Burnout ist laut „Internationaler statistischer Klassifikation der Krankheiten und verwandten Gesundheitsprobleme“ (ICD­10) ein arbeitspsychologisches Stresskonstrukt, ein Zustand physischer und psychischer Erschöpfung, aber keine medizinische Diagnose.

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Seit 1992 steht Burnout unter der Diagnosegruppe Z73 „Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung“ und kann von Ärzten lediglich als Zusatzinformation, nicht als eigenständige Arbeitsunfähigkeit auslösende psychische Erkrankung kodiert werden.

Im neuen ICD-11-Katalog, der 2022 in Kraft treten soll, wird Burnout als eigenständige Diagnose definiert, als „chronischer Stress am Arbeitsplatz, der nicht erfolgreich verarbeitet wird." Diese Definition greift nach meinen Erfahrungen zu kurz, da es wohl kaum eine Krankheit gibt, die ausschließlich im beruflichen Zusammenhang auftritt. Die Leistungsfähigkeit ist eben nicht nur beruflich eingeschränkt, sondern betrifft alle Lebensbereiche. Weiter hat Burnout nicht nur schwerwiegende Auswirkungen auf die betroffene Person selbst, sondern auch auf das Umfeld, wie Berufskollegen, Partner, Kinder, Eltern und Freunde.

Wie äußert sich Burnout?

Die Symptomatik ist individuell variabel, lässt sich aber in vier Dimensionen einteilen:

Körperliche Symptome

  • Schlafstörungen
  • Müdigkeit
  • Erholungsunfähigkeit
  • Infektanfälligkeit
  • Vegetative Symptome (z.B. Reizdarm, Schmerzen in Bauch, Rücken, Nacken, Zähnen, Kopf)

Kognitive Symptome

  • Konzentrationsstörung
  • Aufmerksamkeitsstörung
  • Gedächtnisstörung
  • Entscheidungsschwierigkeit
  • Reduzierte geistige Flexibilität
     

Psychische Symptome

  • Niedergeschlagenheit
  • Emotionale Erschöpfung und Labilität
  • Reizbarkeit
  • Motivationsverlust
  • Ängste
  • Aggressivität

Verhaltensänderungen

  • Reduzierte Belastbarkeit
  • Leistungsminderung
  • Arbeitsabwesenheit
  • Unfalltendenz
  • Suchtverhalten
  • Sozialer Rückzug

Wie lange ist man bei Burnout krankgeschrieben?

Laut „Fehlzeiten-Report 2018“ des Wissenschaftlichen Instituts der AOK, hat sich die Diagnosehäufigkeit im letzten Jahrzehnt beinahe verdreifacht und das Krankheitsvolumen rapide erhöht: 2005 registrierte die AOK 13,9 Krankheitstage, 2017 waren es bereits 116,7 AU-Tage je 1.000 Mitglieder. Hochgerechnet auf alle gesetzlich krankenversicherten Beschäftigten ergeben sich daraus für 2017 rund 166.000 Burnout-Betroffene mit kulminierten 3,7 Millionen Krankheitstagen. Zwischen den Geschlechtern zeigen sich deutliche Unterschiede: Auf Frauen entfielen 2017 insgesamt 152 Ausfalltage je 1.000 AOK­Mitglieder, auf Männer hingegen nur 88,6 Tage. Von einem Burnout Betroffene arbeiten in erster Linie in kundenorientierten und erzieherischen Berufen, bei denen ständig eine helfende oder beratende Haltung gegenüber anderen Menschen gefordert ist.

Die Zahlen sind erschreckend, spiegeln jedoch nicht das wahre Ausmaß der Erkrankung wider. Denn im Gegensatz zu einem Beinbruch, bei dem man nach einem konkreten Ereignis - von heute auf morgen - krankgeschrieben ist, entwickelt sich Burnout schleichend. Die Arbeitsunfähigkeit ist dabei nur der „Gipfel des Eisbergs“. Bis der persönliche Leidensdruck groß genug ist, damit jemand zum Arzt geht und sich krankschreiben lässt, vergehen in der Regel viele Monate. Der Psychoanalytiker Freudenberger (1927–1999) wird im Allgemeinen als Begründer des Begriffs „Burnout“ genannt. Er identifiziere zwölf Phasen im Verlauf eines Burnout-Syndroms:

Welche Phasen gibt es beim Burnout?

1. Drang, sich selbst und anderen Personen etwas beweisen zu wollen. Mit übersteigerten Ehrgeiz und Perfektionismus will der Betroffene berufliche Aufgaben besonders gut meistern.

