ersten Stunde, wo der sprichwörtliche Hase im Pfeffer liegt. Andere kommen „nur“ mit dem Gefühl, dass „etwas nicht stimmt“. Sie können nicht benennen, warum es ihnen schlecht geht.

Bei Patrick liegt die Ursache eigentlich direkt auf dem Tisch: Ich sehe einen jungen Mann, den der plötzliche Herztod des geliebten Vaters aus der Bahn geworfen hat. Patrick kann das nicht sehen. Denn würde er auf dieses Ereignis blicken, müsste er die für ihn extrem schmerzlichen Gefühle ertragen. Fünf Jahre ist es her, dass sein Vater starb. Er konnte die Trauer nicht zulassen. So verdrängte er die Gefühle tief in seinem Unterbewusstsein. Auch die Angst, dass das Leben nicht kontrollierbar ist. Dass geliebte Menschen ohne Vorwarnung sterben und nie wieder kommen. Das ist unerträglich für ihn.

Trauer ist ein gesunder und normaler Prozess und gehört zum Leben. Trauer tut sehr weh. Trauer ist keine Krankheit. Sie kann aber krank machen, wenn sie verdrängt wird. Das ist Patrick passiert.

Ich erkläre ihm diesen Mechanismus anhand eines Bildes:

Alle Gefühle, die ich nicht zulassen kann, kann ich verdrängen. Ich packe sie dann in ein „Einmachglas“ in meinem Inneren. So ein Einmachglas kann ich fest verschließen. So fest, dass ich selbst glaube, der Inhalt darin sei nie passiert. Solange der Deckel des Glases verschlossen bleibt, lebe ich weiter als sei nichts geschehen. Es kann aber sein, dass ich während meines Lebens plötzlich in eine ähnliche Situation gerate. So geschehen bei Patrick:

Seine große Liebe beendete von jetzt auf gleich die Beziehung und zog zu einem neuen Mann. Patricks Unterbewusstsein funkte: „Das ist ein Verlust eines geliebten Menschen. Hatten wir schon einmal, war schrecklich!“ Der Deckel des Einmachglases sprang ab und alle Gefühle darin waren so frisch wie am ersten Tag. An jenem Tag, als das Herz von Patricks Vater für immer stehen blieb.

Patrick versuchte erneut, die Gefühle zu verdrängen. Es funktionierte nicht. Sein Körper schlug Alarm. Sein Herz rebellierte. Zum einen, weil sein Vater einen Herztod starb, zum anderen gibt es ein sogenanntes „Broken-Heart-Syndrom“, was der Volksmund als „gebrochenes Herz“ bezeichnet. In diesem Fall könnte die große Liebe, die zerbrach, eine wichtige Rolle spielen.

Im ersten Schritt lernte Patrick, sich selbst zu verstehen. Danach näherten wir uns gemeinsam der bislang verdrängten Trauer. Ganz langsam, in dem Tempo, das Patrick mitgehen konnte, bearbeiteten wir den Tod des Vaters, holten die Trauer nach. Erinnerungen sortieren, Gefühle zulassen, dem Verstorbenen einen neuen, persönlichen Platz in Patricks Leben geben. Er soll seinen Vater weder vergessen, noch loslassen. Sondern schauen, was er von ihm wie einen Schatz in seinem Herzen weiterhin bewahren kann. Den Verstorbenen und den Verlust integrieren.

In gleicher Art und Weise bearbeiteten wir die Trennung von der Freundin. Unsere Seele unterscheidet nicht, ob ein Mensch gestorben ist oder sich anders aus unserem Leben verabschiedet. Verlust von Geliebtem schmerzt. Immer. Während der Therapie verschwanden Patricks Herzbeschwerden nach und nach. Auch die Panikattacken kamen nicht mehr. Heute treibt er wieder Sport, hat Freude am Leben.

