Als ich vor ein paar Tagen die Anfrage erhielt zum Thema Respektloses Verhalten am Arbeitsplatz einen Artikel zu schreiben, habe ich gleich zugesagt. Das Thema erscheint mir in der heutigen Zeit sehr wichtig zu sein, und es brannte mir unter den Nägeln, dazu etwas zu schreiben.

respektloses-verhalten-arbeit

Doch bei näherem Hinsehen merkte ich gleich, dass hier mehr als nur ein Thema schlummert. Respektloses Verhalten begegnet uns ja nicht nur am Arbeitsplatz, es breitet sich in unsere Gesellschaft schleichend immer weiter aus. Da ist es nicht einfach einen sinnvollen Startpunkt zu finden. Also habe ich mir gedacht: Frage doch erst mal den Duden was da so über Respekt steht: 1. Substantiv, maskulin - auf Anerkennung, Bewunderung beruhende Achtung, 2. vor jemandem aufgrund seiner höheren, übergeordneten Stellung empfundene Scheu, die sich in dem Bemühen äußert, kein Missfallen zu erregen 3. frei gelassener Rand einer Buch-, Briefseite, eines Kupferstichs o. Ä. – Ah, ja. Gut. Nr. 3 können wir hier außer Acht lassen.

Unter respektlos findet man nur: Adjektiv - den angebrachten Respekt vermissen lassend.

Nach diesem Ausflug dachte ich mir: Auf Anerkennung und Bewunderung beruhende Anerkennung klingt doch super! Wer möchte das nicht?

Neid und Missgunst Vs. Respekt

Nun, allen, denen wir auf unseren täglichen Wegen begegnen, können wir doch nicht diese Art von Respekt entgegenbringen? Oder doch? Wie ist das beim Bäcker, der uns verschlafen und missmutig die Brötchen einpackt und die Zähne nicht auseinanderbringt, oder der Pförtner, der sich mal wieder so langsam und ungeschickt in seiner Loge bewegt und einfach nicht aus dem Quark kommt? Was ist mit der Kollegin aus der anderen Abteilung, die schon wieder so hochnäsig daher stolziert kommt, dass die Milch im Kaffee sauer wird wie man selbst? Der Kollege, der mir den lukrativen Posten vor der Nase weggeschnappt hat und den ich jetzt zähneknirschend als Vorgesetzten grüßen muss? Respekt? Hier? Ich sage: Ja. Wir müssen uns immer wieder klar machen, dass Neid und Missgunst das genaue Gegenteil zu Respekt sind. Respekt zu haben ist eine persönliche Haltung, keine Emotion. Haltung aber muss man sich erarbeiten, Neid nicht, den kriegt man von ganz allein. Das heißt also nichts anderes, als dass man Respekt anderen gegenüber nicht einfach so hat, man muss diese Haltung für sich als eine Charaktereigenschaft erarbeiten.

Das lustige daran ist, dass es nur möglich ist, anderen mit Respekt zu begegnen, wenn man sich selbst respektiert. Oh, hoppla. Wieso sich selbst respektieren? Das ist doch irgendwie paradox! Im Duden steht doch: 1. - auf Anerkennung, Bewunderung beruhende Achtung. Das sollen Mir doch die Anderen entgegenbringen, oder? Ja, ja. Wenn das so einfach wäre, könnt es ja jeder . . .

Respektlosigkeit anderen gegenüber wird oft durch Neid oder Überheblichkeit vorgebracht. Ich bin respektlos der Putzfrau gegenüber, weil ich mich für besser halte. Ich bin respektlos den Kollegen gegenüber, weil ich neidisch auf das Aussehen, die Figur oder sonst was bin. OK, das sind offene Feindseligkeiten, die mich mein Ego vortragen lässt, damit ich mich besser fühle. Mehr aber auch nicht. Das hat nichts mit den Kollegen zu tun - nur was mit mir!

Einsicht ist der erste Schritt

Wer jetzt auf die Idee kommt: Eh, dann müsste ich ja was an mir ändern! – Der liegt total richtig! Bravo. Einsicht ist der erste Schritt. Aber um da loslegen zu können, müsste man es schaffen, sich selbst zu respektieren. Ja, genau. Sich selbst?!

Was denn jetzt? Selbstfindung? Kennen wir doch aus diversen Seminaren und spirituellen Ratgebern. Und was hat das gebracht außer einem leeren Portemonnaie? Nein, danke. Selbstsicherheit, Selbsterkenntnis, Selbstschutz – Ego – Ego – Ego. Wie wäre es mal mit einem intellektuelleren Ansatz? Ja, ja ich weiß. Nicht jedermanns Sache so einfach zwischendurch die Hirnwindungen voll anzuwerfen, aber vielleicht. . . Wie wäre es mal mit unserem (dem der Bundendesrepublik Deutschland) Grundgesetz? Ist ja gerade 70 Jahre alt geworden. Das beginnt gleich im ersten Satz mit einem Aufruf zum Respekt.

