Ratgeber Lifestyle

Kennen Sie das Gefühl, Essanfällen und Heißhungerattacken immer wieder hilflos gegenüber zu stehen? Ausgeliefert zu sein in einem kräfteraubenden Teufelskreis?

emotionales-essen

Die meisten Menschen verbinden mit emotionalem Essen etwas Schönes und Genussvolles. Doch es gibt nicht Wenige, die sehr unter diesem Essverhalten leiden. Entscheidend ist, ob das Essen als Genuss oder eine Notwendigkeit empfunden wird. Letzteres geht nicht selten mit hohem Leidensdruck und tiefem Schamgefühl für die Betroffenen einher. Sozialer Rückzug und heimliches Essen gehören dazu.

Emotionales Essen beginnt häufig am späten Nachmittag und / oder begleitet uns durch den Abend. Wir haben einen Essanfall (oder mehrere) … aus ganz unterschiedlichen Gründen. Vielleicht sind wir über etwas frustriert oder enttäuscht, möchten uns für etwas belohnen, Einsamkeit oder Langeweile nicht wahrnehmen, einen seelischen Schmerz nicht fühlen. Die Gründe sind vielfältig und manchmal ganz unbewusst.

Betroffene definieren einen Essanfall ganz unterschiedlich. Bei dem einen sind es vielleicht nur ein paar Kekse, etwas Eis oder die berühmte Tafel Schokolade. Angebrochene Packungen, die „weg“ müssen. Es können aber auch riesige Mengen sein oder das Naschen zwischendurch beim Kochen. Alle Nahrungsmittel können zu einem Essanfall führen; es muss nicht unbedingt etwas Süßes sein.

Im Augenblick eines Essanfalls verlieren wir uns, das leise  „genug“ des Körpers nehmen wir nicht mehr wahr.

Emotionales Essen umfasst mehr als die klassischen Essstörungen Magersucht, Bulimie und Binge Eating. Es trifft auch auf Menschen zu, die schon vorbeugend essen, ohne Hunger abzuwarten oder solche, die nur über reglementierende Maßnahmen wie beispielsweise Diäten oder viel Sport ihr Gewicht halten.

Emotionales Essen heißt, wir essen mehr, als unser Körper braucht. Entweder beginnen wir eine Mahlzeit mit körperlichem Hunger und können nicht stoppen wenn unser Körper ein “danke, es reicht” signalisiert oder aber wir essen sofort ohne Hunger. Wenn wir über längere Zeit das körperliche Signal für „hungrig“ und „satt“ ignorieren, können wir es irgendwann nicht mehr wahrnehmen. Auch fällt es den meisten Betroffenen sehr schwer, zwischen körperlichem und emotionalem Hunger zu unterscheiden.

Ursachen für emotionales Essen

Die Ursachen fürs emotionale Essen sind meist in viel tieferliegenden Gründen zu suchen, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Denn Essen ist nur das Symptom oder die Folge, aber nie die Ursache. Die meisten emotionalen Esser haben schon mal eine Diät oder eine Ernährungsumstellung auf gesundes Essen gemacht.  Aber Diäten, Ernährungspläne und Sportprogramme können bei der Problematik des emotionalen Essens dauerhaft nicht helfen. Vielmehr geht es darum, wieder Verantwortung für sich selbst zu übernehmen und diese nicht an einen Plan oder eine Diät abzugeben. Denn inzwischen wissen wir doch, dass kalorienbewusstes Essen gesünder ist …. aber wäre es das, was uns schlank macht  - dann wären es doch alle.

Und es geht auch nicht einfach nur um eine Gewohnheit bzw. eine schlechte Angewohnheit; denn wenn wir eine Angewohnheit durch eine andere ersetzen möchten, müssen wir diese nur eine Zeitlang üben und es kommt kein Jieper auf Süßes oder ähnliches auf. Unterm Strich hilft nur, die  tieferliegenden Gründe bzw. Kopplungen zwischen Essen und Emotionen aufzulösen.

Wichtig ist zu verstehen, dass das emotionale Essen für die Betroffenen neben dem Leidensdruck auch eine Qualität hat. Es dient als Ersatzbefriedigung für etwas, dass sehr viel tiefer liegt. Zum Beispiel schmerzvolle Empfindungen, die wir nicht wahrnehmen möchten oder aber angenehme Gefühle, die wir im Alltag nicht leben. Dann versuchen wir häufig unbewusst, über das Essen einen seelischen Hunger zu befriedigen oder unangenehme Gefühle wie Stress, Einsamkeit, Verzweiflung, Verärgerung, Traurigkeit, Angst abzudämpfen. Das kennt vermutlich jeder und es ist auch nicht schlimm, wenn es ab und zu vorkommt. Betroffene aber sehen oftmals keine Alternative als zum Essen zu greifen. Gerade in dem Moment ist es so wichtig zu schauen, was unser eigentliches Bedürfnis ist. Denn wenn wir keinen körperlichen Hunger spüren, ist Essen nicht zuständig.

Hilfe bei emotionalem Essen

Es mangelt nicht an gutgemeinten Ratschlägen in unserem Umfeld von Menschen, die den Automatismus des emotionalen Essens nie selbst erlebt haben; aus dem Teufelskreis von Essen - Scham - Essen - guten Vorsätzen - Essen …. nicht rauskamen. Doch die wenigsten Nicht-Betroffenen können den enormen Leidensdruck, der mit dem emotionalen Essen verbunden sein kann, tatsächlich nachvollziehen. Wie auch? Allein schon der Gedanke, ohne körperlichen Hunger zu essen, ist für Nicht-Betroffene oft unvorstellbar.