Elena Borchardt kam zu dem Schluss, dass sie nicht zu alt ist für eine Therapie. „Egal wie viele Tage mir noch bleiben“, überlegte sie, „ich will sie schön haben.“

So machten wir uns an die Arbeit: Episodenweise brachten wir ihr Leben zu Papier. Ordneten, sortierten, wechselten die Perspektive. Manchmal haben wir auch „rumgesponnen“. So nannte sie das. Wir gaben dem unbekannten russischen Soldaten einen Namen und überlegten, welche Geschichte er hatte.

Was ließ ihn so grausam werden? Was hatte er alles erlebt, bevor sich sein Lebensweg mit ihrem kreuzte. So schlich sich langsam eine Ahnung bei Elena Borchardt ein, dass es eben doch möglich ist, das gesamte Leben aufzuarbeiten. Nach und nach entstand ein Ordner mit vielen kleinen Kapiteln. Sie stellte das Erlebte in einen großen Zusammenhang und sie konnte langsam ihren Frieden schließen. Trotz schwerer traumatischer Erlebnisse ließ sich ihre Geschichte mit Hilfe der Schreibtherapie gut bearbeiten. Sie wurde immer ruhiger. Wir stellten die Frage: Wo ist eigentlich Heimat? Allein das löste einen tiefen Prozess in ihr aus. Irgendwann sagte sie mit strahlenden Augen: „In der Wolgarepublik“. Die Erinnerungen daran trägt sie nun als einen großen Schatz im Herzen. Auch die schlimmen Bilder haben ihren Platz gefunden. Fein säuberlich bearbeitet und sortiert. Heute kann sie sagen: „Das ist alles passiert. Das war schrecklich. Aber ich habe es geschafft und auch diese Erlebnisse gehören zu meinem Leben.“ Seitdem drängen sich die Bilder nicht mehr auf. Sie hat ihren inneren Frieden gefunden. Quasi als „Nebenprodukt“ ist ein Ordner mit Schriftstücken entstanden. Ein ganzes, bewegtes Leben auf Papier. Darauf ist sie stolz und sie ist sich sicher: Irgendwer von meinen Enkeln oder Urenkeln wird es bestimmt gerne einmal lesen.

Ziemlich desorientiert kommt Michaela in meine Praxis. Ihr Zustand ist wirklich bedenklich und ich frage mich, ob ich ihr überhaupt helfen kann. Ihre Reaktion kann nicht ausschließlich mit dem Tod des betagten Großvaters erklärt werden. Wir forschen ein wenig in ihrer Lebensgeschichte und plötzlich ist alles klar: Sie wurde als Kleinkind adoptiert. Herausgerissen aus der Herkunftsfamilie, getrennt von der Mutter. In diesem Alter ist die Mutter für ein Kind der Garant fürs Überleben. Sie nährt es, gibt Schutz und Sicherheit. Wird einem Kind diese genommen, so erlebt es Todesangst. Michaela erinnert sich, dass ihr immer wieder erzählt wurde, dass der Opa vor der Haustür auf sie wartete, als sie in ihrem neuen Zuhause ankam. Der Opa nahm sie in ihre Arme, hieß sie willkommen. Sie habe gestrahlt und der Opa sei sehr stolz auf seine neue Enkelin gewesen.

Als der Opa starb, gab Michaelas Unterbewusstsein das Signal:

„Achtung, Lebensgefahr! Bezugsperson verschwunden!“

Als Michaela diese Verbindung bewusst wird, beginnt sie, sich selbst und ihre Reaktionen zu verstehen. „Da wäre ich nie drauf gekommen!“ Das ist der erste Schritt zur Heilung. Verstehen und annehmen, was war und ist. Danach Schritt für Schritt bearbeiten. Sie wusste stets, dass sie adoptiert wurde, aber bearbeitet hatte sie dieses einschneidende Erlebnis bislang nicht. Sie ist erstaunt, dass das möglich ist. Und noch erstaunter, wie leicht und unbeschwert sich das Leben anfühlen kann, wenn der unsichtbare Rucksack plötzlich sortiert und viel leichter ist.

Autor: Sandra Brökel
Thema: Belastende Lebensereignisse
Webseite: https://www.praxis-sandra-broekel.de

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