Wechselwirkungen von Körper und Psyche in der Paarbeziehung

Partnerschaften beginnen oftmals mit Schmetterlingen im Bauch, die ersten verliebten Schritte werden auf einem Weg gemeinsam gegangen.

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Die Welt erscheint wunderschön. Alles ist einfach. Oftmals erwächst Liebe daraus und die Partnerschaft stabilisiert sich mit weiteren Schritten. Wird der Weg weiter beschritten, so können größere und kleinere Hindernisse im Wege stehen und es zeigt sich, ob und wie Paare diese umgehen, aus dem Weg räumen oder anders meistern können. Lösungen können auf kognitiver[1] Ebene kreiert und deren Resonanz auf den Körper beobachtet werden (top-down) oder durch Fokussierungen auf körperliche Handlungen, die wiederum Auswirkungen auf geistige Prozesse haben (bottom-up). Fest steht durch die moderne Forschung, dass sich diese gegenseitig beeinflussen und somit eine Änderung auf einer der beiden Ebenen Einfluss auf die andere hat. Die Psyche steht immer in Bezug zum ganzen Körper und beide sind in die Umwelt eingebettet. Somit sind die Abläufe zirkuläre zu betrachten und nicht linear.

Für Beziehungen bedeutet das, dass auf beiden Ebenen Lösungen und Veränderungen möglich sind und Vorlieben und Präferenzen der Partner die Auswahl bestimmen. Ein Beispiel soll dies verdeutlichen. Der Mann kommt abends nach Hause, ist noch völlig in seine Arbeitswelt vertieft und spricht kaum. Seine Frau freut sich über seine Heimkehr, beobachtet ihn, gibt ihm einen Kuss auf die Backe und möchte von ihrem Tag erzählen. Da er jedoch weiterhin kaum in ihre Richtung schaut, wenig spricht und abwesend scheint, zieht sich die Partnerin innerlich zurück, nimmt eine verspanntere Haltung ein und ihr Blick fokussiert ihn stärker. Sie wartet regelrecht auf eine Reaktion seinerseits auf ihre Erzählungen. Gedanken in ihrem Kopf kreisen um die Fragen, wieso er kaum antwortet, was ihn bewegt und ob er überhaupt gerne nach Hause kommt. Nach und nach wird sie wütend, in ihrem Geist macht sie ihm Vorwürfe, die sie nach einige Zeit auch ausspricht. Somit entsteht schlechte Stimmung, weil er sich angegriffen fühlt und den Eindruck hat, sich verteidigen zu müssen, obwohl er mit seinen Gedanken noch bei der Arbeit war. Die aufkommende schlechte Stimmung erzeugt eine Anspannung des Muskeltonus bei dem Paar, der Blick fokussiert sich auf mögliche Gefahrensignale, das Hören versucht Reize, die bedrohlich erscheinen, zu filtern, wodurch liebevolle, freundliche Aussagen tendenziell eher überhört werden. Der Körper wird immer mehr in Alarmbereitschaft versetzt, die Atmung wird flacher. Unbewusst werden diese Gefahrensignale beim Anderen wahrgenommen und es entsteht mehr Distanz zwischen den beiden. Ein harmonisches Abendessen scheint kaum noch möglich.

Biologisch gesehen stammen diese Aktivierungsabläufe aus der „Vorzeit“, sie waren nützlich, um beispielsweise bei der Jagd schnell mit viel Kraft angreifen oder sich gegen Raubüberfälle verteidigen zu können. Gefahrensignale mussten erkannt und rechtzeitig gehört werden. Leider erzeugen diese Muster in Paarbeziehungen oft Leid und Disharmonie. Selbst für Außenstehende ist alleine an der Körpersprache bzw. Muskelspannung zu erkennen, ob ein Paar einen netten Abend in einem Restaurant miteinander verbringt oder schlechte Stimmung herrscht. Sicherheitsgebende Signale, die die Verbundenheit und Liebe zwischen Partnern erhöhen, lassen sich auf verschiedenen Ebenen herstellen.

  • Atemtechniken lösen Spannungen der Muskulatur, indem länger ausgeatmet als eingeatmet wird. Auch Lockerungen des Kiefers vermindern bereits Spannungen im Gesicht, die unbewusst vom Partner wahrgenommen werden.

  • Auf gedanklicher Ebene kann geprüft werden, welche Gedanken gerade im Kopf kreisen und ob diese eher gute oder negative Emotionen zur Folge haben. Änderungen dieser werden auch die Gefühlslage beeinflussen.

  • Achtsamkeitsrituale wie das Wahrnehmen und vorurteilsfreie Beobachten von Verspannungen im Körper lösen diese oftmals und wirken verbindend.

  • Orientierung im Hier und Jetzt unterbricht Gedankenschleifen. Hierbei zählt man (leise oder laut) 5 Dinge, die man im Raum sieht auf, danach 4 Gegenstände usw.

    Dadurch wird auch der Fokus weg vom Partner verlagert, wodurch sich dieser nicht mehr beobachtet fühlt und mehr Raum für Entspannung entsteht. Gleichzeitig werden nicht hilfreiche Gedankenschleifen unterbrochen und die man fokussiert seine Aufmerksamkeit ins Hier und Jetzt.
  • Beobachtungsexperimente erfassen das Wie: Wie gerate ich in Wut, Trauer, Ärger? Woran merke ich das im Körper und im Geist? Was passiert wann und wo im Körper? Welche Empfindungen und Gefühle bemerke ich danach?