Ablenkung oder gute gemeinte Ratschläge wie das berühmte „ein Glas Wasser vorm Essen zu trinken“ funktionieren für einen emotionalen Esser nicht. Und wenn, dann nur kurz. Grund dafür ist, dass diese oft gut gemeinten Ratschläge nicht die tieferliegenden Kopplungen, also die eigentlichen Gründe fürs emotionale Essen adressieren. Gier, also dieser starke Essdruck, verschwindet nicht einfach, nur weil man ihn nicht beachtet. Im Gegenteil, er wird auf Dauer immer stärker.

Manchmal versuchen wir, das emotionale Essverhalten zu kontrollieren, in dem wir Zucker weglassen und auf Süßigkeiten zu verzichten. Das jedoch setzt viel Disziplin voraus und geht mit neuem Druck einher. Nicht selten stellen wir irgendwann fest, dass es entweder gar nicht funktioniert oder es bald eine Verlagerung auf andere Nahrungsmittel gibt. Auch wer sich sehr gesund ernähre, kann einen Essanfall mit Obst und Gemüse haben. Wichtig ist vielmehr sich das tieferliegende Bedürfnis darunter anzuschauen. Welche Qualität ist es denn, die der Einzelne vielleicht mit Zucker verbindet? Woran erinnert ihn / sie das? Ihn einfach nur wegzulassen, würde die tiefer liegenden Gründe nicht auflösen.

Manchmal liegen diese emotionalen Essensmuster in unseren Kindheitserfahrungen begründet (zum Beispiel Belohnung, Trost oder Langeweile). Essen war schon immer verfügbar und diente als Ersatz wenn vielleicht Verständnis, Geborgenheit, Wärme und auch Liebe fehlten. Auch sind in dieser Zeit verschiedene Glaubenssätze entstanden, welche unbewusst noch im Erwachsenenalter wirken. Und wer seit dem Kindesalter an diese „Muster“ gewöhnt ist, wird sich schwer tun, diese als Erwachsene abzulegen. Kleine Kinder schieben ihren Teller einfach beiseite, wenn sie keinen Hunger mehr haben und noch nicht „gelernt“ haben, ihre Emotionen mit Essen abzudämpfen.

Was Viele nicht ahnen und gerade sehr übergewichtige Betroffene oft nicht verstehen können, ist die Tatsache, dass auch „normalgewichtige“ oder „schlanke“ Menschen sehr unter ihrer emotionalen Essproblematik leiden können. Der Leidensdruck ist oft der Gleiche  - unabhängig von der Anzahl der Kilos auf der Waage.

Essen als Sucht

Bei starken emotionalem Essverhalten kann man durchaus von einer Sucht sprechen. Wie bei jedem Suchtmittel liegt auch dem emotionalen Essen eine Suchtstruktur zugrunde, deren Auflösung Zeit braucht. Anders als bei anderen Süchten kann man jedoch nicht einfach sagen „ich esse nicht mehr“ und das Essen weglassen. Und genau das macht die Auflösung der Sucht so schwierig, denn wir müssen essen und sind damit immer wieder mit dem Suchtmittel an sich, dem Essen, konfrontiert. Es kommt nicht selten vor, dass Betroffene den Eindruck haben, dass das emotionale Essen gerade ein wenig besser wird, nur um festzustellen, dass sie stattdessen verstärkt zu anderen Suchtmitteln wie Alkohol oder Nikotin greifen. Oder sie geben viel mehr Geld als bisher für Einkäufe aus. In diesen Fällen spricht man von einer Suchtverlagerung. Dann gibt es zwar eine Veränderung am Symptom, aber die Kopplung darunter ist noch da.

Als Chance begreifen

Die Erkenntnis allein, in bestimmten Situationen emotional zu essen, reicht häufig nicht aus, sondern kann nur ein erster Schritt sein. Doch das emotionale Essverhalten bietet auch eine Chance! Denn es birgt die Möglichkeit, uns selbst ein Stück besser kennenzulernen. Gerade weil wir das Essen eben nicht einfach weglassen können, sind wir immer wieder damit konfrontiert. Wichtig ist, den emotionalen Hunger als ein Hinweisschild zu nehmen, welches uns aufmerksam macht, dass gerade etwas nicht in Ordnung ist. Beim Essen kommt alles auf, was angeschaut werden möchte - und worum es geht.

Aber genau dafür ist es wichtig, sich beim Essen nicht ablenken, sondern zu versuchen, das Essen so gut wie möglich zu genießen … im Sitzen und ohne Ablenkung. Wenn wir nebenbei Fernsehen schauen, unsere eMails lesen oder den Arbeitstag diskutieren, können wir das nicht nur nicht wahrnehmen, sondern essen vermutlich auch zu schnell und zu viel. Und das nimmt uns die Chance zu erkennen, was wir gerade „wegmachen“ bzw. „nicht haben“ wollen. Es geht darum, dem leidvollen Jieper, also dem Essdruck zu vertrauen und darüber an die tieferliegenden Ursachen zu kommen. Alte Verhaltensmuster in Frage zu stellen und eingefahrene Strukturen aufzubrechen.

Autor: Katrin Mehner
Thema: Emotionales Essen verstehen und überwinden
Webseite: https://essdruck.de

Autorenprofil Katrin Mehner:

Die Autorin, Katrin Mehner, war selbst viele Jahre im Teufelskreis des emotionalen Essens gefangen und kennt die Höhen und Tiefen aus eigener leidvoller Erfahrung. Als Heilpraktikerin für Psychotherapie unterstützt sie seit nunmehr 6 Jahren ihre Klienten dabei, die individuellen tiefen biografischen Kopplungen, die eng mit dem emotionalen Essen verbunden sind, für sich zu erkennen und aufzulösen.

Darüber hinaus bringt sie als Dozentin und Gastsprecherin Interessierten die Thematik des emotionalen Essens näher.

 

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