„Lass das Kind schreien, es beruhigt sich schon wieder“

Entwicklungstrauma, Folgen und Lösungsansätze der biodynamischen Körperpsychotherapie.

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In einem Krankenhaus in den 70er Jahren: Hektik im Kreißsaal. Die werdende Mutter, verschwitzt und völlig fertig, schreit sich seit 25 Stunden die Seele und ihr Kind aus dem Leib.

Nichts geht mehr. Doch es muss. Raus.

5 Stunden später erblickt sie das Licht der Welt. Besser ausgedrückt: Das Licht des grell erleuchteten Kreißsaales. Ein kleines zartes, verletzliches, lebendiges Wunder. Eher unzart wird sie von zwei Händen gepackt, gereinigt, zack Nabelschnur ab, in der Luft hängend mit den Füßen nach oben fürs Protokoll vermessen, gewogen und angezogen. Schnell Mama gezeigt, vielleicht auch kurz auf den Bauch gelegt  zum Hallo sagen und dann ab ins Kinderzimmer, zu all den anderen schreienden Säuglingen ins eigene Bettchen. Mama muss sich nach der Tortur ausruhen. Es sind ja die Krankenschwestern da und sehen ab und an nach dem kleinen Wunder, dass es ihr auch an nichts fehlt.

Aber es fehlt etwas ganz wesentliches in dieser ersten wichtigen symbiotischen Entwicklungsphase: Der Körperkontakt und die Bindung zur Mutter.

Eine lange traumatische Geburt oder ein Kaiserschnitt, grobe Behandlung, eine fehlende Bindung durch unterbrochenen Kontakt zur Mutter kann zu einem Entwicklungstrauma führen. Diese Entwicklungstraumata, die vor, während oder direkt  nach der Geburt bis zum ca. 4. Lebensmonat stattfinden, sind die tiefsten. Sie beginnen bereits im Mutterleib, wenn die Mutter z.B. Abtreibungswünsche oder enorme Ängste hat.

Ein frischgeborener Säugling braucht Zuwendung, Schutz, Körperkontakt und emotionale Wärme.

Bekommt er das nicht, unzureichend oder sehr wechselhaft oder erlebt diese Welt als kalten, grellen, lauten und grauenvollen Ort, zieht er sich und all seine Energie nach innen zurück. Er kann (noch) nicht differenzieren, dass sein Kinderzimmerbettchen sicher ist.

Die Trennung von der Mutter in den ersten Monaten verursacht in ihm ein Gefühl von existenzieller Angst.

„Mama ist nicht da. Ich bin verloren. Ich werde vernichtet. Ich sterbe.“ Diese Existenzangst führt dazu, dass ein großer Teil des zarten, verletzlichen und lebendigen Selbst ganz tief drinnen versteckt wird. Einige meiner Klienten sprechen in der körperpsychotherapeutischen inneren Kind Arbeit z.B. von einer kalten Eisenkugel in ihrer Brust.

Und da drinnen ganz geschützt sitzt dieser Säugling und braucht viel Zeit, Liebe, Wärme und Vertrauen, um die Tür nach außen wieder zu öffnen.

Und manchmal gibt es nur den Hauch einer Ahnung oder es wird gar nicht gespürt, dass da ein wichtiger Teil so tief abgespalten ist. Menschen, die ein ganz frühes Entwicklungstrauma erlebt haben, können sich sehr schwer tun, Kontakt zu ihren Gefühlen aufzunehmen, sondern sich oftmals ab oder leben sehr isoliert und können auch autistische Tendenzen haben. Das Grauen im Hintergrund verursacht eine ständige „Hab acht Stellung“. Der Körper ist durch diesen Stress in Hochspannung. Starkes Misstrauen, das Gefühl „auf dem falschen Planeten zu leben“ und Flucht in abstrakte, geistige Welten weisen ebenso auf ein früherlebtes Trauma hin.