Selbstversuch

Starten wir doch gleich mal einen Selbstversuch: Stellen wir uns vor wir sind im Kongo. Aber bitte ohne Geld, Freunde und Verwandte, allein und nicht nach Kinshasa, sondern irgendwo auf dem Land. Wer sind wir dort? Ein verängstigter, weißer Menschen ohne soziale Anbindungen. Den Kopf voller Fragen. Und wenn es auf die Straße geht, wird es noch fremder. Lauter farbige Menschen, die mich fragend und ablehnend ansehen. So empfinde ich es jedenfalls, denn ich fühle mich allein. Einsam. Verlassen. Nackt. Hilflos. Ich spüre, wie Menschen hinter meinem Rücken tuscheln. Wahrscheinlich über mich! Ich bin anders. Verstehe die Sprache nicht. Ich werde immer unruhiger. Und dann kommt da jemand mit breitem Lächeln auf mich zu. Eine Falle? Nein. Er/Sie spricht mich in einer mir verständlichen Sprache an, lächelt immer noch und führt mich zu einem Tisch auf einer Caféterrasse. Wir setzen uns. Ich bin total irritiert.  Was will er/sie von mir? Aber irgendwie bin ich auch erleichtert. Ich bin plötzlich nicht mehr allein. Er/Sie bestellt für uns Kaffee und fragt mich: “Was kann ich für Dich tun?“  Wie, was? Keine Drohung, keine Anfeindung? Ich bin vollends irritiert. Mein Gegenüber aber lächelt und wartet auf meine Antwort – Geduldig.

Beenden wir hier unsere Reise. Diesen sehr Intensiven Ausflug in Fantasie und Ängste.

Respekt. Der wurde mir entgegengebracht. Obwohl mich mein gegenüber nicht kannte. Toll. Er/Sie hat unsere deutsche Verfassung umgesetzt. §1.2 . Und er/sie ist nicht mal Deutsche/r. Glaube ich.

Ich denke mir: Was wäre das Leben einfacher, wenn sich alle mit mehr Respekt begegnen würden. Ich meine, sich selbst gegenüber. Mit allen Stärken und Schwächen. So, wie wir eben sind. Niemand ist perfekt! Aber man kann daran arbeiten! Wenn ich das schaffe, kann ich vielleicht auch meinen Mitmenschen (mehr) Respekt entgegenbringen. Ich fürchte sie dann nicht mehr so sehr. Ich verurteile meine Schwächen nicht mehr in ihnen.

Nicht jeder Student hat eine Putzkraft

Ich kann dann der Putzfrau, die mein Büro reinigt, während ich noch in den Federn liege, den Respekt entgegenbringen, den Sie verdient. Sie tut etwas, für das ich mich zu gut fühle. Ich habe schließlich studiert und bin somit zu qualifiziert fürs putzen. Wirklich? Wenn ich an meine Studentenbude denke, und die war mit 18qm sicher kein Palast, und wie ich mich zum Putzen gezwungen habe. Elende Arbeit, alle Ecken, alle Regale mit den Büchern, Betten machen, und erst das Bad nach einem „Lernabend“! Ich war echt fertig, wenn ich fertig war. Putzen. Doch nicht so unqualifiziert!

Die Reinigungskraft hat sich meinen Respekt mehr als verdient. Ich werde Sie/Ihn von jetzt an immer ehrlich freundlich grüßen und keine Kaugummis mehr unter den Tisch kleben.

Fazit

Wir sehen also an diesem kleinen Beispiel, wie schnell es zu Respektlosen Verhalten am Arbeitsplatz kommt. Wir machen das nicht immer vorsätzlich, nein. Wir sind dabei oft gedankenlos, wenig empathisch oder mitfühlend, sondern nur mit uns und unserem Erscheinungsbild in der Gruppe beschäftigt. Ja, wir selbst versuchen den Respekt der Anderen zu erhaschen. Aber je mehr wir aufschneide, und dadurch andere erniedrigen oder verletzen, desto respektloser werden wir. Jemanden aus der sicheren Deckung der Gruppe heraus anzugreifen, lächerlich und hässlich zu machen ist respektloses Verhalten und heißt heute Mobbing. Zivilcourage zu zeigen und Menschen beizustehen, wenn sie Hilfe benötigen, sorgt dafür, dass man mich respektiert als ein Mensch, der nicht nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist. Wenn ich auch sonst ein integrerer Charakter bin, werde ich dafür respektiert. Mein Handeln kann für andere Vorbild sein. Solch ein Respekt ist echt und stärker als ein durch Einschüchterung und Gewalt erzeugter, der nur auf Angst begründet ist. Respektvoll mit anderen Menschen umzugehen ist nicht nur eine Lebenshaltung, sondern der einzige Weg zu friedlicher Koexistenz sowohl am Arbeitsplatz als auch in der Gesellschaft.

Autor: Christian Lutherer
Thema: Respektloses Verhalten am Arbeitsplatz
Webseite: http://www.ipb-lutherer.de

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