2. Verstärkter Einsatz, um besonders hohe Erwartungen erfüllen zu können. Die erste Phase verstärkt sich, verknüpft mit dem Gefühl, alles selbst und insbesondere dringlich machen zu müssen. Aufgaben werden besonders rasch erledigt und delegieren fällt schwer.

3. Überarbeitung mit Vernachlässigung persönlicher Bedürfnisse und sozialer Kontakte. Die eigene Arbeitsleistung wird als normal empfunden und andere, die weniger Leisten, werden abgewertet.

4. Überspielen oder Übergehen innerer Konflikte und Bedürfnisse, wie Schlafmangel und erste körperliche Symptome. Außerdem mehren sich Fehlleistungen, wie vergessene Termine, Unpünktlichkeit, sonstige Fehler etc.

5. Zweifel am eigenen Wertesystem sowie an ehemals wichtigen Dingen, wie Hobbys und Freunden. Die Wahrnehmung verändert sich, die Betroffenen stumpfen ab, werden oft hart und berechnend.

6. Verleugnung entstehender Probleme, Absinken der Toleranz und Geringschätzung anderer Personen. Betroffene begegnen ihrer Umwelt zunehmend verbittert, zynisch und mit Härte. Der Umgangston ist geprägt von Ungeduld, Intoleranz und Aggressivität. Leistungseinbußen sind deutlich merkbar, ebenso körperliche Beschwerden.

7. Rückzug und dabei Meidung sozialer Kontakte bis auf ein Minimum. Partner, Familie und Freunde werden jetzt als Belastung, oft sogar als feindlich erlebt. Beruflich leisten Betroffene oft nur noch „Dienst nach Vorschrift“. Kritik wird nicht mehr ertragen; sie sind orientierungslos und beschreiben ihren Zustand als hoffnungslos.

8. offensichtliche Verhaltensänderungen, fortschreitendes Gefühl der Wertlosigkeit, zunehmende Ängstlichkeit. Die Betroffenen sind apathisch und häufig zeigen sich paranoide Tendenzen; alles wird als Angriff erlebt.

9. Depersonalisierung durch Kontaktverlust zu sich selbst und zu anderen; Menschen in dieser Phase haben das Gefühl, nicht mehr sie selbst zu sein; sie beschreiben sich als „Maschinen die funktionieren müssen” und sehen ihr Leben als sinnlos und unentrinnbar.

10. innere Leere, völlige Mutlosigkeit, Nutzlosigkeit, Ausgezehrtheit. Verzweifelte Versuche, diese Gefühle zu überspielen (z.B. durch Sexualität, Essen, Alkohol, Drogen); Phobien und Panikattacken sind möglich.

11. Depression mit Symptomen wie Gleichgültigkeit, Hoffnungslosigkeit, Selbsthass, Erschöpfung und Perspektivlosigkeit, geprägt vom Wunsch nicht mehr aufwachen zu müssen (Suizidgedanken).

12. Völlige Erschöpfung mit psychischen und emotionalen Zusammenbruch; es handelt sich nun um einen Notfall.

Wie kann man Burnout behandeln?

An erster Stelle steht eine sorgfältige internistische, psychiatrische und gegebenenfalls schlafmedizinische Abklärung und Differentialdiagnostik, da die vielfältigen Symptome auch anderen Krankheiten zugeordnet werden können. Wenn dies abgeklärt ist, sollte eine Behandlung auf arbeitsorganisatorischer und individueller Ebene erfolgen. Dabei kann Burnout als Lebensaufgabe, als Chance gesehen werden, die eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Es gibt die Gelegenheit, das eigene Leben zu hinterfragen, einen liebevollen, positiven Umgang mit sich selbst zu finden und alles gehen zu lassen, was blockiert und nicht mehr stimmt. Burnout bietet die Chance, sich positiv zu entwickeln. Meine langjährigen therapeutischen Erfahrungen zeigen, dass Patienten mit Burnout ca. ein halbes Jahr bei mir in Behandlung sind. Dabei geht es insbesondere um das Erkennen und Verändern von Denk- und Verhaltensmustern, die tief verwurzelt, zum Teil bis in die Kindheit reichen. Entspannungsverfahren zu erlernen und zu praktizieren sind zwar sinnvoll, entscheidend ist jedoch der tägliche, liebevolle, achtsame Umgang mit sich selbst, mit den eigenen Bedürfnissen und Gefühlen. Dies zu üben und sein Leben langfristig positiv auszurichten ist der richtige Weg, um zufrieden, im Gleichgewicht leben zu können.