Ein hungriges Kind schreit in seinem Bettchen. Es wird einmal ignoriert und noch einmal und noch einmal. Bekommt es dann endlich Mamas Brust (oder Kontakt und Aufmerksamkeit), nimmt es sich, was es kriegen kann und noch mehr, weil es ja nicht sicher sein kann, dass es wieder etwas bekommt. Wird es dann noch ein paar Mal mehr schreien gelassen, wird es irgendwann ruhig.  Aber nicht, weil es sich beruhigt hat, sondern weil es resigniert. Da ist keine Kraft mehr und die Depression ist geboren.

Sich selbst beruhigen können Säuglinge nicht von alleine. Sie lernen „Selbstregulation“  durch eine zuverlässige, ruhige und liebevolle Mutter oder Bezugsperson.

Oder es wird wütend und schreit nochmal mehr und trotzdem kommt niemand. Es hört auf zu schreien und es beschließt, um dieses schmerzende Gefühl des Hungers, der inneren Leere und des Allein gelassen seins nicht mehr zu fühlen, dass es niemals mehr weinen wird, es alleine schafft und für sich selbst sorgt. Was völlig abstrus klingt. Es ist ja ein Säugling, aber das Kind nimmt diese Haltung ein, die dann später auch in der Körperstruktur zu sehen ist. Wie übrigens alle Entwicklungstraumata mehr oder weniger in der Körperstruktur zu sehen sind.

In der zweiten Phase der Entwicklung bis zum ca. 2. Lebensjahr geht es um Nahrung, um genährt sein, um umsorgt sein. Emotional und körperlich. Fehlt es in dieser Phase an Konstanz, wird das Kind schreien gelassen, oder wird es nach „Plan“ gefüttert, entstehen aus diesem Entwicklungstrauma z.B. alle Arten von Abhängigkeiten (Sex, Alkohol, Essen, Drogen, Liebe, Kaufsucht, Anerkennung). 

Man kann nicht genug bekommen, weil da war ja damals nicht genug oder nichts Verlässliches.

Klammerverhalten, Depressionen, Ängste und Panik, verlassen zu werden, sind auch sehr typisch für diese defizitären Erlebnisse.

Oder das Kind entwickelt durch dieses Entwicklungstrauma das Gegenteil: Ich brauche niemanden, ich kann alles alleine, ich bin total unabhängig. Diese Menschen tun sich sehr schwer, um Hilfe zu bitten, wenn sie es überhaupt können. Denn ein Nein zu erhalten würde den alten Schmerz triggern und das vermeiden sie. Für sie selbst läuft das alles sehr unbewusst ab, weil es in dieser frühen Zeit noch keine Worte gab. Es gibt oftmals nur diffuse Gefühle dazu. Viele gehen auch in Position des Helfers, können schlecht nein sagen, spüren ihre Grenzen kaum und überfordern sich daher sehr oft.

Depressionen und Burn Out sind seit Jahren an erster Stelle in der Diagnostik. Kein Wunder!

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In der dritten Entwicklungsphase, die bis ca. zum 4. Lebensjahr geht, geht es um die Entwicklung der Unabhängigkeit und dem Gefühl, Rückendeckung zu haben. Neugierig beginnt ein Kind, die Welt zu entdecken, Mama beim Backen zu helfen, Burgen zu bauen. Es rennt mutig los und bei einem kurzen Anflug von Unsicherheit möchte es beim Umdrehen in liebevoll aufmunternde Augen blicken.

Hat das Kind nicht das sichere Gefühl von Rückhalt und der Ermunterung, die Welt erobern zu dürfen und werden die voller Stolz gebauten Burgen immer wieder ignoriert oder sogar lächerlich gemacht, entstehen die nächsten Entwicklungstraumata.

Wird es noch dazu für die Befriedigung der Bedürfnisse der Mutter benutzt, manipuliert oder verführt, entwickelt es einen so starken Panzer um sein Herz, dass es niemals mehr jemandem zeigen wird, wie sehr es verletzt ist.

Es versucht später z.B. selbst die Macht zu behalten, entweder durch Machtmissbrauch, Verleugnung von Gefühlen, Dominanz oder durch Verführung, Manipulation und Raffinesse.

