Was ist Beziehungsfähigkeit?

Was ist Beziehungsfähigkeit? Diese Frage stellen wir uns erst, wenn Probleme auftauchen, die Kommunikation in der Partnerschaft schwierig wird, wir uns nicht mehr sicher und geborgen in unserer Beziehung fühlen. Jeder wünscht sich, geliebt und verstanden zu werden, mit all seinen Gedanken, Zweifeln, Sehnsüchten und Träumen.

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DIE LIEBE! Wo ist sie geblieben?

Wenn ein Paar meine Praxis aufsucht, geht es meistens darum, dass Konflikte in der Partnerschaft entstanden sind, die mit den bisherigen Strategien nicht mehr zu lösen sind. Enttäuschung, Wut, Frustration, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit treten in den Vordergrund. Meistens entsteht der Wunsch, dass der Partner/IN sich ändern, mehr Verständnis aufbringen und die Verantwortung für die Paarbeziehung übernehmen soll. Am Beginn einer Beziehung, in der Verliebtheitsphase, gibt es das Bedürfnis den anderen kennenzulernen, nachzuvollziehen, wie er fühlt und denkt. Es besteht der Wunsch viel Zeit miteinander zu verbringen, sich emotional und körperlich nahe zu sein. Glückshormone werden ausgeschüttet und der Partner/IN wird  durch eine rosarote Brille wahrgenommen. Doch wehe der Alltag beginnt, die rosarote Brille ist weg und auf einmal stört am Anderen, wie er isst, sein lautes Sprechen, seine Unordnung, seine Bedürfnisse…Der Partner/IN verhält sich eigentlich wie immer, aber ich fühle mich genervt, werde unzufrieden und gereizt.

Was ist passiert? Wer oder was hat sich verändert? Meine Sichtweise hat sich verändert. Der Schleier der rosaroten Brille ist weg. Oftmals passiert ein grundsätzlicher Fehler: Ich gebe dem anderen die Verantwortung für mein GLÜCKLICH SEIN! 

Wenn der Partner sich besser verhalten würde, dann wäre alles in Ordnung, ich wäre zufrieden und glücklich. Das ist der Zeitpunkt wo Beziehungsarbeit beginnen sollte. Nirgends lernen wir, wie gute Beziehungen zu führen sind. Wir übernehmen unbewusst das Beziehungsmodell  unserer Eltern oder wollen bewusst eine  ganz andere Art der Beziehung führen. Unsere Herkunftsfamilie lebt uns vor, wie sie mit Konflikten, Streit, Gefühlen, Verletzungen und Enttäuschungen umgeht.

Wenn ein Kind erlebt, dass die Eltern im Streit sagen, „ich trenne mich“ und diese Konsequenz nie eintritt, wird es in seiner Partnerbeziehung davon ausgehen, dass eine solche Androhung folgenlos bleibt. Es kann jedoch, in der Herkunftsfamilie des Partners/IN ganz andere Konfliktmuster gegeben haben.

Im Laufe der Jahre verändern wir uns alle. Wir nehmen verschiedene Rollen ein, Kind, Partner/IN, Freund/IN, Arbeitnehmer, Chef, Eltern, Tante ….

All diese Erfahrungen verändern uns, sie beeinflussen unsere Werte, unsere Träume und Sehnsüchte und unser Verhalten. Wenn mir andere Dinge wichtig werden z.B. Sicherheit, Geborgenheit, Abenteurerlust, Suche nach Neuem … verhalte ich mich auch dem Partner/IN gegenüber anders. Wenn es keinen Gesprächsaustausch darüber gibt, interpretiert der Partner/IN einen Rückzug als Ablehnung und reagiert darauf, ohne zu wissen, was der wahre Grund dafür ist. Gerade in unserer heutigen Zeit kommt es häufig vor, dass sich einer der Partner in einer Stress - oder Überforderungssituation befindet, sich sein Interesse am Anderen verändert, keine Energie und Aufmerksamkeit für die Familie mehr da ist. Oder, wenn Paare Eltern werden, auf einmal das Baby im Vordergrund steht, können sich die Partner vernachlässigt fühlen. Dann beginnt die Krise.

Was ist zu tun? Schritte aus der Krise

1.) Gespräche führen im Dialog zu bleiben. Verstehen, was den Partner bewegt, verändert und interessiert.

Hilfreiche Fragen dazu: 

  • Wie geht es Dir wirklich?
  • Wie kommst Du mit Deiner Arbeitssituation zurecht?
  • Wie geht es Dir in Deiner Familie?
  • Wie erlebst Du Deine neue Rolle?
  • Was brauchst Du, um das Gefühl zu haben lebendig und zufrieden zu sein?
  • Welche Wünsche und Sehnsüchte hast Du?
  • Wie und wo willst Du in einem Jahr leben?
  • Wie würdest Du dich fühlen, wenn Dein Wunsch in Erfüllung ginge?
  • Solche und ähnliche Fragen sind sehr hilfreich, um in einen intensiven Austausch  zu kommen.  

2.) Welche Voraussetzungen sind dafür notwendig?