Die wichtigsten Faktoren auf Seiten des Arbeitsumfeldes (mit Chef, Kollegen, Betriebsrat zu klären) sind:

  • Reduzierung der zu hohen Arbeitsbelastung
  • Förderung von Wertschätzung und Fairness
  • Belohnungen einplanen
  • Selbstwirksamkeit und Tätigkeitsspielräume erhöhen
  • Verantwortlichkeiten reduzieren
  • klare Rolle am Arbeitsplatz definieren
  • Supervision bei problembeladenen Kunden / Patienten / Klienten
  • Transparenz am Arbeitsplatz steigern
  • Unterstützung durch Vorgesetzte oder Kollegen erhöhen
  • regelmäßiges Feedback
  • ständige Überwachung oder Kontrolle durch Vorgesetzte und Computer reduzieren
  • Leistungserwartungen auf ein gesundes Maß reduzieren
  • Aufstiegsmöglichkeiten aufzeigen
  • keine ständige Erreichbarkeit durch E-Mail und Handy

Die wichtigsten Faktoren auf individueller Seite (mit Psychotherapie erreichbar) sind:

  • Innere Anspannung, innerer Druck durch Entspannungsverfahren reduzieren
  • Perfektionismus, übertriebener Ehrgeiz und Erwartungen bewusst machen und korrigieren
  • Angst vor Ablehnung, Kritik, Versagen verringern
  • „Nein“ sagen lernen, nicht ständig helfen und immer für andere da sein wollen
  • Lob annehmen lernen
  • Sich selbst lieben lernen, unabhängiger von der Anerkennung, Wertschätzung anderer werden
  • Problemorientiertes, negatives Denken in lösungsorientiertes, positives Denken verwandeln
  • Selbstzufriedenheit stärken, weg vom Wunsch, es den andern zu zeigen, etwas beweisen zu wollen
  • Zu dem stehen lernen, was man tut und damit Scheitern zulassen; dies als etwas Normales begreifen lernen
  • Schlafhygiene einüben
  • Irrationale Gedanken und „Schwarz-Weiß Denken“ bewusst machen und vernünftig umwandeln
  • die „To-do-Liste“ nicht zu voll machen, damit mit einem guten Gefühl - an einem Tag - alles erledigt werden kann
  • Üben Erholungsphasen und Pausen einzuplanen und auszuhalten
  • Realistische (Zwischen)Ziele formulieren
  • Konkrete Zukunftspläne machen und visualisieren
  • Konfliktbewältigungsstrategien erlernen und einüben
  • Irrationale Ängste und Vermeidungsverhalten erkennen und reduzieren
  • Lernen, über Gefühle zu sprechen
  • Selbstbewusstsein steigern (z.B. durch Erfolgs-, Danke-Tagebuch, Positives Fremdbild bestätigen lassen etc.)
  • Genießen lernen
  • Dinge, die nicht geändert werden können, durch Gelassenheit hinnehmen lernen
  • Kritik aushalten lernen; es muss nicht alles harmonisch sein
  • Körperbewusstsein schulen
  • Sport in den Alltag einbauen
  • Ernährungsgewohnheiten hinterfragen und entsprechend ändern (z.B. bei Reizmagen, hohen Blutdruck)
  • Bedürfnisse bewusst machen, besser erkennen und lernen gut für sich zu sorgen
  • Psychosomatische Beschwerden besser verstehen und bewältigen
  • Soziale Kontakte knüpfen, mit dem Partner, Familie offen reden
  • positive Freizeitaktivitäten entwickeln
  • negative Glaubenssätze herausfinden und durch positive Affirmationen ersetzen (z.B. ich bin es nicht wert, geliebt zu werden (ich liebe mich, so wie ich bin); mein Leben ist immer anstrengend (mein Leben ist erfüllend); ich bin ein Versager (ich habe bereits viele Erfolge erzielt); ich mache immer alles falsch (was ich wirklich will, gelingt mir); das macht sowieso alles keinen Sinn (alle Details ergeben sich von selbst, ich vertraue darauf); ich bin ein Angsthase (ich bin mutig und bekomme Zugang zu meiner inneren Kraft)

Autor: Diplom-Psychologe - Ralf Gast
Thema: Wie lange ist man krank bei Burnout
Webseite: http://www.seelischebalance.de

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