Parallel findet hier eine zweite Phase statt, in der Zeit, in der das Kind laufen und sich selbst zu behaupten lernt. Es rennt los, um die Welt zu entdecken und Mama springt sofort hinterher und hält es zurück, weil sie in ihrer Überfürsorglichkeit Angst hat, es könnte etwas passieren.

Oder alles, was das Kind „produziert“ wird benörgelt oder es wird herum geschubst. Trotzige Gefühle und Widerstände werden im Keim erstickt. Die Mutter ist ehrgeizig und will, dass das Kind erfolgreich ist und macht Liebe von Gehorsam abhängig und setzt Schuldgefühle ein. „Siehst du, wie du mich traurig machst!“ Folgen hiervon drücken sich im späteren Leben oft damit aus, dass diese Menschen sich schwer tun.  Schwer tun: Sich zu behaupten, in die Gänge zu kommen, Spaß zu haben. Oftmals sind sie hartnäckig, jammern viel und unterwerfen sich.

In der letzten Entwicklungsphase, wenn das Kind sich sexueller Unterschiede bewusst wird, geht die Aufmerksamkeit weg von der Mutter hin zum Vater. Hier gibt es Entwicklungstraumata, die typisch für Männer und typisch bei Frauen sind.

Kinder in dieser Phase wollen ihre Liebe, ihre Libido (nicht Sexualität!) ausdrücken.

Wird ein Junge hierbei vom Vater zurückgewiesen, bekommt es das Gefühl, nicht gut genug zu sein oder muss viel zu früh Verantwortung übernehmen, macht er sein Herz zu. Liebe wird von Leistung abhängig gemacht. Folgen sind z.B. Perfektionismus, Streben nach Anerkennung, Rationalität, Unfähigkeit passiv zu sein. Sie tun sich sehr schwer, ihr Herz zu öffnen.

Ein Mädchen in dieser Entwicklungsphase möchte seine Gefühle zeigen. „Wenn ich mal groß bin, dann heirate ich Papa“. Werden diese Gefühle nicht beachtet und ernst genommen, erhöht sie die Lautstärke, um gehört zu werden. Der Vater kann auch Angst vor seinen eigenen sexuellen Gefühlen gegenüber dem Mädchen bekommen und das Kind wegstoßen. Hier entstehen dann Kernüberzeugungen wie: „Niemand versteht mich“ oder „Ich bekomme nicht genug Aufmerksamkeit“. Gefühlswechselbäder und Dramatisierungen sind typische Verhaltensweisen im erwachsenen Alter. Sie wurde ja nicht gesehen und musste sich irgendwie sichtbar machen!

Das Wichtigste: Jedes einzelne Entwicklungstrauma hat nicht nur unangenehme Folgen, sondern birgt immer auch große Schätze und Qualitäten!

Menschen mit Geburtstraumata haben oft eine große Fantasie, eine äußerst feine Wahrnehmung (für Gefühle, Schwingungen, Unausgesprochenes oder Unterdrücktes), können sich gut einfühlen und sind hervorragende Denker. Diejenigen, die schlecht oder nicht genährt wurden, sind Spezialisten im Finden und Ausnutzen aller Energiequellen. Sie sind sehr einfallsreich und kreativ. Diejenigen, die unterdrückt und abhängig gehalten wurden, sind  kreativ, abenteuerlustig, unterhaltsam und tun gerne etwas für andere. Menschen, die unter Druck gesetzt wurden und von denen Gehorsam verlangt wurde, sind ungemein loyal und ausdauernd. Sie riechen es sofort, wenn sie beeinflusst werden und lassen das nicht mehr zu. Männer und Frauen der letzten Entwicklungsphase sind sehr lebendig, haben künstlerische Fähigkeiten, sind die geborenen Schauspieler, sind sehr produktiv, loyal und ausdauernd.

Zusammenfassend kann man sagen, dass Entwicklungstraumata im Gegensatz zu Schocktraumata über einen längeren Zeitraum bis zu einem Alter von ca. 6 Jahren entstehen.