  • Der Fragende muss bereit sein zuzuhören, ohne zu bewerten Es darf gesagt werden, was im Moment  erfahren wird. (Tipp: setzen Sie eine Regel fest. Jeder hat 5-10  Minuten Zeit über sich und  seine Erfahrungen zu sprechen, ohne unterbrochen zu werden.)
  • Respekt und Achtung vor dem Anderen
  • Verstehen wollen wie es dem Anderen geht
  • Bereitschaft Gefühle wahrzunehmen und darüber zu reden
  • Bereitschaft Verantwortung für das gemeinsame Wohlgefühl zu übernehmen
  • Bedürfnisse bei mir zu erkennen und etwas dafür zu tun
  • Bedürfnisse des Anderen wahrzunehmen
  • Die Fähigkeit zu vertrauen

Eine gute Beziehung mit echter Begegnung ist dann möglich, wenn jeder Partner sich als verantwortungsvollen Menschen erlebt, der dafür sorgt, dass er zufrieden ist und sein Leben auch alleine gestalten kann. Dann begegnen sich zwei gleichwertige und selbstbewusste Partner.

3.) Kommunikationstheorien die, im Alltag hilfreich sind.

Fehlglaube: Jeder glaubt, dass das, was er sagt, genauso beim anderen ankommt  wie er es gemeint hat. Das ist bei weitem nicht so. 

„Der Empfänger bestimmt die Botschaft und nicht der Sender.“ Watzlawick

Das bedeutet, nur  indem ich beim anderen nachfrage, wie er meine Worte verstanden hat, kann ich sicher sein, wie es beim Empfänger angekommen ist.

Das Kommunikationsquadrat ist das bekannteste Modell von  Friedemann Schulz von Thun. Er geht davon aus, dass wir  auf vier Ebenen Senden und Empfangen. 

vier seiten modell thun
  • Sachinhalt: Worüber ich dich informiere.
  • Selbstkundgabe: Was ich von mir preis gebe.
  • Beziehung: Wie ich zu dir stehe, was ich von dir halte.
  • Appell: Was ich von dir will.

Sachinhalt - hier geht es um die Überbringung von Fakten, Daten, Wünschen.

Selbstkundgabe - Jeder gibt immer etwas von sich preis. Jede Äußerung basiert auf Ansichten, Werten, Vorstellungen, Bedürfnissen und Gefühlen des Senders. Im besten Falle ist es dem Sender bewusst und er formuliert es als Ich-Botschaft. (Mir ist es wichtig, pünktlich zu sein…) (Ich bin verunsichert und weiß nicht …,Ich frage mich, was für gute Gründe…)

Beziehungsebene - durch die Beziehungsebene wird deutlich wie  der Sender zum Empfänger steht und was  er von ihm hält. Dies drückt sich auf vielfältige Weise aus. Die Wortwahl, die Art zu sprechen, der Tonfall,  Mimik und Gestik. Wenn ein Empfänger eine Nachricht auf dem Beziehungsohr hört, kann er sich akzeptiert, geachtet, geliebt aber auch gedemütigt, missachtet oder abgelehnt fühlen.

Appell - Die Appelle werden offen oder verdeckt gesandt. Mit meinem Satz: Das Essen ist fertig,  sende ich evtl. einen Appell: „Komm bitte zum Essen.“ – obwohl ich nur eine Sachinformation gegeben habe. Wenn ich mit dem Appellohr empfange, fühle ich mich sofort verantwortlich zu handeln und komme zum Essen. Es kann auch sein, ich nehme es nur als Sachinformation wahr. Der Satz, „die Spülmaschine muss ausgeräumt werden“ -  wird vom Sender oft als Appell gesendet, der Empfänger versteht es als Sachinformation ohne Handlungsbedarf. Schon ist der Konflikt da.

Zur Verdeutlichung ein klassisches Beispiel.

Ein Paar sitzt im Auto, die Frau sagt zum Mann:  „Die Ampel ist grün“ Mit diesem Satz gibt sie zahlreiche Informationen über sich selbst preis. 

  • Sachinhalt: Die Ampel ist grün.
  • Selbstkundgabe: Ich habe es sehr eilig.
  • Beziehung: Ich bin dir überlegen.
  • Appell: Fahr jetzt los!

Die Frage ist nun, mit welchem Ohr kommt es beim Empfänger an. Fühlt er sich kritisiert, bevormundet oder unterstützt. Wir alle senden und empfangen in unserem Alltagsleben ständig. Wenn Missstimmungen entstehen, ist es wichtig, diese aufzudecken und im Gespräch zu bleiben. 

Ansonsten reagiert jeder auf den Partner/IN aufgrund seiner Spekulationen, wie er glaubt, dass der Andere es gemeint hat. Dies sind alles Interpretationen aufgrund eigener Erfahrungen, Werte und Vorstellungen. Wenn ich ein geringes Selbstwertgefühl habe, werde ich bestimmte Verhaltensweisen als Beweis sehen, nicht wertvoll genug zu sein. Der Sender hat evtl. ganz andere Absichten und kann diese Wirkung nicht nachvollziehen.  

Eine gute Beziehung zu führen bedeutet:

  • mir Zeit für die Beziehung zu nehmen
  • im Austausch zu bleiben
  • Interesse am Partner zu haben
  • Bedürfnisse und Wünsche bei mir und meinem Partner wahr- und ernst zu nehmen
  • Verantwortung für mich selbst und die Beziehung zu übernehmen

So kann eine dauerhafte und glückliche Beziehung gelingen.

Autor: Doris Arnitz
Thema: Was ist Beziehungsfähigkeit?
Webseite: https://systemische-therapie-ettlingen.de

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