Wiederholen sich bestimmte Vorgänge in Partnerschaften immer wieder, so können diese Muster beobachtet und danach notiert werden. Dies schafft Bewusstheit, was bisher immer wieder automatisch und schnell ablief. Allein das Beobachten und Erkennen von Abläufen gibt schon Sicherheit, da die Reiz-Reaktionsabläufe nicht mehr überwältigend erscheinen und zirkuläre Regelkreisläufe erkennbar werden.

Stephen Porges hat die Polyvagaltheorie geprägt, mit Hilfe derer gefahrvolle Situationen erkannt, beobachtet und sicherheitsgebende Ideen genutzt werden um Verbindung schaffen zu können. Auch hier werden Psyche und Körper in Wechselwirkungen beachtet und Lösungen auf beiden Ebenen genutzt. Das grundlegende Arbeitsmodell hierfür ist die „Polyvagalleiter“, die das zentrale Nervensystem in den Mittelpunkt stellt. Ausgangspunkt ist das autonome (unwillkürliche) Nervensystem, das aus dem Sympathikus und Parasympathikus besteht. Diese beiden Systeme wirken als Gegenspieler, da der Sympathikus aktivierend auf den Organismus wirkt und der Parasympathikus beruhigende Einflüsse besitzt (die sogar bis zur Erstarrung führen können). Porges untereilt den parasympathischen Zweig nochmals in zwei Teile, den ventralen und den dorsalen Vaguspfad. Der ventrale reagiert auf Signale für Zugewandtheit und unterstützt Gefühle, die mit auf Sicherheit basierender Aktivität und sozialer Verbundenheit assoziiert sind. Hierbei entstehen Verbindungen vom Herz und der Atmung zu Mimik, Gestik und liebevollen Interaktionen in Beziehungen. Der dorsale Pfad hingegen reagiert auf Signale, die extreme Gefahr ankündigen und führt uns in einen aktivitätsmindernden Zustand (bis zur Empfindungslosigkeit/Immobilitität).

Mit Hilfe der „Polyvagalleiter“ können Paare herausfinden, was sie in der Partnerschaft tun können, um auf körperlicher und geistiger Ebene Liebe, Sicherheit und Zuwendung gestalten zu können (ventraler Vaguspfad).

Fragen wie:

  • Welche Aussagen und Handlungen versetzen mich in einen Aktivierungszustand?
  • Was fühlt sich für mich beruhigend, warm und sanft an?
  • Was hilft mir in der Präsenz zu bleiben?
  • Welche Übungen helfen mir, um mich gut regulieren zu können?
  • Welche Orte, Düfte, Bilder, Farben, Geräusche (Musik) tun mir gut?
  • Was kann mein Partner für mich tun, wozu ist er wann bereit?
  • Welche Hilfen kann ich sofort einsetzen, was tun wir als Paar bereits (Co-Regulation) und was sollten wir noch lernen (Steuerungsmechanismen)?
  • Durch welche Aktionen zwischen uns Partnern spüre ich Angst oder Wut, verliere ich Vertrauen?
  • Durch welche Aussagen, Handlungen, Farben und Gerüche fühle ich mich wie an einem fremden Ort, wie in einer Falle?

Diese Fragen können sich Paare selbst und gemeinsam beantworten. Folgendes Schaubild kann ihnen dabei helfen, um ihren eigenen Zustand (individuelle und auf der Paarebene) einordnen und verändern zu können.

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Auf der Paarebene sind bestimmte Voraussetzungen hilfreich für das Ausfüllen und Anwenden der Polyvagalleiter:

Das individuelle Schema des eigenen Erlebens sollte bewusst sein, bzw. durch Beobachtungen und Fühlen bewusstwerden (Selbstfürsorge). Danach können zirkuläre Prozesse in der Paarbeziehung benannt und ein Beziehungsmuster in verschiedenen Situationen erstellt werden. Vertrauen und die Achtung von Grenzen spielen hierbei eine wichtige Rolle. Ist zumindest (noch) ein gewisses Maß davon in der Partnerschaft vorhanden, so können Wünsche, Befürchtungen und subjektive Wahrnehmungen benannt und besprochen werden. In einem nächsten Schritt kann das Ausfüllen der Polyvagalleiter beginnen. Hierbei ist es wichtig, dass Bewertungen unterbleiben, denn die Bedürfnisse der einzelnen Partner auf körperlicher und geistiger Ebene stehen nicht zur Diskussion. Es geht vielmehr darum abzugleichen, welche gemeinsamen Lösungsschritte angegangen werden, um mehr Sicherheit, Frieden und Liebe in der Partnerschaft erreichen zu können.

Dieser Austausch auf den körperlichen und geistigen Ebenen, um Lösungen für eine zufriedenstellende Partnerschaft zu finden, erfordert Feinfühligkeit, Achtsamkeit und Körperbewusstsein.

[1] Im Folgenden werden zur Vereinfachung die Begriffe kognitiv, geistig und psychisch gleichgesetzt.

Autor: Katja Baumer, Paartherapeutin
Thema: Wechselwirkungen von Körper und Psyche in der Paarbeziehung
Webseite: https://baumer-paarberatung.de

Literatur: 

  • Deb Dana: Die Polyvagaltheorie in der Therapie. Probst Verlag.
  • Storch, Maja u.a.: Embodiment. Huber Verlag.

#Beziehung, #Verhaltensmuster, #Liebe, #Unterbewusstsein, #Gefühle

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