Es gibt kaum Menschen, die nicht davon betroffen sind. Manche Experten sprechen sogar von einer Epidemie. Wenige Menschen haben nur  in einer einzigen Entwicklungsphase Traumata davon getragen. Meistens sind 1-2 dominantere typische Charakterstrukturen deutlicher sichtbar (Charakterstruktur: Wilhelm Reich, Alexander Lowen).

Was gibt es nun für Lösungsansätze in der biodynamischen Körperpsychotherapie für ein Entwicklungstrauma?

Die biodynamische Körperpsychotherapie ist eine ressourcenorientierte tiefenpsychologische Therapie, die - vereinfacht ausgedrückt - Defizite nachnährt, die in den Entwicklungsphasen entstanden sind. Eine fehlende frühkindliche Bindung, Genährt werden - emotional, spirituell, körperlich -,  Gesehen werden in allem, was einen Menschen ausmacht, wird dem Klienten gegeben.

Das geschieht z.B. in der „Birthrelease - der Geburtsarbeit“. In dieser Gruppenarbeit, in der sich die Teilnehmer gut kennen und vertrauen, wird eine positive Geburt und das liebevolle Ankommen in dieser Welt erlebt. Sowohl auf geistiger Ebene über eine Bilderreise (Aus der Zeit vor der Empfängnis, die Empfängnis selbst bis zum Einnisten der Eizelle im Uterus), wie auch auf ganz körperlicher Ebene, mit einer echten Mama und einem echten Papa (Teilnehmer), der Enge des Mutterleibes und der Geburt an sich (durch die Knie der Therapeutin oder Assistentin hinaus in die Welt).

Aus meiner eigenen Erfahrung entsteht daraus  wieder Urvertrauen und es lösen sich z.B. uralte Verpanzerungen existenzieller Ängste und Unsicherheiten.

In anderen „Übungen“ wird endlich der Mut gefasst, Nein zu sagen und voller Freude Kissen und Decken durch die Gegend geworfen und so richtig Unordnung gemacht. Und danach wird NICHT aufgeräumt! Was für eine Genugtuung!

In der biodynamischen Körperpsychotherapie gehen wir davon aus, dass diese ganz frühen Traumata, die ja meist in einer Zeit ohne Worte entstanden sind, nur über den Körper zu lösen sind. Und der Körper kennt und zeigt den Weg.

Verbunden mit der Fähigkeit, dass sich eine Klientin jetzt auch sprachlich ausdrücken kann, also die Gefühle, die damals da waren, jetzt in Worte fassen kann, dürfen dieses alten Traumata gehen.

Es braucht viel Zeit, Liebe, Vertrauen, Mut, Ausdauer und Geduld, um ein Entwicklungstrauma zu lösen. Und es lohnt sich, dran zu bleiben!

bergsteiger gipfel himmel

Ich begleite Menschen durch alle Entwicklungsphasen ihres Lebens nachnährend aus dem Trauma mitten hinein in ihr liebendes Herz und ihr prickelndes, kraftvolles und lebendiges Leben. Ich unterstütze sie dabei, ihren Körper wieder ganz zum Leben zu erwecken und sich selbst und dem Leben wieder voll zu vertrauen.

Es ist jedes Mal eine riesige Freude, meine Klienten dabei zu sehen, wie sie sich befreien. Befreit ausdrücken, was sie „ankotzt“, wütend oder traurig macht, was sie juchzen lässt oder wenn sie voller Stolz präsentieren, was sie für eine neuen Schatz entdeckt haben in ihrem tiefsten Inneren.

Das Leben nochmal neu beginnen. Ja, darin begleite ich Menschen von Herzen gern! Denn in jedem Menschen steckt ein unverletzter, leuchtender und liebender Kern.

In dir steckt ein Meisterwerk. Trau dich, wie eines zu leben!

Dare to live. Dare to shine. Dare to be you.

Alles Liebe Elke

Autor: Elke Hannig
Thema: Entwicklungstrauma
Webseite: http://www.elkehannig.de

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